Begleitet von Geigen, mehr als nur einem Hauch Exzentrik und seinen dramatischen Kostümierungen ist Patrick Wolf der Paradiesvogel des Indie. motor.de traf ihn zum Interview.

Bei seinem Auftritt im Rahmen der diesjährigen c/o pop rastete er kurzerhand aus, weil er sein Set nicht beenden durfte. Nur wenige Stunden zuvor zeigte Patrick Wolf sich jedoch von seiner ausgeglichenen Seite und sprach in redseliger Stimmung mit motor.de über die Auswirkungen des Web 2.0 auf die Musikwelt, seinen neuen Lebensstil und seine überraschende Zuneigung zu Blümchen.

motor.de: Du bist jetzt schon zum zweiten Mal bei der c/o pop. Gefällt es Dir hier?
Ja, vor ein paar Jahren habe ich schon einmal hier gespielt. In Köln habe ich früher sehr viel Zeit verbracht, weil mein erstes Label Tomlab seinen Sitz hier hat.

motor.de: Das Motto der diesjährigen c/o pop ist “Pop Culture 2.0. Welchen Einfluss hat das Web 2.0 deiner Meinung nach auf die Musik?

Das Web 2.0 hat einen ungeheuren Einfluss auf die Musikindustrie und jeder Art musikalischer Entwicklung. Auch das Denken der Künstler hat sich verändert. Wenn man jetzt ein Album macht ist einem als Künstler bewusst, dass die Songs heruntergeladen werden. Dieser Umstand zertört das Konzept des Albums und das ist eine Schande. Ich für meinen Teil sehe mich als Album-Künstler, ich mache vor allen anderen Dingen Alben. Mittlerweile muss man sich als Künstler fragen, wie man sein Geld verdient. Durch die rasanten Entwicklungen des Internets hat sich alles innerhalb von wenigen Jahren um 180 Grad gedreht. Ich halte das Internet für ein außer Kontrolle geratenes Monster.

Patrick Wolf – Hard Times

motor.de: Das Problem, heutzutage mit Musik Geld zu verdienen, hast Du erfolgreich gelöst. Dein aktuelles Album “The Bachelor” wurde durch Aktien finanziert, die Deine Fans kaufen konnten.
Ich habe das Album über Bandstocks.com finanziert. Das Konzept dieser Website ist, dass Fans in Form von Aktien in einen Künstler und seine Arbeit investieren können. Mit diesem Geld war es mir dann möglich, mein Album auzunehmen, und es zu veröffentlichen, das Marketing zu bestreiten und Videos zu drehen. Für all das braucht man starke finanzielle Rücklagen, besonders dann, wenn man, wie ich, auf sich allein gestellt ist. Gleichzeitig bekommen meine Fans dann auch einiges zurück, beispielweise können sie kostenlos Akustik-Shows besuchen, oder haben ein Vorrecht auf Konzerttickets. Es ermöglicht mir eine enge Beziehung zu meinem Publikum, was mir sehr wichtig ist. Momentan sucht jeder nach neuen Wegen, seinen Kopf über Wasser zu halten. Dieses Konzept ist eine interessante Möglichkeit, mein Schaffen zu finanzieren und ich bin sehr glücklich damit.

motor.de. Nach Deiner letzten Tour hast Du erst mal eine Weile pausiert, weil Du gegen Ende an einer regelrechten Depression gelitten haben sollst.

Ich bin eigentlich eine sehr häusliche Person und führe lieber ein eher ruhiges Leben. In Zeiten, in denen man ein Album veröffentlicht, wird dann alles sehr turbulent und unstet. Du tourst das ganze Jahr über von Land zu Land. Dein ganzes häusliches Leben verschwindet dahinter. Seit etwa fünf Jahren ging das so und ich wollte das nächste Jahr nicht wieder auf diese Weise verbringen. Es war einfach nicht mehr gesund für mich. Ich war gestresst, einsam und regelrecht irre. Ich wollte wieder lernen, wie es ist, menschlich zu sein, menschliche Fähigkeiten haben, romantisch sein und einfach ein ganz gewöhnliches Leben führen. Ein Jahr lang wollte ich mal kein Popstar sein, keine Autogramme geben, keine Show spielen, Interviews geben, oder Videos drehen, sondern einfach nur schreiben und ein Künstler und Musiker sein. Ich habe in dieser Zeit das Showbusiness aufgegeben, nicht die Musik.

motor.de: In diesem Jahr hast Du wieder ein Album veröffentlicht, Videos gedreht und bist auf Tour. Wie gehst Du jetzt mit dieser Situation um?

Während meiner Auszeit ging es vor allem darum, mir eine Basis, ein Zuhause aufzubauen. Zuvor war ich mehr oder weniger obdachlos. Ich lebte in verschiedenen Wohnungen während ich versuchte, meinen Lebensunterhalt zu verdienen und mich als Künstler zu etablieren. Die ganze Zeit dachte ich nur daran, neue Musik zu schreiben, spielte Shows und blieb die ganze Nacht auf. Ich bin sehr ehrgeizig – übertriebener Ehrzeiz kann Dich zerstören. Du vergisst, dass Du essen und schlafen muss. Mittlerweile bin ich etwas mehr zur Ruhe gekommen. So ist das wohl, wenn man älter wird. Ich bin 26, als ich angefangen habe Musik zu machen, war ich 18. Damals habe ich nicht besonders auf mich geachtet. Jetzt gehe ich sogar ins Fitnessstudio, was für mich sehr merkwürdig ist. Aber ich mache es, um gesund zu bleiben. So wie Madonna. Sie verbringt den halben Tag mit Sport und kann dann Abends die Queen of Pop sein.

motor.de: “The Bachelor” war ursprünglich als politisches Album geplant. Welche politischen
Themen beschäftigen Dich?

Mich beschäftigen gesellschaftspolitische Themen, vor allem hinsichtlich der Frage, welchen Stellenwert Minderheiten und Außenseiter in einer Gesellschaft haben. Seit meiner Schulzeit habe ich erfahren wie es ist, ein Außenseiter zu sein und als Freak bezeichnet zu werden. Auch später, besonders nach der Veröffentlichung von “The Magic Position” habe ich viel Aufmerksamkeit, aber auch Ignoranz erfahren. Ich wurde plötzlich zum Ziel von Homophobie. Wenn ich beispielsweise händchenhaltend mit meinem Freund spazieren ging, bekam ich zu hören, dass das etwas für Frau und Mann sei. Aus dieser Perspektive bedeutet politisches Handeln für mich nicht, wütend zu sein, sondern eher zu versuchen, meinen Platz in der Welt zu finden. Viele Songs auf “The Bachelor” setzen sich mit diesem Thema auseinander. Ich denke, einige meiner Hörer brauchen Songs, die sie durch diese Zeit bringen, genauso wie das bei mir mit den Sex Pistols oder Blondie der Fall war.

motor.de: “The Bachelor” ist die eine Hälfte Deines Zwei-Alben-Projekts “The Battle”, das mit der Veröffentlichung von “The Conqueror” im nächsten Jahr vervollständigt wird. In welchem Verhältnis stehen diese beiden Alben zueinander?
“The Bachelor” repräsentiert vor allem die negativen Seiten des Lebens. Da geht es um Einsamkeit, Liebeskummer und Wut. “The Conqueror” erzählt hingegen von Liebe, Magie und Erotik und davon, das Leben zu genießen. Zwischen den beiden Alben besteht eine Balance, ähnlich wie beim Ying und Yang.

motor.de: In Deiner Musik kombinierst Du elektronische Sounds mit klassischen Instrumenten. Was fasziniert Dich an dieser Mischung?
Für mich besteht zwischen diesen beiden Arten der Musik kein großer Unterschied. Für mich ist es normal, an einem Tag Whigfield und die Vengaboys und am anderen Tag gregorianischen Gesang zu hören. Man sollte Musik fühlen und die Emotionen und Botschaften erleben, die sie transportiert, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob das, was man da hört, nun Elektro oder Folk ist. Ich denke, diese Idee spiegelt sich auch in meiner Musik wieder. Für manche mag das der Grund sein, warum sie ihnen schwer zugänglich ist, aber gleichzeitig hören viele meine Sachen wohl genau aus diesem Grund.

Patrick Wolf – Vulture



motor.de: Welche Bands und Künstler hörst Du im Moment? Hast Du irgendwelche Empfehlungen?

Ich bin ein großer Fan von Micachu. Sie macht diese Art von Musik, die man sich über Kopfhörer mit geschlossenen Augen anhören sollte. Rowdy Superstar ist ein begnadeter Spoken Word-Künstler. Er ist ein guter Freund von mir und darüber hinaus ein hervorragender Tänzer. Wir machen oft Shows zusammen. Dann ist da noch Craig Template, der auch aus London kommt. Er ist die nächste Madonna und ein richtiger Superstar. Ansonsten höre ich viel von Leonard Cohen und Joni Mitchell, aber auch klassische Musik. Die britischen Top 40 meide ich so gut es geht. Das ist ein übler Ort.

motor.de: Die deutschen Charts sind noch schlimmer!
Da gibt es diese deutsche Sängerin, die ich mag – Blümchen! Ihren Song “Boomerang” habe ich immer gehört, als ich für Aufnahmen in Berlin war. Wer weiß, vielleicht findet sich das ja auf dem nächsten Album wieder (lacht).

Interview: Sarah Schaefer