Für einen Mann, der im wirklichen Leben der Liebe äußerst skeptisch gegenübersteht, gibt Patrick Watson auf seinem dritten Album “Close To Paradise” überraschend offenherzig den sensiblen Romantiker. Ansonsten würden die Songs nicht funktionieren, meint der Kanadier und weiß, dass dies nicht der einzige Grund ist.

Video – Close To Paradise

Ein grauer Berliner Sommertag bildet die Kulisse für ein Gespräch mit Kanadas großer Songwriterhoffnung. Patrick Watson sitzt ziemlich aufgekratzt in einen Bastsessel und bricht zuerst den Filter von seiner Zigarette, bevor er sie zu rauchen beginnt. “Ist der Sommer bei euch eigentlich immer so schlecht? Ich war schon mehrere Male in Deutschland und das Wetter war nie besonders gut”, fragt er noch vor der Begrüßung und bestellt sich einen Pfefferminztee. Den kann der schlaksige Struwwelkopf auch gut gebrauchen: Seit sein Album “Close To Paradise” außerhalb der kanadischen Landesgrenzen veröffentlicht wurde, tourt Patrick Watson unablässig durch so ziemlich jeden europäischen Club. “Meine Stimme leidet in den letzten Monaten immens. Den Wirbel um meine Person bekomme ich durch die vielen Auftritte kaum mit. (überlegt) Eigentlich ganz gut so!”

Diesen Hype hat sich Watson allerdings redlich verdient. Abgesehen von seinen jüngsten musikalischen Ergüssen, rackert er schon eine ganze Weile im Musikbusiness “um endlich etwas wirklich Großes erschaffen zu können”. Seine Karriere begann früh – im zarten Alter von sieben Jahren war er bereits ein gefragter Chorknabe und brachte an Weihnachtsabenden die Herzen der anwesenden Kirchengänger regelrecht zum schmelzen. Im Teenageralter zog es ihn nach Montreal. Dort streifte er die christliche Robe für eine ordentlich zerrissene Jeans ab und beschloss, mit einem Kumpel zusammen die Ska-Jazz-Band Gangster Politics zu gründen. “Wir hatten zwar nie Erfolg, aber ich bin trotzdem Stolz auf diesen Schritt. Ich brauchte das einfach als Ausgleich zu meinem Klavierstudium. Es war eine tolle Erfahrung, studieren und nebenher Musik machen zu können.” Ende der Neunziger war es dann mit beiden Sachen auf einmal vorbei: Während die Gangster Politics am Misserfolg scheiterten, konnte Watson seinen Bildungsweg mit Auszeichnung beenden.

Im Jahre 2001 veröffentlichte Watson dann sein erstes Solowerk mit dem verwirrenden Namen “Waterproof9“. Das Album erschien zusammen mit einem Buch, für welches seine Freundin Brigitte Henry Unterwasseraufnahmen beisteuerte. “Für ein Debüt ist das vielleicht ein ziemlich groß angelegtes Projekt”, gibt Watson lachend zu, “aber eigentlich wollte ich Soundtracks für den Rest meines Lebens machen, und ‘Waterproof9’ sollte der Einstand werden.” Auch der Nachfolger “Just Another Ordinary Day” verfolgte diesen Plan. Erst mit seinem aktuellen Werk öffnet sich der Sound des Kanadiers klassischeren Songstrukturen. Warum? “Mir wurde bewusst, wie toll es ist, den Menschen eine Nachricht auf einem Album zu hinterlassen. (denkt nach) Versteh mich nicht falsch, instrumentelle Musik kann sehr ausdrucksstark sein. Mir geht es aber um mehr: Ich will mein innerstes Denken ausdrücken und das geht am besten mit Lyrics.” In diesem Punkt muss man ihm zustimmen und gleichzeitig seine ehrliche Haut loben. Watson ist niemand, der irgendwelche Geschichten erzählt. Er befindet sich mit seinem süchtig machenden Songwriter-Pop vielmehr auf stetiger Suche nach sich selbst.

Dein Album “Close To Paradise” besitzt zwei Gesichter: Eines ist sehr warmharzig und sensibel, während das andere verspielt und experimentell wirkt.

Patrick Watson: Wenn ich Songs schreibe, geschieht dies sehr intuitiv und ohne große Überlegungen. Oftmals ertappe ich mich dabei, etwas zu Papier zu bringen, was ich eigentlich so noch nie gedacht habe. Das ist das Spannende an der Sache: Du gehst mit dir selbst ins Gericht und entdeckst, wie eine bislang völlig kontraproduktive Position einen neuen Weg darstellt. Warum dies dann experimentell klingt? (grübelt) Van Morrison ist ein gutes Beispiel: Er hat in den Sechzigern einen ähnlichen Ansatz verfolgt wie ich, indem er zur Akustikgitarre; Triangeln, Schellen oder auch Kastagnetten verwendete. Ohne aber die Songs zu übersteuern!

Du sprichst von neuen Wegen, die sich dir beim Schreiben eröffnen. Kannst du mir ein Beispiel dafür nennen?
Patrick Watson: Bei den neuen Songs gab es ein Schlüsselerlebnis. Eigentlich bin ich jemand, der die Liebe recht skeptisch betrachtet. Einerseits besitzt sie natürlich die unglaubliche Kraft, zwei Menschen aneinander zu binden, auf der anderen Seite kann sie aber auch sehr brutal und verletzend sein. Als ich den Song “Drifters” für “Close To Paradise” geschrieben habe, ist mir ausgefallen, wie viele Grautöne es dazwischen noch gibt. (überlegt) Menschen, die sich nicht vollständig auf eine andere Person einlassen, werden die vielen Seiten an der Liebe niemals kennen lernen. Solche Sache meine ich, wenn von neuen Wegen die Rede ist.

Bist du jetzt eigentlich glücklicher mit dem was du macht, als noch zu Zeiten deiner Soundtrackarbeiten? Vermisst du diese manchmal?

Patrick Watson: Nein, das fehlt mir nicht! Ich versuche ja immer noch, beides zu kombinieren. Ein Grund, weswegen viele der Songs sehr lange brauchten um fertig zu werden – sie mussten einfach einen eigenständigen Charakter entwickeln und benötigten Zeit dafür. Zum Glück bin ich noch jung und kann auch beim nächsten Album gern eine Weile warten. (lacht)

Text: Marcus Willfroth


Label: Secret City/V2

Vö: 07.09.07

Tracklist:
01. Close to Paradise
02. Daydreamer
03. Slip into Your Skin
04. Giver
05. Weight of the World
06. Storm
07. Mr. Tom
08. Luscious Life
09. Drifters
10. Man Under the Sea
11. Great Escape
12. Sleeping Beauty
13. Bright Shiny Lights