Damit konnte man jetzt nicht unbedingt rechnen, aber Schuld war tatsächlich kein Geringerer als Damon Albarn: “Durch das Blur-Album ’13’ sind uns erstmals die unendlichen experimentellen Möglichkeiten von Pop-Musik so richtig klar geworden”, erklärt Polarkreis-18-Mastermind Felix. Bis dahin hatten sich er und die Freunde Bernd (Elektronika/Keyboards) und Uwe (Bass) – Gitarrist Phil und Schlagzeuger Christian kamen später erst hinzu – als Metal-Band versucht – natürlich “mit langen Haaren”! Nun aber gab es kein Zurück: Kurz nach jenem schicksalhaften ersten Durchlauf des Blur-Meilensteins fand ‘Ok Computer’ von Radiohead seinen Weg in die Sammlung der jungen Dresdener, peu a peu wurde so das eigene musikalische Vokabular erweitert.

Dass Polarkreis 18 nun, am vorläufigen aber definitiv nicht endgültigen Endpunkt dieser Entwicklung, tatsächlich einen ganz und gar eigenen Sound fabrizieren, dem man die Vorbilder zwar anhört, der ansonsten aber definitiv und nicht nur in Deutschland ziemlich einzigartig ist, dürfen sich die jungen Leute getrost auf die eigene Fahne schreiben. Schließlich war jener oben beschriebene Erweckungsmoment nur eine erste Initialzündung. Bis Polarkreis Stücke wie jetzt ‘Dreamdancer’ auf der just erschienen EP ‘Stellaris’ gelangen, investierten sämtliche Bandmitglieder ein weit über das normale Maß hinausgehendes Quantum an Arbeit, Arbeit, und noch mal Arbeit. Wenn man Felix so zuhört, wie er über die bisherige Polarkreis 18-Geschichte referiert, lassen seine Ausführungen eigentlich nur einen Schluss zu: Diese Jungs sind komplett verrückt!

Man muss sich das einfach mal vorstellen: Seit ihrem 13.(!) Lebensjahr arbeiten zumindest drei der fünf Dresdener Schulfreunde wie besessen an der Realisierung ihrer musikalischen Vision. Diese Einstellung gipfelte schließlich nicht nur vor einigen Jahren in der Eigenproduktion ihres ersten Albums, an dem die Jungs “drei oder vier Jahre lang geschraubt haben”, sondern auch die am 16. Februar erscheinende und sehr großartige zweite (und irgendwie auch erste richtige) Platte wurde wieder in monatelanger Kleinarbeit komplett selbst produziert. In nächtelangen Sessions vor dem Laptop und parallel zur damals noch besuchten Schule, bis Felix “sich vom dauernden Starren auf den Computer fast die Augen ruiniert hatte”. Ein Kraftakt, der auch durch die nach der Schule einsetzenden Uni- und Job-Verpflichtungen der Musiker nicht eben erleichtert wurde. Verpflichtungen indes, die ohnehin nur mehr oder weniger halbherzig aufgenommen wurden, denn: “Etwas anderes als Musikmachen stand für uns nie ernsthaft zur Diskussion.”

Da trifft es sich gut, dass mit Motor Music nun auch endlich eine Plattenfirma die Qualitäten der Band erkannt hat und das kommende Album somit den Rahmen bekommt, den es definitiv verdient. Nicht, dass jenes Polarkreis 18-Debüt damals umsonst produziert worden wäre. Bis heute verkauft die Band bei Konzerten laufend in liebevoller Handarbeit nachproduzierte Exemplare (die Erstauflage war so gering, da man die damals die Reaktionen des Publikums nicht erahnen konnte, dass sie seit Jahren vergriffen ist). Aber mit einem potenten Partner im Rücken lässt sich halt doch einiges mehr stemmen. Zum wesentlichen Trumpf hierbei geraten nicht zuletzt auch die enormen Live-Qualitäten der innerhalb klassischer Alternative-Line-Ups auf Festivals zunächst häufig wie ein Fremdkörper wirkenden, im Allgemeinen aber das Publikum zuverlässig mitreißenden Band.

Polarkreis 18 spielen eine schwer zu fassende Mischung aus Elektro mit Tendenz zum Synth-Pop und Rock. Sie schaffen so elegische Soundflächen, die geschickt mit melancholischen Piano-Schnipseln, vereinzelt eingestreuten Bläsern und ordentlich schiebenden Gitarren konterkariert werden. Insbesondere live zeigt sich zudem: Polarkreis 18 können durchaus rocken. Das herausragende, für enormen Wiedererkennungswert sorgende Element der Musik ist aber natürlich Felix Stimme: Irgendwo zwischen Thom Yorke und dem Keane-Sänger angesiedelt, ist dieses kräftige Organ durch ein klar zu verortendes klassisches Element und die Art, wie es eingesetzt wird, aber unbedingt unique.

Insgesamt also ein Mix, der für ein paar gerade mal Anfang 20-Jährige auf ein erstaunliches musikalisches Geschissbewusstsein schließen lässt, und der dafür sorgt, dass Polarkreis weder jung noch nach Dresden klingen. Höchstens könnte man denken, dass das melancholisch-verlorene Element in Songs wie ‘Under This Big Moon’ von der in Einheitsgrau gehaltenen Plattenbau-Tristesse von Teilen Dresdens inspiriert ist. Spätestens hier jedoch erhebt Felix einen energischen Einwand: “Dresden ist wunderschön! Eine tolle Stadt, wir leben sehr gerne hier. Außerdem kommen wir eher aus den Vororten und dort gibt es eine tolle, grüne Landschaft. Wenn es also um Weite in unserer Musik geht, dann ist die Ursache in der Schönheit dieser Landschaften zu suchen.”

Eine schöne Stadt freilich, die Polarkreis 18 in den nächsten Monaten nicht mehr allzu häufig zu Gesicht bekommen werden. Nach Tourneen mit The Dears und anderen geht es demnächst mit den fantastischen Kashmir auf die Straße, worauf sich die Band besonders freut. Bei allen Konzerten wird die top-limitierte EP ‘Stellaris’ im edlen Stoffbeutel zu kaufen sein – ein schönes Stück für die Sammlung, das aber vermutlich schnell vergriffen sein wird. Also schnell zugreifen! Für alle, die zu spät kommen, gibt es ‘Stellaris’ aber auch auf der Myspace-Seite von Polarkreis 18 zu hören. Ein Tipp: Einfach mal nichts vornehmen, sich entspannt zurücklehnen und in eine andere Dimension entführen lassen. Eine Dimension übrigens, in der es trotz des Bandnamens niemals kalt wird. Versprochen!