Wenn man bei Motor aus dem Fenster schaut, meint man momentan es würde ein veritabler Staudamm im Hinterhof der Brunnenstrasse 24 entstehen. Zehn Meter hohe mit Betonstreben gestützte Wände tun sich aus einer riesigen Grube auf. Kleine, komplett in weiße Schutzanzüge gehüllte Gestalten mit Atemschutzmasken besprühen die Fläche dazwischen mit einer dunkelgrauen Masse. Was wir sehen, könnte der Anfang des Endes der Erfolgsstory Berlin sein.

Im allgemeinen Wiedervereinigungs-Größenwahn wurde die Stadt ab Ende 1989 auf bis zu sechs Millionen Einwohner geplant. Seitdem kamen in der Tat 1.6 Millionen neue Berliner (darunter auch ich) hierher, aber ebenso viele Alt-Berliner machten rüber gen Westen. Dieser Austausch von Einwohnern, ein atemberaubender Wandel vom „Icke“ und „Wa?“ zum „Moin“ und „Woll?“ in weniger als 20 Jahren, war eine Frischzellenkur für die Stadt, aber eine Katastrophe für die Immobilienbranche. Baulücken wurden entgegen der Planung der Eigentümer nicht mehr durch Neubauten geschlossen, Altbauten blieben unsaniert, die Zwischenlösung wurde Prinzip und somit kreativer Freiraum.

„In Berlin kann ich doppelt so kreativ sein, weil ich halb so viel arbeiten muss um zu leben“
meinte der Hamburger Journalist Max Dax, bevor er Chefredakteur der nun hauptstädtischen Spex wurde. Grund dafür waren in der Regel die Mieten. 4 Euro kalt in Neukölln, 6 Euro in Mitte – keine Ausnahme sondern absolut marktübliche Preise. Ideal besonders für Künstler und andere Menschen, die über keine geregelten Einnahmen verfügen. Die verfehlte Immobilien und Infrastrukturpolitik machte das vormals etwas spießige Berlin zum Magneten für die Kreativen aller Länder. Aus Leerständen wurden gewagte Galerien, aus Ruinen in Brachen Stil prägende Clubs. Plötzlich sprach man in Los Angeles mit so viel Bewunderung über unsere Stadt, wie in Schneverdingen über New York.

Im globalen Wettbewerb sind es nicht mehr Lohnstückkosten sondern drei Ts die über Erfolg und Misserfolg einer Region entscheiden, wenn man dem amerikanischen Ökonomen Richard Florida glaubt. Es sind Talent, Technik und Toleranz. Das Gut, was mit diesen Faktoren besonders erfolgreich produziert werden kann, sind Ideen. Das Talent muss man entwickeln oder anziehen, so wie Berlin es durch Clubs, Szene und billige Mieten tut. Die Technik muss in Form von Know-How (hier 4 Universitäten), Firmen und Infrastruktur gegeben sein. Die Toleranz misst er im multikulturellen aber tendenziell puristischen Amerika an der Quote von Homosexuellen pro Tausend Einwohnern. In Deutschland und speziell Berlin wird es hingegen eher darauf ankommen, wie es uns gelingt das Potential unserer Zuwanderung zu integrieren und zu halten. Günstig kann vor allen Dingen für Berlin auf Dauer nicht das Konzept sein, es muss stattdessen wirklich international werden. So wie in anderen Weltstädte auch.

Unser Vermieter freut sich wenn er bei uns aus dem Fenster schaut. Wir reden dann über Mietminderung wegen Baulärm, er über die Quadratmeterpreise die gegenüber aufgerufen werden sollen. Der Staudamm wird eine Tiefgarage, die Grube vor der ausgebrannten Fabrik einen Außenschwimmbad und das alte Gemäuer aufgestockt. Im schattigen Erdgeschoß kostet es dann 4500, unterm Dach mit Blick über Berlin 7800 Euro den Quadratmeter. Angeblich ist fast schon alles verkauft, an Kunden aus London, Paris, Rom und Madrid. Dort gelten solche Preise für Luxussanierte Objekte noch als Schnäppchen. Unser Vermieter stellt dann eine gewisse Asymmetrie zu unserem Mietvertrag fest und wir denken „willkommen in der Champions League“.

Euer Tim