Die Ton Steine Scherben sind ein Stück bundesrepublikanischer Musik- und Politik-Geschichte. Mit sloganhaften Songtiteln wie ‘Macht Kaputt, Was Euch Kaputt Macht’ positionierten sie sich Anfang der Siebzigerjahre als die Band zur Gegenbewegung. Dann kam der Deutsche Herbst mit Schleyer-Entführung und Radikalenerlass, und Rio Reiser schrieb ‘Der Traum ist Aus’.

Das ist der Kontext, in dem die Scherben meist gesehen werden. Die eigentliche Pionierleistung gerät dabei in den Hintergrund: TSS waren noch vor Lindenberg die ersten, die Rockmusik und deutsche Texte auf Augenhöhe zusammenführten. Beinahe 20 Jahre nach dem Ende der Band erscheint nun mit ’18 – Songs aus 15 Jahren’ eine Zusammenstellung ihrer wichtigsten Lieder.

Als ich mit fünf oder sechs einmal die Plattensammlung meiner Mutter näher in Augenschein nahm, machte ich zwischen all den kunstvoll designten Hochglanz-Hüllen von Alben wie ‘Sgt. Peppers’ oder ‘Sticky Fingers’ eine seltsame Entdeckung: Zwei einfache aneinander geklammerte Pappdeckel, darauf ein billig auf neutralem Grund gedrucktes Logo, das eine ‘Zwille’ im Anschlag zeigte. Und dann dieser Spruch: “Meldet uns die Läden, die diese Platte teurer als 20 Mark verkaufen.” Wow! Das klang subversiv. Gefährlich. Also interessant. Man wollte jedenfalls nicht der Händler sein, der dieses ‘Gesetz’ brach.

Meine Mutter hatte damals einen intensiven Flirt mit den etwas radikaleren Ausprägungen der Nach-68er-Gegenbewegung. Ich saß im Heck unseres klapprigen R4, als wir nach Italien aufbrachen, um bei den Roten Brigaden Infomaterial für die deutschen Kampfgenossen zu erwerben. Regelmäßig waren wir damals auch Gast in einem besetzten Haus in Berlin und irgendwann besetzten die Freunde meiner Mutter dann selber eines in unserer Heimatstadt. All das geschah Mitte der Siebzigerjahre. ‘Keine Macht Für Niemand’, jenes seltsame Album mit dem selbstgebastelten Cover, war damals schon fünf Jahre alt. Und dennoch war es ein Teil des Soundtracks meiner Kindheit. Rohe, archaisch-minmalistisch aufgenommene Lieder waren das, die da bei allen möglichen Anlässen durch unsere WG-Räume schallten. Der Gesang Rio Reisers war ungewöhnlich weit in den Vordergrund gemixt und dominierte alles. Die Stimme dieses Mannes konnte Sehnsüchte wecken – nach einem besseren Leben in einer gerechten Welt – wenn sie 31 Jahre vor Grönemeyer ‘mein Name ist Mensch’ sang.

Später erfuhr ich, dass Reiser Ton Steine Scherben im Berlin der ausgehenden Sechzigerjahre mit R.P.S. Lanrue (Gitarre) und einer Bande junger Theatermusiker gründete. Einer der ersten Auftritte auf dem skandalumwitterten Fehmarn-Festival war wohl zugleich der letzte von Jimi Hendrix. Dieser Gig sollte für den weiteren Werdegang der Band bezeichnend sein. Statt der vereinbarten Gage gab es ein Verfahren wegen Landfriedensbruch, weil Reiser das Publikum aufgefordert hatte, die Veranstalter “ungespitzt in den Boden zu hauen”, nachdem das Gerücht aufgekommen war, die Verantwortlichen hätten sich mit der Kasse abgesetzt.

Immer wieder spielen sie zu dieser Zeit auch Soli-Konzerte für Alternativprojekte oder auf Demos. Wo die Scherben sind, da ist die Revolution – und wo die Revolution ist, da ist meist kein Geld. Folge: Die Band wird die Geister, die sie gerufen hat, nicht mehr los und zerbricht fast an den Dogmen der Szene, aus der sie hervorgegangen ist. “Wir waren ständig pleite. Die Band zu managen wurde dadurch zur ständigen Belastungsprobe”, erklärt Gerd Möbius, Bruder des 1996 verstorbenen Reiser und langjähriger Scherben-Manager. “Auf Grund des innerhalb der Szene herrschenden PC-Geistes wäre es völlig undenkbar gewesen, mehr als 10 Mark Eintritt für ein Konzert zu verlangen, da wäre die Hölle los gewesen. Die selben Leute, die bei Udo Lindenberg ohne mit der Wimper zu zucken 30 Mark hinlegten, hätten uns für so einen Eintrittspreis gelyncht. Auf diese Weise zahlten wir immer drauf und es blieb absolut nichts hängen.”

Die Band zieht 1975 die Konsequenzen und zieht sich völlig verschuldet auf einen Bauernhof im friesischen Fresenhagen zurück. Die Flucht aus Berlin hatte jedoch nicht nur finanzielle Gründe. Zunehmend leidet man im Scherben-Lager auch darunter, weniger als Musiker denn als politisches Instrument gesehen zu werden, wie der dritte Schlagzeuger der Band Klaus ‘Funky’ Götzner erklärt: “Unser Bild in den Köpfen der meisten Leute war ein ausschließlich inhaltliches. Natürlich haben wir uns diesen Stempel auch selber aufgedrückt und nachher, als wir dann versuchten, davon wegzukommen, haben wir uns damit sehr schwer getan. Jeder, der an uns denkt, hat vor allem die Slogans wie ‘keine Macht für niemand’ im Kopf und nicht die Menschen und Musiker, die dahinter standen und stehen.”

Dabei haben die Scherben durchaus beachtliche Pionierleistungen jenseits der Politik vorzuweisen: das bandeigene Label ‘David Volksmund Produktionen’ war quasi die erste unabhängige Plattenfirma Deutschlands und mit seinen selbstorganisierten Vertriebsstrukturen ein Vorbild für die spätere Do-it-yourself-Attitüde des Punk. Musikalisch schoben Reiser und Co eine Entwicklung mit an, die später in der so genannten ‘Neuen Deutschen Welle’ mündete. Ein Status, für den sich die verbliebenen Mitglieder nach wie vor nichts kaufen können: Da ihre Songs wegen der politisch brisanten Inhalte vom Radio boykottiert wurden, besserten die Musiker ihren kargen Lebensunterhalt mit verschiedenen Auftragsarbeiten auf. Erst nach Auflösung der Band Mitte der Achtziger kann Rio Reiser mit dem auf seiner ersten Solo-Platte enthaltenen Hit ‘König Von Deutschland’ die lange verdiente Ernte seiner Arbeit einfahren. “Wenn Rio nicht diesen kommerziellen Erfolg als Solo-Künstler gehabt hätte, wäre das alles in einer totalen Katastrophe gemündet”, weiß Möbius. “Wir hätten den Hof in Fresenhagen verloren, einfach alles. Das war die letzte Rettung.”

20 Jahre später und acht Jahre nach dem Tod von Rio Reiser sitzen nun fünf in Ehren ergraute Veteranen jener Spontis, die ‘den Muff von tausend Jahren unter den Talaren’ entstauben wollten und immerhin eine respektable Kulturrevolution zuwege brachten, nebeneinander unter einem alten Scherben-Plakat. R.P.S Lanrue, Kai Sichtermann, Funky K. Götzner, Nikel Pallat und Gert C. Möbius stellen sich den Fragen der wenigen anwesenden Journalisten auf einer extra einberufenen Pressekonferenz in vertrautem Umfeld. Die Berlin-Tempelhofer ‘Ufa-Fabrik’ ist, ebenso wie die Scherben selbst, ein geschichtsträchtiges Überbleibsel der 68er-Generation. Für die Rest-Scherben ist es das erste Treffen in dieser Konstellation seit der Beerdigung Reisers. Nachdem der mittlerweile in Portugal lebende Lanrue bei einem Waldbrand beinahe alles verloren hatte, richtete die Scherben-Gang im letzten Sommer ein Benefitz-Festival in Fresenhagen aus. Obgleich bei dieser Gelegenheit “nur etwa 2.200 Euro” (Möbius) für den Gitarristen zusammenkamen, kam man sich wieder näher und so feiert Exilant Lanrue an diesem Abend zum ersten Mal seit vielen Jahren seinen Geburtstag in Berlin.

In erster Linie geht es aber um ’18 – Songs aus 15 Jahren’, jene in diesen Tagen erschienene Song-Sammlung. Die Aufnahmen wurden von Udo Arndt liebevoll restauriert und remastered, und finden sich nun in einem schicken Pappzuber mit Linernotes von Möbius und dem unveröffentlichten ‘Sei Mein Freund’ wieder. Die remasterten Vollversionen aller regulären Studio-Alben sollen demnächst folgen. Es gibt also viel zu besprechen. So richtig in Tritt kommt die Veranstaltung aber leider nicht. Fragen wie Antworten sind vorsichtig, trocken – ja beinahe langweilig. Insbesondere Lanrue ist es offensichtlich nicht mehr gewohnt, Interviews zu geben und fühlt sich sichtlich unwohl. Er ist es dann auch, der nach 20 Minuten ein Einsehen hat und mit einem Verweis auf seine vernachlässigte Familie die schwerfällige Veranstaltung abbricht.

Denn vor allem ist das hier heute ja genau das: Ein Familientreffen. Der ganze Abend ist ein einziges Hallo-lange-nicht-gesehen-was-machst-du-wie-gehts-den-Kindern? Als nicht unmittelbar beteiligter Zaungast komme ich mir fast wie ein Voyeur vor. Alte Streitigkeiten, die es durchaus auch gegeben hat, haben bei all dem Geherze keinen Platz mehr: “Es ist einfach schön, heute die anderen wiederzusehen”, erklärt Götzner. “Die Zeit, die wir zur Verfügung haben, vergeht so schnell, da ist es einfach Verschwendung, sich das Leben schwer zu machen. Man beerdigt dann den alten Zwist und freut sich, dass es den anderen noch gibt.” Damit spielt der Mann auf die wenige Tage zuvor verstorbene Ex-Scherben-Kollaborateurin Britta Neander an – auch bei TSS kommen die Einschläge naturgemäß näher.

Später versammeln sich dann alle zum vermeintlichen Höhepunkt des Abends: Die so genannte Scherben Family spielt – eingebettet in die Auftritte mehrerer befreundeter Künstler – ein potentiell geschichtsträchtiges Konzert. Die Schauspielerin Laura Tonke verliest noch schnell ein paar Reiser-Texte, dann ist es soweit. Mit gemischten Gefühlen stehen wir vor der Bühne, während sich Funky K. Götzner (Schlagzeug), Kai Sichtermann, der jetzt Kivondo heißt (Bass), Marius del Mestre (Gitarre, Gesang) und Dirk Schlömer Gitarre) an ihre Instrumente begeben. Und dann offenbart sich das ganze Dilemma der eigentlich ehrenvollen Absicht, noch einmal gemeinsam die alten Songs zu spielen. Denn wer will die Stones ohne Mick Jagger sehen? Genau. Dabei ist rein technisch nichts an der Darbietung auszusetzen. Obgleich nur einmal gemeinsam geprobt wurde, sitzt jeder Break, jeder Ton. Im Wesentlichen wird die Show von den Frontleuten Schlömer und del Mestre getragen, beides Mitglieder der letzten Tage und daher deutlich jünger als die Originale. Letzterer übernimmt die schwere Bürde des Reiser-Ersatzes – und scheitert naturgemäß. Denn was die Band hier abliefert, ist nicht mehr und nicht weniger als ‘amtlicher Deutsch-Rock’. Genau den haben die Original-Scherben aber dankenswerterweise nie gespielt. Reizvoll sind jedoch die hier und da eingestreuten Auftritte alter Weggefährten sowie der Scherben-Chor aus Freunden und Töchtern der Musiker. Und als der ganze Saal das Geburtstagslied für den sichtlich gerührten Lanrue anstimmt, kriegt man dann doch noch kurz eine Gänsehaut.

Einige der Ton Steine Scherben hatte ich auch noch gefragt, ob sie eher gramgebeugt zurückblicken oder stolz. Hier sei stellvertretend die Antwort von Götzner genannt: “Ich habe natürlich nicht alle meine Träume verwirklichen können, aber insgesamt überwiegt das Positive. Wir haben ein Leben als Glücksritter geführt und hatten eine gute Zeit. Auch mit meinem jetzigen Leben als Versicherungsvertreter und Teilzeit-Musiker bin ich zufrieden. Auch wenn es leider nie so ganz geklappt hat, von der Musik zu leben.”
Vielleicht haben sie auch verstanden, dass ‘macht kaputt, was euch kaputt macht’ einen auf die Dauer auch kaputt machen kann. “Ich will nicht werden was mein Alter ist”? Geschenkt. Joschka Fischer ist Außenminister, ‘Funky’ Götzner verkauft Versicherungen für die Hamburg Mannheimer und meine Mutter leitet heute eine Grundschule. Subversiv? Nein, nicht wirklich. Aber ich liebe meine Mutter.

Text: Torsten Groß