…wer nicht vergisst / wie das Leb’n / nun mal so ist.” Nämlich mal so, mal so; mal hü, mal hott – aber eigentlich ganz schön! Und deswegen, also, weil er nämlich erkannt hat, dass auch sein persönliches Exemplar von Dasein im Grunde ganz schön tolle Details für ihn bereithält, findet Matthew Caws sich selbst ziemlich im Grunde recht “Lucky”. Und nennt – sehr zum Chagrin seiner Bandkollegen – das neue Album seiner Kapelle Nada Surf genau so. “Oh ja, die anderen mochten den Titel überhaupt nicht, sie fanden ihn banal. Aber da sie nicht von ihrem Veto-Recht Gebrauch machten, und ich ihn wirklich, wirklich haben wollte, heißt das Album nun eben ‘Lucky”.”

Und wofür schätzt sich der Sänger und Gitarrist des New Yorker Trios nun so besonders glücklich? “Och, das sind im Grunde recht simple, fast schon kitschige Dinge: Gesundheit, genügend Geld, die Miete auch morgen noch bezahlen zu können – und auch die Tatsache, dass ich als allein erziehender Vater ein dreijähriges Kind habe, hat mir einige ganz neue Perspektiven gegeben.”

Und in der Art und Weise, wie Musiker gerne von ihren neuen Platten als ihren “Babys” sprechen (tut Matthew nicht, keine Angst, aber es passte gerade so gut…), ist Herr Caws in der Stadt, um den neuesten Nachwuchs der Familie “Nada Surf-Diskographie” zu erklären. Dabei ist die Platte auf den ersten, zweiten und vielleicht auch sechsten Blick gar nicht sooo spektakulär und erklärungsbedürftig: Feinster Gitarrenpop mit ohrenschmeichelnden Melodien und winterlichem Kuschel-Weltschmerzfaktor 10, aber auch genügend emotionaler Drive für den kommenden Frühling und Sommer. Dazu wie gehabt melancholische, sehnsüchtige aber auch vorsichtig optimistische Texte.

Im Grunde liegt die wesentlichste Veränderung für Nada Surf aber ja auch schon über ein Jahrzehnt zurück, nämlich die von der MTV-präsenten, populären (haha, kein Wortspiel beabsichtigt – oder doch?) Band im Fahrwasser von Weezer, Eels, Frank Black und meinethalben der Rollins Band minus Testosteron aber inklusive Ironie, hin zu einer deutlich sanfteren Gangart, deren Wurzeln eher im folky Gitarrenpop der spätern Sechziger bzw. britischem Indiepop der frühen Neunziger liegen.

Matthew Caws musikalische Wurzeln hingegen liegen ganz woanders: “Meine Eltern hörten ausschließlich barocke Kirchenmusik. Und noch heute finde ich großen Trost in religiöser Musik, wenn viele Menschen gemeinsam singen. Diese Lieder, und auch die Werke von Bach mit denen ich aufgewachsen bin, sind so unfassbar sorgfältig konstruiert. Da gibt es diese ganzen musikalischen Frage/Antwort-Teile, Melodien und Themen werden dauernd variiert, kommen aber immer zurück. Das ist etwas, das ich auch heute noch in Musik irgendwie suche, und deswegen bin ich früher auch auf viele Konzerte gegangen – um diesen Moment zu finden.”

Und diesem Moment des Trostes, der Geborgenheit, “wenn Dein Herz aufgeht und die Tatsache, dort, bei einem Konzert zu sein, Dir physisches Wohlbefinden bereitet” – dem haben Nada Surf sogar ein Lied gewidmet: ‘Beautiful Beat’ heißt es, und preist die Kraft der Musik, uns aus dem alltäglichen Schlamassel und Kummer herauszureißen. Und sei es nur für die Dauer eines Augenblicks – oder einer Nada Surf-Platte…

Text: Ralph Schlegel