Wenn wir Musik hören verändert sich unser Herzschlag, unsere Atemfrequenz und unser Blutdruck. Auch Nieren und Muskeln reagieren auf den Sound. Es verwundert also wenig, dass es scheinbar für jede Stimmungslage unseres Körpers die passende Musik gibt – schließlich passt der Körper sich der Musik an. Musik formt den Körper, so dass die richtige Musik beim Hören Kraft und Zuversicht bietet. Beim Schreiben von Musik formt der Körper die Musik, so dass viele Künstler*innen traumatische Erfahrungen in ihrer Musik verarbeiten können. Sowohl das Hören als auch das Schreiben sind dabei als Prozesse des „sich trauens“ zu sehen. Doch was bedeuten diese Prozesse überhaupt?

Die zwei Seiten des Muts

Unsere zwei Beispiele könnten unterschiedlicher nicht sein: Zum einen geht es um Elena Steri. Eine junge Sängerin, deren Musik besonders durch ihren Minimalismus eine enorme Kraft ausstrahlt, und die in ihrem Song „Pavement“ ihre Erfahrungen mit toxischen Beziehungen spürbar macht. Auf der anderen Seite geht es um Lady Gaga oder besser gesagt die Beziehung von der Schriftstellerin Melanie Raabe zu Lady Gaga, über die sie gerade für die KiWi Musikbibliothek einen kleinen Essay geschrieben hat.

“You are on the right track baby” – Wenn Lady Gaga hilft

Melanie Raabes Büchlein beschreibt Lady Gaga nicht als Superstar, sondern als Mutmacher. Als der entscheidende Faktor, der das Schwarze Mädchen aus Ostdeutschland dazu verleitet seinem Traum Schriftstellerin zu werden mit Anfang 30 zu folgen. Das Auftreten Gagas und ihre Musik ist für Raabe der fehlende Beweis dafür, dass man nicht sein muss als wer man geboren ist, sondern man das sein kann, was man sein will. Die Musik ist dabei für Raabe ein Katalysator ihrer Emotionen, der manchmal direkt an ihrer Haut klebt und in anderen Moment nur neben ihr her plätschert, aber immer irgendwie ein Teil von ihrem Weg als Künstlerin ist.

„Ich habe so viel Angst wie eh und je, aber ich störe mich weniger daran als früher“, schreibt Raabe und zeigt damit die Kraft der Kunst: Jemand anderes (in diesem Fall Lady Gaga) hatte sich den Mut genommen einen Text/einen Song zu schreiben und Gagas Mut überträgt sich auf ihre Hörerin. Raabe fühlt sich nicht mehr allein, obwohl Welten zwischen den Beiden liegen.

“Hey, I know it is strange that we met this way” – Wenn Musik Verbindungen erschafft

Dieses Gefühl von nicht allein sein, bekam auch Elena Steri zu spüren, als sie ihren Song „Pavement“ veröffentlichte.  Viele Menschen schrieben ihr danach, dass sie erst langsam verstehen wie viele Menschen von toxischen Beziehungen betroffen sind oder auch dass sie selbst schonmal betroffen waren. „Musik ist nun mal ein Medium, in dem man sich verstanden fühlt, ohne dass man tatsächlich etwas sagen muss. Musik kann sich wie eine Umarmung anfühlen. Gleichzeitig ist das Schreiben für mich selbst auch eine verschlüsselte Art, um mich mit meinen Erinnerungen auseinanderzusetzten“, sagt Elena.

Die Nachrichten bestärkten Elena darin, dass sie mit der Veröffentlichung den richtigen Weg gegangen war. Ein Weg, der nicht einfach war, aber das Thema war ihr zu wichtig, um zu schweigen: „Das Thema wird oft sehr romantisiert in Songtexten. Es wird in diesem ‚du machst mich kaputt – ich kann nicht ohne dich leben‘-Ton dargestellt, was das aber total verharmlost, denn so ein Verhalten hinterlässt ja bleibende Schäden. Mir war es einfach wichtig in meinem Song darzustellen, dass es Angst macht.“

Beim Schreiben achtete Elena darauf, dass der Text nicht nur vor sich „Hinplätscherte“, sondern jede Zeile ihre Geschichte hat. Dadurch war am Ende eigentlich nur die Zeile „hey I know it is strange that we met this way“ aus der vollkommenen Intuition beim vor sich hinsingen in ihrem Zimmer heraus entstanden. Eine Zeile, die die Verbundenheit zwischen Künstler*in und Hörer*in besonders hervorhebt und den gegenseitigen Mut und Schutz in absurden Situationen sanft zelebriert.

Der Körper als Instrument

Doch wie fühlt es sich für eine Künstlerin an, ihren Körper mit all seinen intimen Erfahrungen für einen Song als „Instrument“ zu verwenden, im Falle von Elena ist schließlich auch das Musikvideo von „Pavement“ extrem Körper betont? „Ich komme ursprünglich aus dem Tanzen und so prägt das noch immer die Art und Weise, wie ich Musik mache. Dadurch das ich früher immer Choreografien zur Musik machen musste, höre ich noch heute Musik ganz automatisch mit dem Körper. Beide Kunstformen haben dabei etwas wahnsinnig Befreiendes für mich.“, erzählt Elena und fügt hinzu: “Ich hatte noch nie so viel Angst vor einem Release wie bei ‚Pavement‘, wobei ich vor dem Video Release noch mal aufgeregter war als vor dem Song Release. Natürlich war es eine sehr emotionale Woche, weil es auch ganz viele Erinnerungen aufwarf. Aber am Ende habe ich gelernt, dass egal ob gut oder schlecht man nimmt etwas mit aus jeder Erfahrung. Klar hängen manche Sachen nach, aber hätte ich die Erfahrungen nicht gemacht, würde ich heute nicht die Musik machen, die ich jetzt mache. Manchmal fühlen sich Dinge schlecht an und es passieren einem Sachen, die einem nicht passieren sollten, aber man hat eben keine Kontrolle darüber. Das Wichtige ist zu verstehen, dass gute und schlechte Erfahrungen sich nicht gegenseitig bedingen. Sie sind unabhängig voneinander und nicht miteinander verknüpft.“

Diese Erkenntnis teilt Elena mit ihren Hörer*innen, so wie alle Künstler*innen ihre Erfahrungen teilen und damit Schritt für Schritt nicht nur selbst mutiger werden, sondern auch ihre Hörer*innen ermutigen.


Die wunderbare Elena Steri könnt ihr hier auf Instagram finden.

Das Buch „Lady Gaga“ von Melanie Raabe aus der KiWi Musikbibliothek, haben wir als Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Es ist eine unfassbar schöne und kurzweilige Mutmacher Geschichte von einer der klügsten Autorinnen, die Deutschland zu bieten hat!

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