Jingo De Lunch sind – das kann man jetzt ruhig einmal so sagen -, eine Legende. Nicht nur in Deutschland. Vor beinahe 20 Jahren in Berlin gegründet, legte der Fünfer innerhalb seines zehnjährigen Bestehens fünf Alben und eine EP vor und tourte mit Bands wie den Ramones und Bad Brains.

Den Sprung an die Spitze hat die Truppe jedoch auf Grund interner Streitigkeiten verpasst. Zehn Jahre nach der Auflösung kommt es jetzt zu einer ebenso einmaligen wie sensationellen Wiedervereinigung in Originalbesetzung. Am 25. August wird die Band ein einziges Konzert im Berliner White Trash spielen, um Karten sollte man sich besser heute als morgen kümmern.

Es waren die Tage vor Nirvana und nach Punk. Die Charts wurden regiert von gesichtslosen, formatierten Rock-Dinosauriern der Marke Phil Collins, die späten Achtziger ertranken in einem Meer aus inhaltsleerem Bombast. Im Untergrund jedoch bewegte sich einiges. Aus den Überresten des Punk hatte sich vor allem in den USA eine interessante, weitgehend autark agierende Szene gebildet, die immer selbstbewusster um Gehör bat. Ein revolutionärer Duft lag in der Luft, eine Umwälzung stand bevor. Und Berlin-Kreuzberg war eben das deutsche Äquivalent zu Washington und Seattle. Oder so ähnlich.

In dieser Atmosphäre gründen Tom Schwoll (Gitarre), Sepp Ehrensberger (Gitarre), Henning Menke (Bass) und Steve Hahn (Schlagzeug) 1986 mit der kanadischen Sängerin Yvonne Ducksworth die Band Jingo De Lunch. Bereits drei Monate nach der ersten Probe im Berlin-Kreuzberger Rauchhaus liegt mit ‘Perpetuum Mobile’ das erste Album vor, die EP ‘Cursed Earth’ und das bis heute gültige Meisterwerk der Band, ‘Axe To Grind’, folgen bald.

Auf diesen Alben etablieren Jingo De Lunch einen hochkarätigen Mix aus Rock, Bay-Area-Thrash-Metal, US-Hardcore und Punk, der vor allem durch die für Hardcore-Verhältnisse untypische, zwischen Verletztheit und rauer Aggressivität changierende Stimme Yvonnes ein ingeniöses Moment erhält. In der Folge werden Jingo De Lunch mit Recht zur wichtigsten und beliebtesten Underground-Band der Republik. Die grandiosen Live-Shows, auch in Spanien und Italien, ziehen ein stetig größer werdendes Publikum an, das Spex-Magazin schickt für eine Titelstory mit den Berlinern 1989 gar seine Star-Reporterin Clara Drechsler.

Zu dieser Zeit, wie gesagt: es war der Vorabend der Nirvana-Explosion, wird man auch in den Chefetagen der großen Plattenfirmen zunehmend aufmerksam auf die vitale Kraft des Undergrounds. Jingo De Lunch veröffentlichen 1990 mit ‘Underdog’ ihr erstes Album für das Phonogram-Label und sind damit eigentlich und sogar noch vor Nirvana zur richtigen Zeit voll da. Doch auch wenn die Hallen größer werden, die Band in den folgenden Jahren sogar noch mit den Ramones und den Toten Hosen auf Tournee geht: Die Klasse des Frühwerks erreicht weder das Major-Debut noch die folgenden Alben ‘B.Y.E.’ und ‘Deja Vodoo’. Das liegt zum einen an einer immer größeren Hinwendung zu konventionellen Rock-Sounds, zum anderen an nachlassenden Songwriter-Qualitäten.

Beides ist aber wohl vor allem auf die zunehmenden musikalischen und persönlichen Differenzen innerhalb der Band zurückzuführen. 1996 schließlich – Gitarrist Tom Schwoll hatte die Band einige Zeit vorher verlassen -, geben Jingo De Lunch endgültig auf. Yvonne zieht in der Folge in die USA, die übrigen Mitglieder spielen in zahllosen Nachfolge-Projekten und Bands.

Und hinterlassen eine treu ergebene Fanbase, die bis zum heutigen Tage Tribute-Pages im Netz unterhält und das Hoffen auf eine Reunion nie aufgegeben hat. Dass diese jetzt, beinahe genau zehn Jahre nach der Auflösung, endlich kommt, ist mehr als die meisten zu hoffen gewagt haben. Allerdings handelt es sich wohl um ein einmaliges Ereignis: Waren ähnliche Bestrebungen in der Vergangenheit stets durch Yvonnes Wohnort zum Scheitern verurteilt, weilt diese nun nach langer Zeit einmal wieder für ein paar Tage in der alten Heimat, und auch die anderen hatten Zeit und Lust.

“Das war ein totaler Zufall”, erklärt Tom Schwoll. “Steve Hahn hat mir erzählt, dass Yvonne kommt und irgendwie hat alles gepasst.” Doch was darf man für die Show am 25. erwarten? Es wird gut werden, soviel steht fest! Die Berliner Fraktion hat in all den Jahren stets weiter Musik gemacht, sodass keinem die Finger eingerostet sein dürften. Und Yvonne hat sich unter der Dusche fit gehalten. Gespielt werden vor allem Songs der ersten beiden Alben und der EP ‘Cursed Earth’. Abgerundet wird das Set durch einige ausgesuchte Cover-Versionen. Wer weiß, dass die Band in ihrer Glanzzeit superbe Versionen diverser AC/DC-Titel oder auch des ‘Cowboy Songs’ von Thin Lizzy im Gepäck hatte, wird sich auch hierauf freuen! Und wer weiß – vielleicht erkennen die Musiker ja, dass in dieser Konstellation eine ganz bestimmte Energie steckt, und lassen sich von den mit Sicherheit euphorischen Publikumsreaktionen zu weiteren Auftritten hinreißen… Zurzeit verdichten sich immerhin Gerüchte, dass es am 26. Einen zweiten Gig geben wird. Erst einmal jedoch zählt nur eins: Jingo De Lunch stehen nach zehn Jahren endlich wieder gemeinsam auf einer Bühne. Hingehen ist Pflicht!