“Ich habe bei motor.de jetzt an ‘Auto, Motor, Sport’ und so was gedacht. Bei der ‘WamS’ habe ich ja auch schon mal so was gemacht, wo ich über meine Erfahrungen als Autofahrer, meine Autos, die ich über die Jahre hatte, erzählt habe… Ich habe das eben falsch assoziiert…” In der Tat die falsche Assoziation war das, die der relaxte Mann mit der unglaublichen Stimme zu Beginn des Gespräches mit dem motor.de-Gesandten preisgibt.

Und vielleicht sind falsche gedankliche Verbindungen im Falle der Geschichte von Stephan Remmler ohnehin kein so schlechter Einstieg: Schließlich ist der 1946 in Witten geborene Remmler stets eine irgendwie herausstechende Figur gewesen, zu deren Äußerlichkeiten es anscheinend so gut wie immer einen – gerne übersehenen – doppelten Boden gab. Am wenigsten spürbar war dieser möglicherweise bei des Sängers 1971 erschienenen ersten Schallplatten: Die beiden Singles “I Know It’s Over” und “Ich liebe die Sonne” werden unter dem Namen “Rex Carter” veröffentlicht, und sind nicht nur mehr oder minder lupenreine Schlager, sondern auch eindeutige kommerzielle Flops.

Das ändert sich elf Jahre später – der Grund ist allgemein bekannt und heißt “Da Da Da”. Mit Trio findet sich Remmler an der Speerspitze der Neuen Deutschen Welle wieder – und unter den drei Silben des bekanntesten Trio-Titels geht so manche textliche Feinheit und Skurrilität verschütt. Die drei mittlerweile in Großenkneten ansässigen Musiker werden dem Publikum u.a. der ZDF-Hitparade schnell als Ulk-Band vorgekaut. Sei’s drum, die erste Trio-LP gehört ohne Frage zu den besten deutschen Platten aller Zeiten, Punkt! Nach weiteren fünf Jahren ist dann Schluss mit Trio, aber keineswegs mit lustig – Stephan Remmler fährt mit “Keine Sterne In Athen” und “Alles Hat ein Ende Nur Die Wurst Hat Zwei” große Erfolge ein; die Musik wird zugänglicher als die Stakkato-Attacken des ersten Trio-Albums und Subtilitäten werden noch großräumiger vom Publikum überhört. Mit späteren Veröffentlichungen wie dem textlich teils brisanten Album “Amnesia” (1996) stemmt sich Remmler dann anscheinend gegen die völlige Vereinnahmung als Bierzelt-Barde; jedoch findet dieser Versuch weitaus weniger Öffentlichkeit als die Songs aus dem Jahrzehnt zuvor.

“Amnesia” bleibt dann im Großen und Ganzen auch das bislang letzte musikalische Lebenszeichen des mittlerweile zwischen Lanzarote und Basel pendelnden Musikers. Bislang, wohlgemerkt – denn eingespielt mit der Unterstützung seines 17-jährigen Sohns Cecil sowie einer ganzen Armada an Gaststars erscheint am 14. Juli 2006 nun das erste neue Remmler-Album seit… aber lest selbst, was Remmler Senior und Junior dazu zu erzählen haben! Fest steht jedenfalls, dass auch hier wieder nicht alles ganz so ist, wie es scheint.

2006 ist ja ein sehr jubiläumsträchtiges Jahr: 25 Jahre seit der ersten Trio-LP, 35 sogar seit Rex Carter, eine Dekade seit der letzten Solo-LP – und dann steht dieses Jahr ja auch noch ein runder Geburtstag an…
Stephan Remmler: Richtig! 35 Jahre seit Rex Carter – das hätt’ ich jetzt nicht gewusst… Jetzt, wo Du’s sagst: Ja, das Stimmt! Tja, was soll ich dazu sagen? (grinst)

Oh, das ist mir nur so aufgefallen – das hat aber alles nichts damit zu tun, dass diese neue Platte gerade in diesem Jahr erscheint?
SR: Neeein – das hat damit nichts zu tun! Das hat damit zu tun, dass er (Cecil) größer geworden ist und sich zu einem respektablen Partner in der Produktion ausgewachsen hat. Dass es Motivation hatte, dass ich da meine Demos und meine Kompositionen mit ihm zusammen produziert hab’. Das hat Spaß gemacht!


Es sind ja alle drei Söhne (neben Cecil sind das Lauro und Jonni) auf dem Album vertreten, aber die anderen beiden nur mit Backing-Vocals.
SR: Ja, aber das ist auch schon älter, wie man an den Kinderstimmen hört, die waren damals noch kleiner – aber er ist ja wirklich der Co-Produzent. Und das war dann eine Anreiz: Dass ich da nicht so einsam vor mich hin bastle…

Das Album scheint ja sowieso alles andere als eine einsame Angelegenheit zu sein – wer hatte denn die Idee, all die Gäste mit an Bord zu holen? Also Seeed, El*ke, Deichkind etc.?
SR: Aaah!
Cecil Remmler: Das war eine Entscheidung mit dem Label-Vorstand, sag’ ich jetzt mal, mit Inga (Humpe, 2raumwohnung), Tommi (Eckart, ebenfalls) und Sabine Ganske. Wir fragten uns, was der nächste Schritt wäre, um das noch mal interessanter zu machen. Da dachten wir, dass man einfach gleich noch ein richtiges Remix-Album macht. Und dann kamen die Namen von selber…
SR: Wir haben überlegt, mit wem wir da gerne noch Kollaborationen machen würden, und das sind halt die Namen, die einem da so einfallen – also, nicht “einem”, sondern die, die uns eingefallen sind: Das sind Leute, mit denen wir gerne zusammen arbeiten wollten.

Im Grunde ist ja das Album zumindest teilweise von vornherein schon eine Art Remix-Album geworden, wenn man den Untertiteln der Songs glaubt: Da gibt es “Album-Versionen” neben ausgewiesenen Neubearbeitungen oder eben Remixen.
SR: Ja ja ja… Das hat sich dann auch anders entwickelt. Wir hatten vor, sagen wir mal, ein Doppelalbum zu machen, wo auf der einen Seite alles die Stephan Remmler-Titel sind und auf der anderen Seite alle die Remixe davon. Dann haben wir aber hinterher gesagt, das ist nicht so gut – wir brauchen ein “normales” schlankes Album und bei dem haben wir dann ausgesucht; mal einen Stephan Remmler, einen neuen, oder auch mal zwei Stephan Remmler, zwei neue. Und jetzt wird es dazu noch ein Doppel-Album geben, wo dann die ganze Produktion drauf ist – 38 Titel oder so – und ‘ne DVD wird dann auch noch dabei sein, mit Interviews und Making-Of. Aber man brauchte, so heißt es aus der Industrie, man brauchte ein normales, schlankes Album – und das ist dann das hier geworden.

Aber auf diesem normalen, schlanken Album sind ja drei schon einigermaßen bekannte Songs wieder drauf…
SR: Drei Trio-Songs…

Na, zwei von Trio und ein Solo-Hit…
SR: “Vogel der Nacht”…


Genau, und auf dem zweiten wird ja dann wohl auch noch “Halt Mich Fest, Ich werd Verrückt” mit El*ke sein, was ich noch nicht gehört habe…
SR: Ja ja, ja ja… Soll ich dir was verraten? Da ist ein Hidden Track! -1! (grinst). Wenn du bei Null zurückspulst, dann kommst du zu “Halt Mich Fest..” von El*ke…

Das habe ich tatsächlich nicht ausprobiert…
SR: Steht da nicht drauf, sonst wär’s ja… Wir können ja demnächst draufschreiben “Hidden Track!” Aber das haben wir nicht gemacht… (grinst)


Ah! Warum gerade diese beiden Trio-Songs?
SR: Weil das nicht so die bekannteren waren… (zu Cecil): “Kummer” wolltest Du haben, oder?
CR: Das ganze Album war ganz leger, würde ich sagen. Das waren immer so kleine Ideen. Song-Ideen, Produktions-Ideen, da hieß es dann “Wie wär’s denn mit dem” oder “Wie wär’s denn mit ‘Halt Mich Fest Ich Werd Verrückt'”, und dann habe ich eben auch mal gesagt: “Ich habe gestern ‘Kummer’ gehört und das fand ich ganz gut…”
SR: Also, es war da kein Plan dahinter, dass ein bestimmter Prozentsatz von den alten Trio-Liedern dabei sein sollte. Das hat sich spontan oder bei unserer Rumspielerei ergeben…
CR: Ja genau: Sing mal das hier, das könnte…
SR: Oder zum Beispiel, dass er nur so ein Groove-Playback gemacht hat, ohne dass da eine Komposition vorhanden war, und ich dann gesagt habe: “Hey da könnte ich gut ‘Kummer’ zu singen…”

Aber es war nicht so, dass es eine Unzufriedenheit mit den alten, den Original-Versionen gab?
SR: Nee. Aber: Es wird auf dem Doppel-Album auch noch mal eine normale Stephan Remmler-Version geben, hier ist jetzt die mit Deichkind drauf. Unzufrieden mit den alten Dingern ist man natürlich nicht – die sind doch klasse! (lacht)

In der Tat! Und der Titel “1,2,3,4” – ist das eine Anlehnung an das berühmte “One, Two, Three, Four”, das auf der ersten Trio-Platte ab und zu mal vorkommt?
SR: Vielleicht, vielleicht… Nein, es ist einer der Song-Titel. Und der bot sich einfach als Album-Titel auch an, so etwa wie ein “Los geht’s!” Und, das war gar nicht so geplant, fängt das Album witzigerweise ja so an: “One, Two, Three, Four”…

Ich fand auch in der Reihenfolge der Songs interessant – vielleicht liegt es an den deutschen Texten, dass man hier eine Art Geschichte in “chronologischer Reihenfolge” erwartet: Da kommt erst “Einer Muss Der Beste Sein”, darauf folgt dann dieser klaustrophobische Song “Mach Den Sarg Auf” mit Seeed – und danach ist man auf einmal wieder im Krankenhaus (mit dem Song “Ich Muss Ins Krankenhaus”)…
SR: (lacht): Da müsste man vielleicht, dass der Sarg noch mal geöffnet – nee, erst das Krankenhaus, dann der Sarg – und dann kommt die Wiedergeburt: “Einer Muss Der Beste Sein”…

Klingt plausibel…
SR: Diesen “Einer Muss Der Beste Sein”… Ich hab’ immer darauf gewartet, dass andere Leute so Lieder schreiben, “Stephan Remmler ist der Beste” oder so was. Als das nicht kam, hab’ ich gedacht…
CR: Hat er zehn Jahre gewartet!
SR: Genau, da hab’ ich gedacht, jetzt mach ich dat selber, so, Schluss!
(allgemeines Lachen)


Gerade der Song ist ja einer der ersten, die im Kopf hängen bleiben – also zumindest ist es mir so gegangen. Was ich da merkwürdig fand: Mit dem Refrain ist er ja, wenn man es böse sagen möchte, quasi fürs Bierzelt prädestiniert. Aber dann ist da auch wieder so etwas Abgründig-Schräges drin, was ihn dann doch aus diesem Ambiente wieder herausholt.
SR: Naja, gut, das ist bei mir ja eigentlich häufig so – eine Gratwanderung eben. Die einen sehen es so, die anderen so… Man weiß nicht: Ist es cool oder ist es uncool?

Ich habe im Vorfeld gelesen, dass zwei der Songs auf dem Album eigentlich mal für eine geplante Trio-Wiedervereinigung angedacht waren – stimmt das?
SR: Nee, das ist nicht richtig! Das sind Lieder, die ich mit Inga und Tommi geschrieben habe…

Das hätte ich dann nämlich für einen relativ spannenden Aspekt gehalten: Diese Wiedervereinigungs-Gerüchte gab es ja; und dass man dann eben nicht nur ein paar Konzerte gespielt, sondern tatsächlich auch neue Songs aufgenommen hätte!
SR: Ja ja… Es gab diese Bemühungen, die Band wieder zusammenzubringen, da ist auch im Vorfeld irgendwie mal gemacht worden oder experimentiert worden. Wenn’s gut gewesen wäre, wär’s gut gewesen, aber ich glaube nicht, dass es gut gewesen wäre, und da habe ich gesagt: “Nee, lieber nich”…

Mit Inga Humpe schließt sich ja gewissermaßen auch wieder ein familiärer Kreis, wenn man an “Da Da Da” zurückdenkt…
SR: Bei “Da Da Da” war es Annette (Humpe, Ingas Schwester), die da mitgemacht hat. Aber Inga war zum Beispiel auch schon bei “Keine Sterne In Athen” zu hören, und jetzt haben wir ja die Situation, dass ich auf Ingas Label bin – der Kreis schließt sich da also tatsächlich…


Das sind also über die Jahre gebliebene Kontakte…
SR: Genau!


Apropos die Humpes – ich hatte das Gefühl, dass es auf “1,2,3,4” im Gegensatz zum freundschaftlich-professionellen Miteinander mit den ganzen Gästen den einen oder anderen Seitenhieb auf eine Band gibt, die in letzter Zeit zu den Nachfolgern von Bands wie Ideal und der Speerspitze der “neuen Neuen Deutschen Welle” gezählt wird – gibt es Probleme mit Wir Sind Helden?
SR: Ach nöö, das sind nicht wirklich Seitenhiebe; ich habe ja nicht wirklich was gegen die. Das sind doch nur so kleine Augenzwinkereien…

Na, immerhin bringt in einem Fall (“World Famous In Germany”) der Name der Band (“…heute sind Wir die Helden”) das Tempo des Songs durcheinander, der wird danach langsamer…
SR: Genau, genau (lacht). Aber: Das war ja eine sehr schöne Erfahrung, dass wir von unseren Wunsch-Kollaborateuren immer sehr positive Antworten gekriegt haben; alle hatten Spaß daran und wollten das machen. Und die einzige richtige Absage ist ja von der Frau Holofernes gekommen. Die hatten wir gefragt, ob sie im Hintergrund von “Frauen Sind Böse” eine Rolle spielen möchte. Und dann hieß es: Nee, das wär’ nicht der Humor mit dem sie was anfangen könnte. Aber ob das jetzt so ‘ne kleine Rache ist, mit Seitenhieben und so? Ich würde sagen: Nein! In dem Lied geht es ja mehr um alte Neue Deutsche Welle-Recken, und dann kommen die und sagen: “So, Schluss jetzt – heute sind wir die Helden!”