Die Scorpions, die Scorpions, Rammstein gehören ins Kinderprogramm und noch einmal die Scorpions.

Ich glaube, ich werde verfolgt! Kein Quatsch. Und um irgendwelche Mutmaßungen gleich auszuschalten: Ja, ich bin sicher und nein, das Gefühl ist bestimmt keine Nebenwirkung der Malariapillen. Als ich in Ägypten weilte, spielten sie im Schatten der Pyramiden auf, in Laos wurde ich regelmäßig von ihrer Musik geweckt, in Thailand begegnete ich ihnen auf Hunderten von T-Shirts und wenn ich mich mit irgendjemand irgendwo über Musik unterhalte, dann dauert es keine fünf Minuten bis es heißt: “You’re from Germany? Ahh, The Scorpions, right?”

Himmel, Herrgott, ja! Goethe, Schiller, Hitler und die Scorpions. Da kann ich aber doch nichts dafür, dass das Schicksal ausgerechnet Klaus Meine und Rudi Schenker zu Deutschlands inoffiziellen Kulturbotschaftern erkoren hat. Zwei Kanadier kannten noch die Einstürzenden Neubauten, ein Engländer Kraftwerk. Das war’s dann. Da kann das Goetheinstitut mittels Steuergeldern noch so viel Kulturgut durch die Welt tingeln lassen. Musik aus Deutschland heißt immer und überall erstmal: The Scorpions.

“Ja, und Modern Talking?”, höre ich da jemanden schreien. Nun, die haben zwar wahrlich einen monströsen Bekanntheitsgrad inne, zählen aber nicht, da sie im Ausland so gut wie nie als Söhne des Landes der Dichter und Denker wahrgenommen werden. Im Gegensatz zu David Hasselhoff, der selbst vielen Amerikanern als Deutscher gilt. Wie auch immer. Neben den Duzfreunden des Ex-Kanzlers hat es derzeit nur noch eine Truppe geschafft, international vergleichsweise Gehör zu finden. Ich spreche von der deutschesten aller Truppen unter der Sonne, den Berlinern mit dem rollenden R: Rammstein. Die kennen und die finden alle – von Vancouver bis Saigon – lustig. Ja, lustig. Während sich in der Heimat der Mund über Faschismusverdacht und Frauenfeindlichkeit fusselig geredet wird, werden die Feuerwerker aus dem Osten im Ausland durch die Bank weg als die Karnevalstruppe wahrgenommen, die sie sind. Eine Auffassung, die sich stets noch verstärkte, wenn ich dem Deutschen nicht mächtigen Bekanntschaften die Texte zu “Bück dich” oder “Mein Teil” übersetzte.

Diesem Nichtverstehen verdanken sich dann oft herrlich surreale Situationen. Anfang Januar 2006 hing ich nach einen recht strapaziösen Grenzübertritt im nordvietnamesischen Hinterland fest. Die Probleme, die ich dort zwischen Reisfeld und Holzhütte hatte, waren im Vergleich zu denen des Landes, das einer wilden Mixtur aus Parteireligion und Turbokapitalismus gleicht und all dessen kranke Auswüchse mit sich bringt (in Nha Trang erschien es mir z.B., als würde ein Großteil der Cyclo- und Moped-Chauffeure sich nur ein solches Gefährt zu besitzen, um in Ruhe dem Verkauf von Drogen aller Art bzw. ihrer Schwestern nachzugehen) zwar gering, aber trotzdem anstrengend.

Bus? Morgen vielleicht. Gasthaus? Fehlanzeige. Spricht jemand Englisch? Nicht mal der Englischlehrer der Dorfschule. Wenigstens freute sich die Familie, bei der ich unterkam, über den Besuch und die Möglichkeit, jemanden überteuert Essen und ein halbes Bett verkaufen zu können. Egal. Nachdem das Finanzielle geklärt war, wurde – wie es überall in Asien Brauch zu sein scheint – erstmal versucht, den Neuankömmling mit selbstgebranntem Nagellackentferner zu vergiften. Solche Versuche gehen für den Reisenden in der Regel jedoch glimpflich aus, da der Durchschnittsasiate bereits nach drei Kurzen vornüber kippt, was das Prozedere immer schnell beendet. Ein zweites, anstrengenderes, manchmal Stunden dauerndes Begrüßungsritual besteht stets darin, den Gast gleich zu Beginn von den Vorzügen und der Leistungsfähigkeit der heimischen Unterhaltungselektronik zu überzeugen. Sprich: Glotze an und Lautstärke auf volle Pulle.

Doch ich hatte Glück. Statt chinesischen Actionfilmen oder grenzdebilen Gameshows sendete das Staatsfernsehen gerade ein Kinderprogramm. Mandeläugige Gewinner eines Malwettbewerbs hielten stolz ihre Bilder in die Kamera. Friede, Freude, Eierkuchen überall. Die Ästhetik entsprach dabei gar nicht gängigen asiatischen Standards mit dem Hang zu bombastischem Kitsch, sondern arbeitete mit weichen Pastelltönen und die Regie hatte anscheinend jüngst ihre Liebe zum Weichzeichner entdeckt. Dann der Abspann. Bunte Bälle schwebten darnieder, weich geschwungene Schrift lief durchs Bild und dazu erklang… RAMMSTEIN. Jawoll! “Schramm, schramm, schramm, Du hast…, schrammm schramm, Du hast mich…”

Mein durch den Stress der vorangegangenen Tage etwas mitgenommenes Gehirn war nur noch in der Lage, einen hysterischen Lachanfall zu produzieren. Meine Gastgeber waren ob meines Ausfalls sichtlich irritiert. Kurz wurden sie sogar böse, weil sie dachten, ich würde über ihren Fernseher lachen. Aber alles in allem war es noch Glück im Unglück. Wer weiß, was passiert wäre, wenn sie stattdessen “Wind Of Change” gespielt hätten. Wahrscheinlich hätte ich, statt zu lachen, den Fernseher eingetreten. Keine Ahnung, wie der weitere Abend dann verlaufen wäre…

Text: Moritz Honert