Man mag von Phillip Boa halten, was man will, doch kaum ein anderer deutscher Independent-Act kann auf eine so ereignisreiche Karriere zurückblicken. Anlässlich seines neuen, vierzehnten Albums “Faking To Blend In” präsentiert sich der Wahlmalteser in bester Laune und sehr gesprächsbereit.

Knapp zwei Jahre ist es her, als Phillip Boa und seine Mitstreiter vom Voodooclub ihr letztes Lebenszeichen von sich gaben. “Decadence & Isolation” hieß das Werk und konnte mit Recht als eines der stärksten in der Laufbahn des selbsternannten “Lord Of Indiecult” bezeichnet werden. Endlich brachte der Grantler seine Qualitäten wieder auf den Punkt: treibende Drums, schnelle Gitarren und die eigenwilligen Gesangsparts beinhalteten alles, was seine große Fanschar so lang vermisste. Nun kommt sein neuer Longplayer in die Läden und Mr. Boa hat einmal mehr vieles neu entdeckt – zu seinem eigenen Vorteil!

Im letzten Jahr hattest du deine besten Alben aus den Achtzigern released. Wie wichtig war diese Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit für “Faking To Blend In”?
Phillip Boa: Das war für mich nicht nur eine Bewältigung meiner Geschichte, sondern auch eine Konfrontation. Bisher bin ich der Vergangenheit immer entflohen und davongelaufen. Die alten Songs schob ich weit von mir. Ich nenne dir ein Beispiel: An dem Song “Container Love” bin ich schon zu Grunde gegangen, weil es mein erfolgreichstes Lied war und jeder den Namen Phillip Boa mit diesem Stück verbunden hat. Bei der Remaster-Serie habe ich den Track wiederentdeckt und erkannt, wie zeitlos-schön er ist! Solche Dinge haben die neuen Lieder definitiv beeinflusst.

Du hattest in den letzten Jahren einen sehr engen Zeitplan. Kurz nach den Konzerten zu “Decadence & Isolation” kam die Remaster-Tour im vergangen Herbst und nun steht bereits ein neues Album in den Läden. Andere Künstler lassen sich mehr Zeit!

Phillip Boa: Ich arbeite einfach sehr viel. Man darf auch nicht vergessen, dass wir früher eigentlich noch mehr veröffentlicht haben. Da gab es jedes Jahr ein neues Boa-Album. Inzwischen lässt sich das mit dem Musikgeschäft nicht mehr vereinbaren und daher ist es mir wichtig, dass die neuen Sachen ausdrucksstark sind. Deswegen wechsele ich auch immer das Team, mit dem ich zusammen arbeite, damit ich mich nicht wiederhole. Man darf nicht stehen bleiben und sollte sich weiterentwickeln.

Damit “Faking To Blend In” diesen Ansprüchen gerecht wird, hast du dir mit Tobias Siebert (Delbo/k.leze-Mitglied) einen sehr jungen Produzenten an die Seite geholt.
Phillip Boa: Das ist ein wenig wie bei David Bowie: Er wechselte auch sehr oft die Produzenten und nahm gerne jüngere Leute, um seine Songs fertig stellen zu lassen. Mit großem Erfolg! Obwohl Tobi nur halb so alt ist wie ich, hat er es unglaublich gut verstanden meine Tugenden zu fördern und darauf aufzubauen. (überlegt) Ich hatte früher immer meine Schwierigkeiten damit, wenn ein Producer mir den Weg vorschreiben wollte. Inzwischen bin ich aber kompromissbereiter. Dies zeigte sich anhand der neuen Songs vor allem dadurch, dass ich Tobi einige Lieder in Berlin zu Ende produzieren lassen habe, obwohl ich im Studio nicht anwesend war. Die Zeit ist einfach reif, dass ich auf jemanden höre.

Eine Entwicklung, die bei dir seit einigen Jahren zu beobachten ist: Du scheinst ausgeglichener zu sein und deinen inneren Frieden gefunden zu haben!
Phillip Boa: Das stimmt in gewisser Weise auch. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern hatte ich zwar kommerziell den größten Erfolg, wurde aber für Dinge angefeindet, die nichts mit meiner Musik zu tun hatten. Daraus lernt man natürlich und lässt gewisse Erniedrigungen nicht mehr an sich heran! Trotzdem bin ich nicht ruhiger geworden, denn es steckt auch heute noch ein Rebell in mir.

In welchen Situationen findet deine rebellische Seite ihren Ausdruck?
Phillip Boa: Bei der letzten Tour gab es ein paar Gigs, die von einer Automarke gesponsert wurden. Dies geschah in Zusammenhang mit einer Verlosung von der ich nichts wusste. Die Gewinner bekamen irgendwelche VIP-Tickets und hatten Zugangsrechte, die den restlichen Besuchern nicht gestattet waren. Als ich von diesem Zweiklassenverhältnis erfuhr, hat mich das wahnsinnig aufgeregt. Dem anschließenden Wutanfall fielen nicht nur das halbe Equipment zum Opfer, sondern auch der Backstageraum und mein Hotelzimmer.

Apropos Wutanfälle, wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Pia Lund bei den Aufnahmen zu “Faking To Blend In”? Seid ihr inzwischen geduldiger miteinander?
Phillip Boa: Nein, da hat sich nicht viel geändert. Auf Tour ist es immer sehr harmonisch, da kommen wir gut miteinander aus. Aber sobald es an Studioaufnahmen geht, ist das Streitpotenzial unendlich hoch. Diese Konflikte halten noch Monate vor und deswegen legen wir die Konzerte auch auf weit entfernte Termine. (lacht) Es existiert aber eine Freundschaft tief unter diesen Streitigkeiten. Trotzdem hat sie mich von ihrer Geburtstagsparty ausgeladen.

Diese Erlebnisse wären ja passend für das Buch, an dem du angeblich arbeitest – ist da was dran oder handelt es sich um ein Gerücht?
Phillip Boa: Ich könnte eins schreiben und habe auch Ideen für Manuskripte. Mein geschätzter Kollege Sven Regner hat das mit “Herrn Lehmann” ja bereits geschafft. Ich habe aber große Bedenken vor den Kritiken und böse Verrisse wären für mich ein ziemlicher Downer. Es gibt dieses deutsche Sprichwort “Schuster bleib bei deinen Leisten”. (überlegt) Das mit den Kritiken klang eben uncool, oder? Man sollte es so verstehen: Ich habe oft genug keinerlei Respekt entgegengebracht bekommen in Rezensionen oder Artikeln und dies kränkt mich eben auch heute noch.

Die öffentliche Meinung ist Phillip Boa wichtig. All die Zeit hat nichts daran geändert. Große Sorgen sind allerdings unbegründet! Ähnlich wie der Vorgänger rockt auch “Faking To Blend In” mit viel Passion und der ganz eigenen Phillip Boa-Vintage. “Ich will nicht schlecht über meine alten Platten reden. Doch gerade bei den neuen Songs habe ich das Gefühl, dass sie von ganz hoher Qualität sind. Solche Äußerungen klingen immer ungelenk, aber ich bin nun mal dieser Überzeugung”, fügt er abschließend hinzu, verabschiedet sich und behält obendrein Recht.

Interview + Text: Marcus Willfroth

ACHTUNG:
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Phillip Boa auf Tour:
14.09. Cottbus – Glad House
20.09. Frankfurt/M – Batschkapp
21.09. Magdeburg – Factory
22.09. Halle/Saale – Steintor Varieté
24.09. Oldenburg – Kulturetage
25.09. Hannover – Musikzentrum
26.09. Berlin – Postbahnhof
27.09. Erfurt – Gewerkschaftshaus
28.09. Dresden – Alte Reithalle
29.09. Glauchau – Alte Spinnerei
02.10. Hamburg – Markthalle
04.10. Bochum – Zeche
05.10. Köln – Gloria
11.10. Karlsruhe – Substage
12.10. München – Muffathalle
13.10. Osnabrück – Rosenhof