Der Pilger erwartet und der Suchende glaubt fündig zu werden. Ist es in Piemont der Trüffel, an der Ostsee nahe Königsberg der Bernstein, so begibt sich der musikalisch Interessierte gerne gen Montreal, einer Stadt die nach der Arcade Fire-Erscheinung Pilger aus aller Welt empfängt um es zu finden.
Hier, fern der Heimat, fusionieren frankophiler Feingeist mit britischer Eindringlichkeit. Hier trifft Struktur auf Melodie, sie sind geradezu Freunde und diese gemeinsame Energie beeindruckt.

Im Rahmen des “M For Montreal”-Festivals im Oktober 2006 spielte Patrick Watson im „Green Room – downstairs“. 45 Minuten die meine Erwartung düpierten und es als das beste Konzert der letzten Jahre glorifizieren sollten. Hier rüpeln keine Sequenzer um musikalische Autobahnen zu bereisen, hier geht man Wege deren angrenzenden Landschaften genossen werden, Blumen streuen sich in die Aufmerksamkeit und steigt das Tempo so steigt die Aufregung. Man verliert die Kontrolle, doch aussteigen will keiner. Hier leuchten Augen, hier wird gesponnen, gewebt und voller Inbrunst verdichtet, gelockert und einfach herzlich Musik gemacht. Die Magie der vier, jeder für sich und alle gemeinsam, liegt in der Qualität der Artikulation durch das jeweilige Instrument. Sie sind sich sicher, und dieses Vertrauen aufeinander lässt alles wagen. „Ein guter Musiker weiß um die Qualität der Stille.“ Diese Reise lässt sich nicht im Detail benennen, aber sie zeigt seine Wirkung wenn man Zeit für sie hat.

Wenn sich der bärtige junge Mann mit seiner unförmigen Mütze hinter seinem E-Piano zusammenfaltet und zum mit schüchterner Stimme vorgetragenen Gesang im Rhythmus wiegt, dann kann man schon an seinem Verstand zweifeln. Wäre die einfühlsame Musik nicht so eindringlich und mitreißend, dass der ratlose Zuhörer nicht umhin kann, sich im Takte mitzuwiegen und Watsons brüchigen Strophen willenlos zu ergeben.

Patrick Watson gründete sein Quartett 2000 in Montreal, Quebec. Seine Mitstreiter sind augenscheinlich auch von dem rätselhaften Spirit befallen, geraten zunehmend in einen Zustand weltabgewandter Ekstase und rollen die Augen bis man nur noch das Weiße sieht. Indes: Die Band funktioniert wie ein weiches Räderwerk, schmiegt sich aneinander und rankt sich organisch um Watsons charmante Angebote zum Zusammenspiel.

Patrick Watson singt seit er sieben ist. Zunächst Chorknabe in seinem Geburtsort Hudson, nahe Montreal, genoss er später eine Ausbildung zum klassischen Pianisten. Er und Gitarrist Simon Angell waren in einer Ska-Jazz-Band namens Gangster Politics, mit der sie viel tourten und auf zwei Alben vertreten waren.
Zusammen mit seiner Freundin, der Fotografin Brigitte Henry startete er ein musikalisch-visuelles Projekt, ein Buch mit CD mit dem Titel Waterproof/Portraits sous l’eau, (Portraits unter Wasser) und veröffentlichte 2001 seine erste Soloplatte Waterproof9 und im Jahr 2003 den Nachfolger „Just another ordinary day“.

Watsons aktuelle CD „Close To Paradise“ ist durch eine Vietnamreise im Jahre 2001 inspiriert. Ein spannendes und farbenreiches Ganzes aus geschichteten Gitarren, Bläsern, Orgel und Piano, Streichern und vielem mehr… Die Platte kam 2006 genau rechtzeitig, zu einem Zeitpunkt als Künstler und Bands wie z.B. Sufjan Stevens und die Decemberists da waren. Am Rande einer etwas breiteren Perspektive bleibt Raum für Referenzpunkte wie Rufus Wainwright, Jeff Buckley oder Tom Waits.
Auch stilistisch die volle Breitseite: Live hören wir introvertierte Lieder, die zum verträumten Lauschen einladen. Unvermittelt loskrachender Pop und klassischer Pomp repräsentierten die so diversen Geschmäcker der Bandmitglieder: Genau wie Bassist Mishka Stein liebt Watson anmutige Melodien, während Gitarrist Simon Angell und Drummer Robbie Kuster eher dem Lärm zugetan sind. Sein kanadisches Label subsummiert es auf seiner Website unter „symphonic, electronic pop“.

Daneben steuerte Patrick Watson seine Stimme auf vier aktuellen Liedern des hinreißenden Cinematic Orchestra’s bei und tourt auch regelmäßig mit dieser außergewöhnlichen Formation. Im Oktober 2006 bekam er einen der dünn gesäten Slots auf dem Island Airwaves und legte dort auch den musikalischen Virus, der dabei ist unaufhaltsam das totgeglaubte Interesse an musikalischer Tiefe und Inbrunst wieder zu beleben. Weitere umjubelte Shows bei der Midem oder dem SXSW ließen seine Fanbase weiter wachsen. Nun erscheint dieses fantastische Album eines aussergewöhnlichen Talents in Europa.

In Summa eine schwindelerregende Kirmes mit Gitarrenakzenten, Hupen, raffinierten Spannungsbögen, Klangschnippseln und einer surrenden Hammondorgel, mit eingestreuten Streichereffekten, einer zweiten Frauenstimme und klassisch inspiriertem Pianoperlen.

Labelpromo@ Stefan Reichmann

Die Band sind:
Patrick Watson (Piano u. Gesang)
Simon Angell (Gitarre)
Mishka Stein (Bass)
Robbie Kuster (Schlagzeug)