Vor fünf Jahren hat Reggae-Sänger Benjie aus Hannover mit ‘Ganja Smoka’ einen kleinen Hit gelandet. Nach diversen Samplerbeiträgen und dem Debüt ‘So Gesehen’ folgt nun das zweite Album ‘Unterwegs’ des Mittzwanzigers. Darauf bietet er so ziemlich die ganze Palette an Themen an: Hier Party-Songs wie ‘Hüftrock’ oder ‘Mach’s Laut’, da kritische Texte wie ‘Brett Vor’m Kopf’ oder ‘Ihr Wollt Nicht Lernen’. Nur eines wollte er nicht noch einmal schreiben: einen Song übers Kiffen.

Im Refrain von Ganja Smoka’ hieß es: “Ich rauch’ mein Ganja den ganzen Tag./ Ganz egal, wer auch immer was dagegen sagt.” Ist das Thema inzwischen für dich völlig uninteressant? Auf ‘Unterwegs’ ist gar kein Kommentar zum Kiffen mehr enthalten, oder?
Der Song läuft ja noch und enthält alles, was ich zu dem Thema zu sagen habe. Außerdem scheint es, als würden viele Kids auf meine Mucke stehen, und die missinterpretieren sowas schnell mal und nehmen schlimmstenfalls Schaden daran. Damals war nicht abzusehen, dass so viele Leute den Song zu hören kriegen würden. Heute bin ich mir dieser Verantwortung bewusster und versuche, ihr so gut es geht gerecht zu werden.

‘Ganja Smoka’ erschien ja auch auf der ersten Ausgabe der ‘Dancehallfieber’-Reihe. Seitdem warst du als einziger Künstler neben Mono und Nikitaman auf allen vier Teilen vertreten, hast bei ‘DHF Records’ auch dein Debütalbum ‘So Gesehen’ 2003 veröffentlicht. Wie bedeutet dir die Zusammenarbeit mit der DHF-Crew? Warum bringst du jetzt die Platte bei ‘Gimme Mo’ raus?
Die Beziehung zu Christof Moser von DHF war seit dem ersten Tag gut, ich habe die Entstehung von DHF sozusagen live mitbekommen. Ich mag den Vibe der Leute irgendwie, also bin ich bisher immer mit dabei gewesen. Die ‘Unterwegs’-LP brauchte jedoch etwas Anderes. So fand ich mich nach einigem Hin- und Hergerenne schließlich mit den Jungs von ‘Gimme Mo’ Records’ zusammen. Wir kommen aus der selben Stadt und kennen uns schon länger. Das hilft bei einigen Dingen.

Bereits 2001 wurdest du zur Mitarbeit am Sampler ‘Germaican Link Up!’ eingeladen, bei dem sich ja unter dem Motto “Dancehall meets HipHop” auch jamaikanische und deutsche Künstler wie D-Flame, Kool Savas, Spectacular und Daddy Rings beteiligten. Wie war’s damals, mit Chico ‘Shining Star’ aufzunehmen? Warum hast du auf ‘Unterwegs’ gar keine Gäste dabei?
Ehrlich gesagt, habe ich Chico nie getroffen, sondern sein Acapella auf CD erhalten und bearbeitet. Das ist auch der Grund, warum ich bisher so wenig Features gemacht habe. Mich reizt eher eine Zusammenarbeit, die aus dem Moment heraus entsteht und wo durch ein echtes Zusammenarbeiten neue Erfahrungen und Resultate gewonnen werden können. Ich stehe mit einigen Leuten im Dialog und es bahnt sich hier und da was an. Mal sehen, wann und was da rauskommt.

Hast du für ‘Unterwegs’ alles selber produziert? Wurden von dir Versionen von bekannten Riddims erstellt?
Für ‘Unterwegs’ hab ich wie auch bei ‘So Gesehen’ alles zu Hause fertig geschraubt und bin dann zum Abmischen ins Studio gegangen. In diesem Fall in die ‘Gimme Mo’-Studios. Dort sind dann noch die Sounddesign- und Mix-Skills von Michael “Bazz” Jackson und Marc “Stony” Steinmeier mit eingeflossen. Es gibt einen Song auf dem ‘Big Up’-Riddim von Sly & Robbie, aber der ist noch nicht wieder aus Jamaika zurückgekehrt, wo er zur Bearbeitung hingeschickt wurde. Ich verwende aber auch gerne die eigenen Riddims, denn die liegen überall bei mir herum und wollen besungen werden.

Bei ‘Ich Träume’ singst du sehr melodisch und etwas höher. Geht das schon in Richtung Soul? Wie kommt es eigentlich, dass du sonst eher mit dieser tiefen, brummenden Stimme singst?
Tief zu singen hat mir bisher einfach am meisten Spaß gemacht. Eben wegen diesen Schwingungen, durch die das Brummen entsteht. In den höheren Lagen wie bei ‘Ich Träume’ und z.B. auch ‘Du Und Ich’ sind mir andere Bewegungen in der Melodie und andere Färbungen des Klangs der Stimme möglich. Ich versuche immer, mir selbst eine möglichst freie Entwicklung zu erlauben. Daher werden höchstwahrscheinlich auch noch Styles in höheren Stimmlagen folgen, vielleicht auch mal was in einer ganz hohen Figarofigaro.

Warum hast du dich entschieden, das kritische Stück ‘Geld’ acapella vorzutragen?
Als ich anfing, den Song zu schreiben, hatte ich nur ein kleines Akkordeon-Loop im Kopf. Es hatte einen leicht südamerikanischen Touch und eine Stimmung inne, die in mir Straßenmusiker oder eine sehr alte Schallplatte als Sinnesbilder aufstiegen ließen. Der Text entstand bereits, während ich das Loop aufnahm und brachte von Anfang an soviel Eigenständigkeit mit sich, dass ich nur noch versuchsweise weitere Instrumente hinzufügte. Für das Lied erschien es mir angemessen, dem Gesang den gesamten Platz zu lassen und so ausnahmsweise mal die Aussage in den absoluten Vordergrund zu stellen. So entstand auch das Sounddesign, wo mit alten, teils defekten Geräten die Spuren einzeln “kaputt gemacht” wurden. Damit wollte ich die Armseligkeit, die ich in der Haltung “reich um jeden Preis” sehe, akustisch unterstreichen. Mich stört und nervt es halt, dass auch heute noch zu oft wirtschaftliche Argumente schwerer wiegen, als die der menschlichen Vernunft.

In ‘Ein Rebell’ machst du dir Sorgen um HipHop (“HipHop ist mein Kumpel, und er fühlt sich grad nicht wohl./ Beklagt sich bei mir über innere Leere, fühlt sich irgendwie hohl.”)! Was liegt dir an diesem Musikgenre? Willst du auch mal was in Richtung HipHop oder mit Rappern machen?
HipHop war seit dem ersten Public-Enemy-Track, den ich als Junge mal gehört habe, nie ganz raus aus meinem Leben. Im Moment höre ich fast genauso viel HipHop wie Reggae und schätze ihn ebenso sehr. Ich schätze diese Musik zum Großteil deswegen, weil sie mir viel gegeben hat: “Unzählige Poeten von Loops voller Tricks begleitet.” So hat sich mir HipHop beim Kennenlernen dargestellt. Daher kommt auch meine leichte Unzufriedenheit angesichts mancher Entwicklung in dieser Zeit. Auf jeden Fall wird es noch Kooperationen mit dem ein oder anderen Rapper geben, soviel ist mal sicher.

In ‘Schleicher’ singst du “Ich sag, was ich zu sagen hab’ und habe trotzdem Spaß./ Sehe den Ernst des Lebens, aber tue dies nicht zu krass!” Fasst das ungefähr die Bandbreite von Protest- bis Party-Songs auf ‘Unterwegs’ zusammen?
Na ja, es fast eigentlich auch schon fast meine Lebenseinstellung zusammen: Immer nach der Mitte streben. Ich bin zwar ein nachdenklicher Mensch, aber will trotzdem am Leben teilhaben und abgehen. So ist folglich auch die Platte, denn sie spiegelt mich natürlich ein Stück weit wider.

Text: Holger Köhler