Eltern kennen das. Man dreht sich einmal um, da sind aus den verspielten Bälgern plötzlich zielstrebige Erwachsene geworden, die fieberhaften nach den Sternen greifen. Nach dem großen Hype in 2012 wäre meinem Lieblingsfestival beinahe die Moral abhanden gekommen. Es ist anders gekommen.

Schon toll anzuschauen wie das Dockville in diesen angestrengte Headliner-Wettbewerb Fluchtlinien legt, Richtung unkommerzielles No-Name-Festival á la Fusion. Oder heimelige Acker-Atmo wie man sie vom Appletree Garden kennt. Der unkommerzielle Appeal des Hamburger Kunst- und Musikfestivals passt in viele Räume. Sogar auf das ganz offensichtlich von der "internationalen gartenschau" verschandelte Messe-Gelände. Wenn man den Machern des MS Dockville etwas vorhalten kann, dann deren Beharren auf Geheimtipp-Status. Auch die Hamburger mussten expandieren und sich dabei schlauer anstellen als BootBooHook, Omas Teich und deren Leidensgenossen, die uns traurigerweise das große "Festivalsterben" auf die gedachte Shortlist für das Angstwort der Jahres hieften.

Eine knappe Handvoll Merch-Buden sind schon verdächtig wenig, wenn man bedenkt, dass es in diesem Jahr genauso viele Dockville- wie Melt!-Besucher gegeben hat. Und dass fast alle Buden auch noch von so sympathischen Hamburger Connaisseuren wie fritz-kola oder Audiolith betrieben werden. Keine hingerotzten Autoparks weit und weit, von den unterschriftgeilen Ständen aus dem Hause Tic-Tac oder Marlboro fehlt jede Spur. Einziger Wermutstropfen: die leicht campige Lattenhütte von YNTHT (You Need To Hear This), sponsored by der genauso unsympathischen wie überflüssigen Kombination aus Philips und VICE Magazine. Kopfhörer verkaufen sie auf dieser kleinen Insel, die auch den Namen "Berlin Mitte" tragen könnte und deren Erlebnisradius auch höchst selten über dieses Fleckchen Erde hinausgeht, das sich insbesondere hier in Hamburg so schön weit entfernt anfühlt.  

Während sich also Festivals wie das Pendant aus Ferropolis mit gierig sabberndem Maul zum Pakt mit dem Teufel — tausche emsiges Sponsoring gegen teuren Headliner — hinreißen lassen, hält sich das Dockville mit seinem betont prestigelosen Programm noch alle Optionen offen: für britisches Insiderwissen in Person von Star Slinger ist auf der Elbhalbinsel Platz, genau wie für gezielte und gelungene Irritationen, wie etwa durch die vermeintlichen Prolo-Hop-Protagonisten Mac Miller und A-Trak — auf deren Beats und 16-Zeiler die Leute dann ja doch irgendwie abfahren. Hier ist für jeden was dabei und es macht sich wirklich das Gefühl einer "kleinen Fusion" breit — sollte der Vergleich überhaupt jemandem was bedeuten — wenn man zur nächsten provisorisch angelegten Bühne erst durch Gras und Wälder steigen muss.

Zum Beleg ein paar Fotos. 

Business-Meeting heute mal nicht auf der Schanze.

Verünglückte oder bewusst kaputt gegangene Installation?

Wenn der Aufruf zur Revolte der erste und einzige Akt der Revolte bleibt.

Sizarr sehen auf der Bühne sehr gut aus. 

Die gefielen uns.

 

Josa Valentin Mania-Schlegel