Bereits zum letzten Album präsentierten wir Adam Green in einem ungekürzten Gespräch. Zu sagen, seitdem wäre einiges passiert, wäre ein Understatement erster Güte: Green nahm Deutschland mit “Gemstones” im Handstreich, mittlerweile hängt an der Wand von des Sängers New Yorker Wohnung gar eine goldene Schallplatte. Und nun erscheint in diesen Tagen mit “Jacket Full Of Danger” bereits der Nachfolger. Für uns Grund genug, den guten Adam einmal mehr ausführlich zu Wort kommen zu lassen.

Adam, die Streicher sind zurück! Wie kommt’s?
Ein Grund, warum ich beim letzten Album ohne Streicher gearbeitet habe, war der, dass ich zeigen wollte, dass sie nicht absolut notwendig sind, dass meine Songs auch ohne sie auskommen. Nun aber hatte ich wieder Lust auf Streicher.

Und vermutlich endlich die Mittel, sie auch live einsetzen zu können.
Ja, das ist richtig. Ich werde in Deutschland einige ausgesuchte Shows in Theatern mit Bestuhlung spielen, bei denen die Streicher zum Einsatz kommen werden. In klassischen Rock-Venues kann sich der Zauber des Ensembles nicht so gut entfalten. Ich hätte gerne viele mehr in dieser Richtung gemacht. Aber das Problem bei traditionellen Opernhäusern und Theatern ist, dass man sie mindestens ein Jahr im Voraus buchen muss. So weit kann ich aber unmöglich planen.

Was hat dich überhaupt nach so kurzer Zeit wieder ins Studio getrieben?
Ich denke: Überlebensinstinkt. (lacht)

Ach komm, nach einem zumindest in Deutschland so erfolgreichen Jahr hättest du dir ein paar Tage durchaus leisten können, oder?
Stimmt, in Deutschland ist es gut gelaufen. Sonst aber nicht so sehr – ich bin weit davon entfernt reich zu sein oder auf der Straße erkannt zu werden – in den USA habe ich derzeit nicht einmal einen Plattenvertrag. Außerdem muss man die Songs so aufnehmen wie sie kommen.

Hast du denn nie das Bedürfnis dich auszuruhen?
Schon, aber manchmal kann ich mir das nicht aussuchen. Ich meine, mich treibt keiner von außen an oder so. Aber wenn du dich auf dem Pfad der Kreativität befindest – einen Haufen Songideen und fertige Texte und all diese Dinge hast, dann musst du die Sache durchziehen. Es macht keinen Sinn, Songs liegen zu lassen und erst nächstes Jahr oder so aufzunehmen, da dann ja schon wieder andere Sachen anstehen. Außerdem würde ich ohnehin keine Ruhe finden, solange die Musik nicht im Kasten ist.

Gab es also im letzten Jahr gar keinen Urlaub?
Nur ein kleiner Trip mit meiner Freundin, keine große Sache.

Bei unserem letzten Gespräch hast du erzählt, dass du alles andere als ein Akkordarbeiter bist und sehr lange für einen Song brauchst. Wann also hast du die neuen Songs geschrieben, unterwegs?
Mir kommen überall Ideen, außer zu Hause: In Aufzügen, Flugzeugen, im Umkleideraum. Alles, was mir bei solchen Gelegenheiten in den Sinn kommt, wird kurz auf meinem Diktiergerät skizziert – welches ich immer dabei habe; ausgearbeitet werden die Sachen später. Im Allgemeinen arbeite ich parallel an mehreren Sachen gleichzeitig und irgendwann fügt sich dann alles zusammen.

Fällt dir eigentlich mittlerweile das Gitarrespielen wieder leichter?
Nicht wirklich. Diese Verletzung, die ich da hatte, ist chronisch. Ich kann schon ein bisschen spielen, aber jeden Abend auf der Bühne funktioniert das nicht. Was aber okay für mich ist – ich habe mich ohnehin nie so sehr als Gitarrist gesehen. Dafür habe ich mich auch zu wenig mit dem Instrument beschäftigt.

Spielst du denn auf dem ein oder anderen der neuen Songs?
Ja, das tue ich tatsächlich. Ich bin auf drei Songs zu hören. Für diese Nummern schwebte mir ein traditioneller, heavy Blues-Fingerpicking-Style vor, den keiner aus der Band so gut hinkriegt wie ich. Dieser Stil ist sehr schwer zu lernen, aber da ich Jahre damit verbracht habe, ihn mir beim Nachspielen von Mississippi John Hurt-Platten draufzuschaffen, bereitet er mir keinerlei Probleme. Unter anderem setze ich diesen Stil bei “Jelly Good” ein, ein happy song in einem traurigen Gewand, das ist witzig. Ich arbeite gerne mit solchen Gegensätzen und plötzlichen Wendungen.

Wenngleich es zumindest auf mich den Anschein macht, dass dir nun daran gelegen ist, ein wenig reifer und ernsthafter zu klingen – die neuen Songs verlaufen in weitaus konventionelleren und auch erwachseneren Bahnen als in der Vergangenheit. Es gibt weniger plötzlich auftretende Überraschungen.
Nun, du kannst nie ein Album machen, auf dem sämtliche Aspekte deiner musikalischen Persönlichkeit zum Tragen kommen. Ich denke, wir haben die besten Streicher-Arrangements bislang und meine Band ist wirklich absolut großartig, das sind fantastische Musiker. Die Songs sollten also auch dieser enormen musikalischen Basis Rechnung tragen.
Ich denke aber immer noch, dass ein ausgeprägt überraschendes Moment sehr wichtig ist. Ich arbeite, wie du vorhin schon angemerkt hast, sehr langsam und gewissenhaft an Songs – da bleibt absolut nichts dem Zufall überlassen. Jeder kleinste Teil und Part wird hundert Mal hin und her geschoben und variiert, ehe er aufgenommen wird.

Hat die Veränderung nicht vielleicht auch etwas mit der Angst zu tun, auf den Humor-Aspekt deiner Arbeit reduziert zu werden?
Um ehrlich zu sein: Meine größte Angst ist es, die Leute zu langweilen. Aus dieser Angst ziehe ich meinen Hauptantrieb. Aus diesem Grund versuche ich zu viel zu variieren, und deshalb ist auch kaum eines meiner Lieder länger als zwei Minuten – ebenso wie die gesamte Platte abermals nur knapp 30 Minuten lang ist. Meine Alben sollen als kompakte Einheiten wahrnehmbar sein, die man bequem in einem Rutsch durchhören und sich danach wieder etwas anderem widmen kann. Die Leute sagen zwar immer, ich solle mal ein längeres Album aufnehmen, aber das können sie vergessen.

Ist ja auch allgemeiner Trend in letzter Zeit, dass die Platten wieder kürzer werden. Nachdem es jahrelang für viele Musiker darum zu gehen schien, das maximal Maß einer CD voll auszunutzen – was natürlich nur den allerwenigsten auf kontinuierlichem Qualitätslevel gelang…
Exakt. Ich würde es hassen, zu viele Songs oder Füllmaterial zu haben. Wo man dann alle Hits auf die erste Hälfte packt und weiter hinten kommt der Ausschuss. Als ich jünger war, habe ich wie ein Wahnsinniger nach jedem unveröffentlichten Nirvana-Song gesucht – und keinen vernünftigen gefunden. Weil alle guten eben schon auf den Alben waren und darüber hinaus gab es halt nichts. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als sich eine Platte zu kaufen und nie das Gefühl zu haben, sie wirklich zu kennen – weil man eben nie bis zum Ende gekommen ist. Nein, auf einem guten Album muss absolut jeder einzelne Song von vorne bis hinten seine Berechtigung haben und auch die Reihenfolge muss stimmen! Hör dir die alten Motown-Platten an, sie sind perfekt in ihrer Ökonomie!

Dass du für diese Ära ein Faible hast, klingt bei einigen neuen Songs durchaus durch, was bedeutet dir Motown?
Motown ist alles. Das ist die beste Musik, die jemals gemacht wurde, weil absolut alles in ihr steckt, was Musik ausmacht. Smokey Robinson, die Temptations – keiner kommt an diesen Aufnahmen vorbei! Und weißt du was diese Qualität ausmacht? Das es weder männlich noch weiblich ist, sondern einfach nur um Musik in ihrer absolut bahnbrechenden Kraft! Überhaupt ist die Musik bis Ende der Siebziger bis heute absolut unerreicht. Roy Orbison, Elvis, die Doors – ich höre diesen ganzen Kram immer noch tagaus tagein, wir können so viel von diesen Leuten lernen.

Vor allem hast du aber wohl bei den klassischen Croonern gelernt. Deine Stimme scheint noch voller und tiefer geworden zu sein.
Seit ungefähr einem Jahr habe ich meine wirkliche Stimme gefunden. Erst jetzt habe ich das Gefühl, wirklich aus dem Bauch heraus zu singen. Eine Entwicklung im Übrigen, die sicher eine Menge mit den vielen Konzerten zu tun hat. Zu den letzten beiden Alben habe ich über 150 Shows gespielt – da wirst du immer besser ohne es zu merken.

Wie vermeidest du bei so vielen Konzerten Routine? Ich war im letzten August dreieinhalb Wochen bei meinem Bruder in Upstate New York und habe während dieser Zeit in der dortigen Starbucks Filiale gearbeitet. Einfach, um wieder einmal ganz normale Dinge zu tun und der Routine zu entkommen.

Das ist ja witzig. Wussten die Betreiber des Cafes denn, wer ihr neuer Kellner ist, und – gehen die Leute mit Adam, dem Kaffee-Kellner anders um als mit Adam dem Popstar?
Nein – außerhalb von New York City kennt mich ohnehin keine Sau, und selbst dort kommen höchstens 600, 800 Leute zum Konzert.

Okay, aber generell hast du dich doch sicher an eine besondere Art des Umgangs der meisten Leute mit dir in den letzten Jahren gewöhnt und dein kleines Experiment bei Starbucks war doch vielleicht auch eine hervorragende Gelegenheit zu beobachten, wie viel dieses Verhalten dir gegenüber mit deinem Status zu tun hat. Ich meine, man ist dir doch sicher anders begegnet als gewohnt, oder? Was hast du für Beobachtungen machen können?
Okay, jetzt weiß ich, was du meinst, und du hast natürlich Recht. Insbesondere in der Service-Industrie hat man es generell nicht besonders leicht und wird als Fußabtreter missbraucht. Das Interessanteste für mich war aber vor allem, wieder eine gewisse Demutshaltung anzunehmen. Ich meine, Kaffeeverkaufen wäre meine berufliche Realität, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte – da mache ich mir keine Illusionen. Jahrelang habe ich in solchen Jobs gearbeitet, und dadurch, dass ich schon so früh mit den Moldy Peaches begann, könnte ich auch gar nichts anderes machen als niedrig bezahlte Dienstleistungs-Jobs. Schließlich habe ich keinerlei Ausbildung genossen. Und dann war mir auch eines bewusst: Für mich war es ein Spaß. Ich entwickelte eine gewisse Routine – nebenbei bemerkt ist mein Cappuccino großartig, musst du unbedingt mal probieren! – und war ja zum Glück nicht auf das Geld angewiesen. Es gibt aber in den USA eine Menge Leute, die sich nach so einem schlecht bezahlten Job bei Starbucks die Finger lecken würden!

Ist es denn dann überhaupt eine so gute Idee, diesen Leuten ihren Job gewissermaßen, nun ja: wegzunehmen?
Versteh’ mich nicht falsch, ich missbrauche das reale Leben anderer Menschen, die im Service-Bereich arbeiten, nicht für so eine Art private Reality-Soap. Weder mache ich mir einen dekadenten Spaß daraus, noch habe ich es finanziell nötig, dort zu arbeiten. Ich wollte einfach nur mal wieder was ganz anderes machen, auf andere Gedanken kommen. Aber viel von dem, was ich dort erlebt habe, taucht nun in einigen Songs wieder auf. Auch wegen der Freundin meines Bruders, bei dem ich ja gewohnt habe. Mein Bruder ist vor einiger Zeit zum Christentum konvertiert und seine Freundin ist extrem religiös und sehr seltsam. Ich könnte niemals mit ihr zusammen sein, und insgesamt war das eine sehr seltsame Zeit, aber für meine Songs hat es eine Menge gebracht.

Man hat ja ohnehin die meisten guten Ideen in Alltagssituationen und nicht zu Hause am Schreibtisch, oder?
Absolut. Man muss sich von seinem Arbeitsplatz lösen. Mein Freund Jack hat zum Beispiel seine besten Ideen, wenn er am Klavier sitzt – als Gitarrist! Irgendein großer Schriftsteller hat mal gesagt, dass er in seinem Arbeitszimmer ein Fenster hat, von dem er stundenlang regungslos hinaussieht, wenn er an einem Buch arbeitet. Seine Frau kommt dann rein und fragt: “Hey, wolltest du nicht arbeiten?” – “Ja, exakt das ist es, was ich hier tue – ich warte auf die Inspiration.” Und genau so läuft es auch. Den größten Teil verbringt man mit Warten. Du sitzt nicht vor einem Vierspurgerät mit der Gitarre in der Hand und produzierst die tollsten Nummern, sondern du wartest, bis sie zu dir kommen. Ich meine, meine besten Songs habe ich bei Spaziergängen im Park geschrieben. Ich war deshalb sehr erstaunt, als ich Badly Drawn Boy kürzlich fragte, wie er arbeitet, und er sagte: “Ausschließlich im Studio.” Das hatte ich noch nie gehört. Ich erwiderte: “Hey, du musst eine Menge Geld haben!” Klar, wenn Geld keine Rolle spielt, kann man sich monatelang im Studio einmieten und auf die Inspiration warten.

Mittlerweile verbringst du einen nicht unerheblichen Teil deiner Zeit in Deutschland. Welche Unterschiede zwischen Deutschland und den USA fallen dir am meisten auf?
Oh, in Deutschland gibt es definitiv mehr Pizza Hut-Filialen als bei uns. (lacht, überlegt dann lange) Ich muss sagen, dass mir Deutschland eines der lebenswertesten Länder überhaupt zu sein scheint. Einiges hier läuft besser als bei uns. Du brauchst nur aus dem Fenster zu gucken: Heute ist ein extrem kalter Tag (die Temperatur beträgt -18 Grad) und man sieht kaum Leute auf der Straße. Ganz einfach, weil die meisten einen warmen Platz zum Kuscheln haben. In New York sind im Winter die Straßen voll mit Obdachlosen. Und dann ist es hier auch viel liberaler im Umgang mit Sex, Drogen und solchen Sachen. Durch die repressive Stimmung bei uns, die Sachen wie diese Janet Jackson-Geschichte so aufbauscht, ist die Zensur in den letzten Jahren immer stärker auf dem Vormarsch und bedroht die freie Meinungsäußerung. Vielleicht hast du ja davon gehört, dass ich Teile von “Emily” und “Carolina” wegen angeblich jugendgefährdender Inhalte komplett umtexten musste, um in den USA ins Radio zu kommen. Diese Leute können nicht zwischen meiner Intention und der von Leuten, die vielleicht wirklich schädlich für die Menschen sind, unterscheiden. Ich habe mich nie als Kämpfer gefühlt – bis diese Typen von der Zensurbehörde ankamen und meinten, mit mir würde etwas nicht stimmen, weil ich solche Texte schreibe. Ich meine, diese Texte und die Musik – das bin ich!

Warum bist du dann überhaupt auf die Forderung eingegangen und hast nicht auf eine Veröffentlichung verzichtet?
Es war die einzige Möglichkeit für die Videos im Fernsehen zu laufen, und mir ist es wichtig, auch in den USA wahrgenommen zu werden.

In Europa fühlst du dich also freier. Was aber vermisst du an deiner Heimat?
Auf jeden Fall meine Freundin. Das ist wirklich nicht leicht. Sie arbeitet als Illustratorin für verschiedene Magazine. In zwei Wochen muss sie für einige Tage nach London, dann können wir uns fünf Tage sehen – aber dann auch immer wieder Monate gar nicht.

Da muss man dann wohl eine Menge Vertrauen und Verständnis aufbringen, oder?
Ja, diese Dinge sind sehr wichtig und das ist wirklich nicht immer leicht.

Julian Casablancas von den Strokes erzählte mir kürzlich, dass du beim Berliner Konzert der Strokes bei ihm im Hotelzimmer zur Gast warst. Wie muss man sich das vorstellen?
Julian hatte das größte Hotelzimmer, das ich je gesehen habe. Das muss eine Präsidentensuite oder so was gewesen sein. Diese Suite hatte einen Gastraum und in dem wohnte ich. Ich verbrachte mehrere Tage mit den Jungs und habe mit Julian und Albert bis tief in die Nacht über Vodkaflaschen philosophiert. Am vorletzten Tag haben die Strokes in der Maria Am Ufer gespielt und mir netterweise einen Song gewidmet. “On The Other Side”, mein Favorit vom neuen Album. Ich kriege die Melodie seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf.

Am selben Tag hast du mit dem so genannten “Style Award”, eine etwas seltsame Auszeichnung, verliehen bekommen, wie stehst du dazu?
Nun, es ist der erste Preis, den ich je gewonnen habe, von daher war es nett. Den “Echo” habe ich ja verloren.

Du hast deinen “Echo” verloren?
Bildlich gesprochen – ich “verlor” ihn an Katie Melua. (lacht)

Text: Torsten Groß