Man sitzt also fast schon völle(r)gefühlbelastet unterm Weihnachtsbaum, bestaunt die bunten Jamba-Monatspakete und anstatt Jingle Bells ertönen allerorts Klingel-Cells. Plötzlich fallen einem zusammen mit dem bekloppten Frosch zwei Dinge auf. 2004 neigt sich seinem Ende zu und wieder brachte uns ein Jahr etliche Dinge, an die wir uns gern erinnern werden – oder besser nicht. Sorry Frosch, auch wenn ‘ne Pussy dran ist. Abgesehen von derartig tonal-totalitären Terror-Trends feierten klassische Konstanten wie die Ramones oder auch Rush ihren Dreißigsten, und der gute alte Rock kam insgesamt dieses Jahr nicht zu kurz, sondern eher zurück. Neu hingegen, und wieder im Trend, waren indes die – wahlweise in Korsage oder wallende Gewänder drapierten – singenden Burgfräuleins (Nightwish, Evanescene, Within Temptation) aus dem mittelalterlichen Takka-Tollkien-Land. Bevor nun im Kontext dieses Phänomens und anderen finsteren Jahresschlagworten wie Hartz IV, Bushs Wiederwahl und perfiden Parallelgesellschaften der vorschnelle Eindruck entstehen könnte, dass 2004 im Zeichen des dunklen Zeitalters stand, erhellen wir an dieser Stelle das selektive Erinnerungsvermögen mit erlesenen monatlichen Streiflichtern. Schon vergessen…?

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Hier jetzt Monat für Monat:

Januar

Während der Landeroboter ‘Spirit’ zum ersten Mal Aufnahmen vom Mars zur Erde sendet, freuen sich deutsche TV-Empfänger über 20 Jahre Privatfernsehen in der Republik. Passend zu diesem Jubiläum haucht RTL mit der desaströs debilen Dschungelshow ‘Ich bin ein Star – holt mich hier raus’ der alten Glaubensfrage um den medialen Niedergang der westlichen Zivilisation, ausgelöst durch das Duale Rundfunksystem, erneutes Leben ein – der Karriere des Gewinners Costa Cordalis, aber glücklicherweise nicht. Offiziell beendet ist derweil die Karriere von Tim Renner, zumindest als Chef von Universal Music, welcher bei seinem Abgang aus freien Stücken aber sicherlich als glücklicherer Gewinner hervorgeht. Alle Bundesbürger im Gegenzug verlieren pekuniär bei der neuerlich eingeführten Praxisgebühr, denn der regelmäßige Schwatz mit dem Doc kostet nun jährlich 40 Euro. Die Do-it-yourself-Chirurgie und der (un-)menschliche Gusto des als ‘Kannibalen von Rotenburg’ zu fraglichen Ruhm gelangten Armin M. ist dann aber auch keine Lösung und wird mit achteinhalb Jahren Haft wegen Totschlags geahndet. Im Januar ist, wie schon beim Privatfernsehen, vieles Geschmackssache.

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(ohne Worte)

Februar

Bundeskanzler Gerhard Schröder verabschiedet sich vom Bundesvorsitz der SPD. Ein Rücktritt für den (reformatorischen) Fortschritt? Ebenfalls im Zeichen des fraglichen Fortschritts, wenn auch hier des wissenschaftlichen, wird in Südkorea erstmals ein menschlicher Embryo geklont, was passend zum 200. Todestag von Immanuel Kant der etablierten Ethikdiskussion und dem kategorischen Imperativ im allgemeinen ein überdenkenswertes, unfreiwilliges Update verpasst. Unter dem Oberbegriff Aufklärung, ob frei- oder unfreiwillig sei dahingestellt, steht dann im weitesten auch der durch Justin Timberlakes fingerfertigen touch-down entblößte Busen von Janet Jackson beim Showblock des alljährlichen Superbowl-Finales. Abräumer der anderen großen amerikanischen PR-Inszenierung, der Oscar-Verleihung, ist indes der finale Teil der Tolkien- Film-Trilogie ‘Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs’ mit insgesamt elf Trophäen. Genau zwischen den Fronten aus medienwirksamer Publicity und diesmal ethnischer Aufklärung findet sich mit ‘Gegen die Wand’ von Fatih Akin der Gewinner der diesjährigen Berlinale. Auch die Musikwelt wählt mit den schottischen Franz Ferdinand ihren ersten Favoriten für das noch frische Jahr – und das ist erst die ‘Matinee’.

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(Franz Ferdinand)

März

In Bagdad tritt die Übergangsverfassung für einen demokratischen und föderalistischen Irak mit garantierten Menschenrechten in Kraft. Die Gewaltwelle im nahen Osten eskaliert dahingegen mit der Tötung zweier palästinensischer Hamas-Führer weiterhin und mit dem Al Qaida-Zug-Attentat in Madrid erreicht der Terror erstmals auch europäischen Boden. Der Glaube überschattet mit dem Verbot sämtlicher expliziter religiöser Symbole in Frankreichs Schulen auch hier zunehmend das Prinzip Hoffnung, während das Promi-Verhältnis Cruise/Cruz in seiner Trennung gipfelt. Dabei macht wenigstens die massive Mehrheit, mit der sich John Kerry bei den demokratischen Vorwahlen seine Präsidentschaftskandidatur sichert, wieder etwas Mut. Fernseh-Deutschland hingegen wählt ähnlich weltbedeutend und unerschrocken mit Elli Erl seinen zweiten Superstar, derweil Bohlens bessere Hälfte, Stefan Raab, in einem ähnlichen Auswahlverfahrens-Appellativ Max Mutzke in die Veranstaltung-vormals-als-Grand Prix d`Eurovision de la Chanson- bekannt schickt. Neben jenem kulturellen und weltlichen ‘Quo vadis’ beklagt die freigeistige Filmwelt mit derselben Frage den Verlust von Schauspieler, Schriftsteller und Humorist Sir Peter Ustinov.

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(Sir Peter Ustinov)

April 2004

Mel Gibsons drastisches Passionslichtspiel über die letzten Stunden Jesu Christi erhitzt die Gemüter und spaltet die Geister. Dem Film werden antisemitische Tendenzen sowie brachiale Blutrünstigkeit zum Vorwurf gereicht. Dennoch, oder gerade deshalb, wollen weltweit Millionen Besucher diesem Kinoerlebnis beiwohnen. Weniger religiös interessierte Zeitgenossen genießen dahingegen lieber die famose Fortsetzung und das Finale von Tarantinos “Kill Bill”. Apropos Bill. Genau vor 50 Jahren erschien der Haley-sche Komet am muffigen Musikfirmament und markiert mit ‘Rock Around The Clock’ die Geburtsstunde des Rock’n’Roll – Rebellion und musikalische Revolution in zwei Minuten und elf Sekunden. Das waren noch Zeiten. Der sogenannte King of Pop hingegen, Michael Jackson, wird derweil offiziell wegen Kindesmissbrauchs angeklagt, und sein bereits angeschlagener Stern geht schnurstracks in den Sturzflug über. Der Prince hingegen kehrt mit ‘Musicology’ imposant zurück und auch für den Apple iTunes-Shop geht es steil nach oben. Die erste kommerziell erfolgreich operierende Download-Plattform versendet Ende April 2,7 Millionen Songs pro Woche übers Netz und widerlegt somit das ‘oh-www’ der Trend-verschlafenden Musikindustrie.

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Mai 2004

Schockierende Aufnahmen aus dem Abu-Ghureib-Gefängnis in Bagdad zeichnen ein neues Bild von der wirklichen Grausamkeit des Krieges. Aufsehende US-Soldaten, die sich als Folterknechte gerieren und irakische Häftlinge erniedrigend misshandeln, entsetzen die Weltöffentlichkeit und kratzen weiter am Image der amtierenden US-Regierung. Die konspirative, bis zuweilen plakative, amerikanischen Gegenbewegung wird in der Person Michaels Moores und in Form des Anti-Bush-Dokumentarfilms ‘Fahrenheit 9/11’ bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme bedacht. Ein weiteres Indiz für eine zunehmende kontinentale Kluft? Mit der EU-Erweiterung um zehn neue Mitgliedsstaaten jedenfalls erleben das ‘alte’ und ‘neue’ Europa ihren freudenfestlichen Zusammenschluss. Auch ohne Sitz in der Europäischen Union schafft es die Ukraine dahingegen auf den ersten Platz beim Eurovision Song Contest und verweist somit Raab-Schützling Max Mutzke auf Position acht. Das höchste Amt der Republik, das des Bundespräsidenten, übernimmt indes nach lang anhaltendem und enervierenden Parteiengerangel Weltwährungsfonds-Chef Horst Köhler. Ein anderer Bewerber in anderer Sache geht dafür leer aus. Leipzig, und somit Deutschland, scheidet aus dem Rennen um den Austragungsort der Olympischen Spiele im Jahre 2012 aus. Dabei sein ist alles.

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(Michael Moore)

Juni 2004

Gerhard Schröder nimmt als erster Bundeskanzler an der ‘D-Day’-Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Landung alliierten Truppen in der Normandie teil und unterstreicht damit auch die gestärkte deutsch-französische Freundschaft und somit das Ende einer mehr als zwei Weltkriege umspannenden, feindseligen Distanz. Mit dem Tod des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan verstirbt zudem auch ein weiteres Antlitz des Kalten Krieges. Eine gute Seele des Souls, der Musiker Ray Charles, verlässt ebenfalls unsere Welt.
Während Barbie ihren neuen Gespielen Blaine der staunenden Öffentlichkeit präsentiert, möchte Gelegenheits-Blondine Madonna fortan nur noch Esther gerufen werden. Zwei Gründungsväter von Guns N’ Roses, Slash und Duff, sowie Stone Temple Pilot Scott Weiland hingegen heißen nun auch anders und zwar Velvet Revolver. Das Altkünstler-Debüt des Jahres der neuen Supergroup ist die langersehnte und gefeierte Rückkehr der Rockrecken und der perfekte Schultersch(l)uss aus Sleaze und Grunge. Kräftig geschossen wir auch in Portugal, wo in diesem Monat die Fußball Europameisterschaft recht unrühmlich für Deutschland beginnt. Die nationale Elf scheidet im letzten Vorrundenspiel aus, wie tags darauf auch Teamchef Rudi Völler aus seiner Funktion. Viacom Dias heißt es ebenfalls für die Eigenverantwortung der Unternehmensführung von VIVA. MTV übernimmt die Mehrheit am Kölner Konkurrenz-Kanal.

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(Velvet Revolver)

Juli 2004

Unter der Regie von Otto ‘Rehakles’ Rehagel wird Außenseiter Griechenland überraschenderweise Fußball-Europameister und Jürgen Klinsmann neuer Bundestrainer.
Die legendären Crossover-Rapper Beastie Boys melden sich nach längerer Auszeit mit neuem Album ‘To The 5 Boroughs’ zurück und belegen, dass sie immer noch gut im Training(-sanzug) stehen. ‘Fight For Your Right To Party’ könnte hingegen als neues Motto für den Internetauftritt von Motor.de gelten. Die Seite, die vor neun Jahren als erste Labelpage im Netz stand, ist seit Anfang des Monats eigenständiges, freies und von einem Plattenunternehmen unabhängiges Musikportal am Puls der Populärmusik (ab September übrigens im neuen Gewand). Ein musikalischer Saurier kommt mit ‘Tyrannosaurus Hives’ von der wohl bekanntesten schwedischen Garagen-Rock-Kapelle daher, die in gewohnt stilsicherer Anzug-Manier die gepflegten Wilden mimen. ‘Der Wilde’ Marlon Brando, Ausnahmeschauspieler und Rebellen-Ideal-Idol älterer Generationen stirbt unterdessen ebenso wie der klerikale Unbeflecktheits-Mythos ihrer Würdenträger im österreichischen Zweig der Katholischen Kirche. In Priesterseminar St. Pölten stellt die anonym informierte Polizei mehrere PCs prallgefüllt mit Hardcore-Pornomaterial sicher. Künftig werden dort also noch nicht mal mehr Rechner hochgefahren, das Seminar wird in Folge geschlossen.

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(Otto Rehagel)

August 2004

Nein, die 28. Olympischen Spiele der Neuzeit beginnen nicht in Do-Ping, sondern in Athen, auch wenn so mancher Urintest da eine andere Sprache spricht. Drogenkontrollexperte Pete Doherty schafft es, trotz exzessiver Selbsttests, indes ein neues Libertines Album einzuspielen, obgleich Counterpart Carl Barât auf Grund eines sakralen Solidaritätsabkommens für die Zukunft der Band keine Hoffnung sieht, sollte sich Pete nicht verstärkt am Riemen reißen. Um Zukunft und Solidarität geht es diesen Monat auch in (Ost-) Deutschland und den USA. Während hierzulande der völkische Protest gegen Hartz IV und soziale Ungerechtigkeit mit einer massenstarken Wiederbelebung der altbewährten Montagsdemos zum Ausdruck gebracht wird, gehen vor dem Parteitag der Republikaner – ausgerechnet im freigeistlichen New York – 500.000 Bush-Gegner auf die Straße. So protestiert man gegen eine erneute Nominierung desselbigen als Präsidentschaftskandidaten und will ein zweites ‘Hail to the Thief’ diesmal präventiv verhindern. Der Raub zweier Werke aus dem Osloer Munch-Museum hingegen kann trotz Besucher- und Wächter-Präsenz nicht verhindert werden. Die Diebe erbeuten die Gemälde ‘Der Schrei’ und ‘Madonna’, auch wenn Letzteres mittlerweile vielleicht ja auch ‘Esther’ heißt. In Deutschland wollen derweil u.a. Dieter Gorny als ‘Viva Radio Beteiligungs GmbH’ und Tim Renner mit ‘Motor FM – Das Downloadradio’ die Berliner Radiofrequenz 106,8 ergattern. Wer das Rennen letztlich macht entscheidet sich endgültig rechtskräftig im Oktober, aber wem muss man das jetzt noch erzählen?

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(Edvard Munch, Der Schrei)

September 2004

Während bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen die beiden großen Parteien abgestraft werden, setzt der Zuwachs bei den Rechtsradikalen alarmierende Signale. Im Zusammenhang mit entfernterem deutschen Geschichtsumgang entzündet die ‘vermenschlichte’ Hitler-Darstellung des Schauspielers Bruno Ganz im Film ‘Der Untergang’ die Diskussion um ein neues historisch erwachsenes Selbstverständnis der Deutschen. Mit ähnlichen Anfeindungen und Unterstellungen im Gesinnungskontext müssen sich ja seit jeher – und zur Veröffentlichung einer neuen Platte originellerweise erst recht wieder – auch Rammstein herumschlagen. Dabei dürfte ihr Aufritt in weiblichen NVA-Uniformen bei der Party zum zehnjährigen Bestehen der nunmehr selbständigen Marke ‘Motor Music’ obige politische Richtungsfrage augenzwinkernd beantwortet haben. Ihr neues Teil kommt unter dem Titel ‘Reise, Reise’ in die Läden und bietet Fans wie Kritikern wieder weiterhin alles was das Herz begehrt. Die Popkomm für ihren Teil jedenfalls reist dieses Jahr erstmals nach Berlin, um fortan in der Hauptstadt sesshaft zu werden. Bedauerlicherweise ihre letzte Reise treten Gründungsgitarrist Johnny Ramone und Doppel-D-Filmer Russ Meyer an, während dem mittlerweile zu Yussuf Islam mutierten und zur gleichnamigen Religion konvertierten Barden Cat Stevens auf Grund des Terrorismusverdachts die Einreise in die USA verweigert wird. Diese und ähnliche Missstände in ihrem Heimatland prangern deshalb auch Green Day mit ihrem Punk-Konzept-Album (sic) ‘American Idiot’ an und servieren, zusammen mit Social Distortion und deren glühend erwartetem ‘Sex, Love And Rock’n’Roll’ die Punk-Rock-Platten des Jahres auf einem silbernen Tablett.

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(Johnny Ramone)

Oktober 2004

In Afghanistan finden die ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte des Landes statt, und Übergangspräsident Karzai geht aus ihnen als überlegener Sieger hervor. Im ähnlich historischen Bedeutungsrahmen wird zudem in Rom die erste europäische Verfassung von allen EU-Staats- und Regierungschefs unterzeichnet. Von Aufbruchsstimmung ist derweil bei deutschen Traditionskonzernen wie Opel, VW oder KarstadtQuelle keine Spur. Wenn schon für das Sorgenkind Arbeitnehmer ein Platz an der Sonne immer schattiger wird, spendet vielleicht ‘Around the Sun’ von R.E.M ein wenig Trost in trüben Herbsttagen und erhellt kurzzeitig den allerorts gegenwärtigen Politik- und Unternehmer-adressierten Unmut. Und auch die neu eingespielte Version eines der größten Mythen der Popgeschichte hat eine einfache aber wirksame Botschaft: Brian Wilsons ‘Smile’ erscheint endlich abgesegnet und stutzt eigenhändig die fabulösen Legendenranken. John Peel, DJ- Legende des britischen Radios und des exklusiv-unabhängigen Geschmacks im Rundfunk schlechthin, verstirbt indes überraschend an einem Herzinfarkt. Für ein Leben nach dem Mainstream, zumindest im deutschen Äther, macht sich nunmehr Motor FM-Radio stark und sorgt für heiße Ohren.

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(John Peel)

November 2004

Trotz ausdauernder und unnachgiebiger musikalischer Aktivitäten und Versuche von Springsteen, R.E.M., Dave Matthews und den altehrwürdigen Hippie-Helden Crosby, Stills & Nash (ohne Young, der politisch als schwankend gilt) im Rahmen der ‘Vote for Change’-Tour Bush aus dem Amt zu rocken, bleibt das nächtliche Bangen vor dem Fernseher am Stichtag fruchtlos und das Niederlageneingeständnis John Kerrys sorgt am nächsten morgen für Kopfschmerzen und -schütteln. Verkehrte Welt in Amerika – Bush ist weiterhin bräsig präsent und ein Weißer der erfolgreichste Rapper. Obgleich sich Eminems neuestes Output ‘Encore’ den politischen Seitenhieb zum Irak-Kriegstreiberei mit ‘Mosh’ auch nicht verkneifen kann. Das sag noch mal einer, im HipHop geht es nur um überdimensionale Goldketten, Mörderfelgen, sekundäre Geschlechtsteile und Selbstgedrehte. Überraschend ins Gras beißt indes Ol’ Dirty Bastard, eines der Aufmerksamkeit-erregendsten Aushängeschilder des ehrwürdigen Wu-Tang Clans mit jungen 35 Jahren. 40 Jahre mehr hat Palästinenser-Idol und unfreiwilliger Begründer eines immer noch seltsam anmutenden Tuch-Modetrends unter autonom-orientierten Jugendlichen, Jassir Arafat, auf dem Buckel, als er in Paris das Zeitliche segnet. Stichwort Paris. Im Internet kursieren erste Versionen des Pam&Tommy-Privat-Sex-Video-rip-offs ‘A Nigth in Paris’ der publicitygeilen Paris Hilton. In Anbetracht der Tatsache, dass inspirierte, talentierte und zugleich unaufdringlich emanzipierte Frauen in der (Musik-)medialen Öffentlichkeit keine Chance mehr zu haben scheinen, ist in diesem Zusammenhang der unfreiwillige Abgang von Charlotte Roche und des einzigen Ernst zu nehmenden deutschen Musiksender-Formats ‘Fast Forward’ nicht nur doppelt bedauerlich, sondern schlichtweg schlimmer als sexistisch.

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(Charlotte Roche)

Dezember 2004

U2s ‘How To Dismantle An Atomic Bomb’ steht in den Läden und markiert die rockige Rückkehr der irischen Popgiganten. Im deutschen Bundestag hingegen werden für die im Vorfeld viel diskutierte ‘Deutschquote’, die einen 35%-igen Anteil deutscher Produktionen im Rundfunk vorsieht, neben einer Fürsprache der CDU/CSU durch einen Antrag der rot-grünen Regierungskoalition die Weichen gestellt. In Anbetracht der derzeitigen (fast) nie da gewesenen Fülle und Vielfalt ebensolcher Musiken auch ohne gesetzliche Regelung, kann man nur den Eindruck gewinnen, dass bei dieser Idee zuviel andersartig Hochprozentiges im Spiel war. Man fragt sich, ob soviel politischer Irrsinn auch dann noch vorhanden wäre, wenn Thomas D. von den Fantastischen Vier seinem Traum, Bundeskanzler zu werden, Taten folgen lassen würde. Tatenlos zusehen, wie sie in ihrer politischen Wahl betrogen wurden, wollen die Menschen in der Ukraine jedenfalls nicht. In Kiew wird heftig gegen die Wahlmanipulation demonstriert. Mit Erfolg – am 26. Dezember wurde erneut votiert – und gewonnen. In die Gedankenkette Quoten, Mehrheiten und ein Recht auf gute Unterhaltung reiht sich auch Harald Schmidts mediale Rückkehr auf bundesdeutsche Bildschirme ein. 2005 kann also gar nicht mehr so schlimm werden, auch wenn oben erwähnte Quote uns eine debilitätsnahe Dauerbeschallung mit Nu Pagadi, Silbermond, Scooter oder Julie bescheren sollte. Die perfekte Frequenz jenseits all dieser Trendhörigkeit bleibt und wird auch 2005 Motor FM, während alle anderen an frische Neuigkeiten zum aktuellen populärkulturellen Zeitgeschehen interessierten Surfer sich an dieser Stelle hier weiterhin auf der richtigen Seite befinden. In diesem Sinne, guten Rutsch.

Nachtrag: Uns fehlen die Worte, um die Flutkatastrophe in diesem Rückblick unterzubringen…