Mit dem Pups- und Pipi-Punk von Blink 182 hat Tom Delonges neue Band “Angels And Airwaves” nichts mehr zu tun. Der 30-jährige Familienvater trennte sich komplett vom Image des fäkalhumoristischen Superstars und konzentriert sich auf dem AAA-Debüt ‘We Don’t Need To Whisper’ nicht nur auf sphärischen Bombast-Sounds und esoterischen Hokuspokus, sondern vor allem sich selbst. Wir trafen DeLonge am Morgen nach dem AVA-Live-Auftritt in London und saßen einem vor Euphorie platzenden Mann gegenüber.

Tom, ihr habt gestern euren ersten Europaauftritt absolviert. Wie waren die Reaktionen der englischen Fans?
Die Show war großartig, wenn man bedenkt, dass es erst unser insgesamt viertes Konzert war. Ein paar kleine technische Schwierigkeiten, weil wir viel mit programmierten Sounds arbeiten, aber insgesamt waren wir sehr tight. Ich bin erstaunt, dass wir nach so kurzer Zeit schon so gut aufeinander eingespielt sind.

Angels And Airwaves hat weder musikalisch noch inhaltlich viel mit Blink 182 gemeinsam. Wie kam es zu diesem massiven Wandel?
Ich war sehr stolz auf unser letztes Blink-Album. Meiner Meinung nach haben wir eine Platte gemacht, die Punkrock auf das nächst höhere Level hievte. Andererseits war mir das Blink-Korsett immer noch zu starr und ich habe überlegt, wie ich mein eigenes Songwriting noch mehr fordern konnte. Ich dachte, wenn ich meine Punkrock-Basis aus Teenage Angst und Aufregung mit meinem Interesse für spirituelle und politische Themen kombinierte, könnte das genau der Platz sein, an dem ich mich wohlfühle. Und das ist mir gelungen: Meine musikalische Vision in Kombination mit meiner Persönlichkeit ist das, was Angels And Airwaves ausmacht.

Auffallend ist deine offensichtliche Vorliebe für Krieg, Science Fiction und wissenschaftliche Zusammenhänge, sie sich in Songs wie “Valkyre Missile”, “The War” oder “Start The Machine” ausdrückt.
Das Thema Krieg finde ich faszinierend, denn es ist mir ein Rätsel, wie es immer noch dazu kommen kann. Wir haben unsere Lektion noch immer nicht gelernt. Wir leben in einer Zeit, in der sich Wissenschaft in rasendem Tempo weiterentwickelt; wir sind in der Lage, die Quantenphysik zu erforschen, wir schicken Satelliten auf fremde Planeten, wir transplantieren Herzen, Nieren und ganze Gesichter. Und kaum entwickelt sich im Mittleren Osten ein kleines Problem, bomben wir es in Stücke. Unfassbar.


Dein Bruder hat im Irak gedient. Wie sieht er die Dinge?
Er ist wie die anderen 99% aller Militärbediensteten bereit, sein Leben für sein Vaterland zu opfern, allerdings nur dann, wenn er zu 100% davon überzeugt ist, das aus gutem Grund zu tun. Für ihn ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Lügen, die dem Krieg im Irak vorausgegangen sind, gar nicht möglich – es würde ihn nur verrückt machen.

Was ist deiner Meinung nach die Lösung des Problems?
Es gibt keine Standardlösung. Ich finde es lediglich paradox, dass Menschen in der Lage sind, so schreckliche Dinge wie einen Krieg zu kreieren, um damit andere Länder zu genauso friedlichen und idyllischen Orten zu machen wie Amerika selbst. Es scheint, dass die ganze Idee vom “land of the free” Utopie war und uns Amerikanern so etwas bevorsteht wie der Niedergang Roms.

Du machst den Eindruck, als hättest du dich schon länger mit den ernsthaften Dingen des Lebens auseinandergesetzt. Das hätte man dir zu Blink-Zeiten sicher nicht zugetraut.
Es gibt immer zwei Seiten der Medaille und ich war auch zu Blink-Zeiten an politischen und spirituellen Zusammenhängen interessiert, nur hat mich danach nie jemand gefragt. Aber keine Angst: Ich bin immer noch der Typ, der ständig dumme Witze reißt, so viel hat sich also gar nicht geändert.

Einer der wesentlichen Aspekte bei deiner neuen Band ist es, Familie und “Job” besser miteinander zu koordinieren. Gab es in der Vergangenheit Probleme, beides im Gleichgewicht zu halten?
Manchmal war es schlimm, ich war ja teilweise zwei Jahre am Stück unterwegs und habe meine Tochter nur noch zu Weihnachten gesehen. Deshalb haben wir an dem AVA-Album auch nicht in einem Studio in L.A. geschraubt, sondern alles in meinem hauseigenen Studio aufgenommen. Meine Tochter wuselte ständig um uns herum und hat unsere Gitarrenpicks versteckt.


Gibt es bereits ein Feedback zu deiner neuen Band von deinen einstigen Weggefährten Tom und Travis?
Nein. Kein Bild, kein Ton, seit einem guten Jahr. Ich habe mir die Sache nicht leicht gemacht, ich musste im Zuge der Trennung von Blink auch durch so etwas wie meine erste große Lebenskrise. Ich war hin und her gerissen zwischen sämtlichen Emotionen, zwischen Wut, Trauer oder Schuld. Ich fragte mich ernsthaft, ob es okay sei, dass ich plötzlich wieder so viel Spaß and der Musik hatte, dass ich es als befreiend empfand, endlich wieder ich selbst sein zu können.

Deinen Mitstreitern ging es bei der Trennung ihrer vorigen Bands sicher nicht anders.
Absolut, wir mussten alle durch die gleiche Scheiße, von David (Kennedy, Gitarre) vielleicht mal abgesehen. Aber Atom (Willard, Ex-Rocket From The Crypt) und Ryan (Sinn, Ex-Distillers) sind auch froh, endlich in einer Band angekommen zu sein, die manche Fehler einfach nicht mehr macht. Und ich bin auf die Typen absolut angewiesen, sie sind der Filter für all meine Ideen. Und wenn nicht jeder der drei anderen zu 100% zu einem Song stehen kann, dann nehmen wir ihn nicht auf.

Du hast AVA als dein neue, aber auch als deine “letzte” Band bezeichnet. Was, wenn es auch diesmal schief geht?
Das wird nicht passieren. Ich bin informiert genug, um zu wissen, was in der Welt los ist, egal ob in der Mode, der Musik oder der Kunst. Ich habe genug Erfahrung darin, einen Song genau nach meinen Vorstellungen zu formen, und deshalb habe ich Musik geschrieben, die sämtliche Vorlieben bedient: Ob HipHop, Punk, Metal oder Disco – Angels And Airwaves haben das Potenzial, genreübergreifend Fans zu finden, so wie The Police, U2 oder Pink Floyd. Und das finde ich extrem beruhigend.