Jetzt wo auch in Gesamtdeutschland der Sommer ausgebrochen ist und Hochtemperaturen herrschen, darf man vermutlich problemlos vom Filmfestival in Cannes berichten, oder? Auf das sonnige Wetter muss nun jedenfalls niemand mehr eifersüchtig sein. Hier in Südfrankreich herrschen jedenfalls mittlerweile so tropische Temperaturen, dass es alles andere als ein Vergnügen ist, täglich ewig und open-air in langen Schlangen vor den Kinos zu warten, um sich dann drinnen in den klimatisierten Sälen die Gesundheit zu ruinieren.
Über das, was es auf der Leinwand bisher zu sehen gab, muss man sich allerdings kaum beschweren. Der heiß erwartete deutsche Beitrag „Auf der anderen Seite“ von Fatih Akin war rundum sehenswert (wenn auch leider nicht ganz so herausragend, wie von vielen im Vorfeld erhofft) und sein österreichischer Kollege Ulrich Seidl hielt seine Kamera für „Import/Export“ mal wieder gnadenlos auf das Elend der Welt. Heimliche Favoriten auf die Goldene Palme sind aber Gus van Sants stiller Skater-Studie „Paranoid Park“, der wunderbar schräge Western-Actioner „No Country For Old Men“ von den Gebrüdern Coen und vor allem die großartige Romanverfilmung „Le scaphandre et le papillon“, mit der Künstler Julian Schnabel erstmals einen französischen Film gedreht hat.

Selbst Angelina Jolie enttäuschte nicht, weder auf der Leinwand im Doku-Fiction-Drama „A Mighty Heart“ (ihre erste gute Rolle seit Ewigkeiten), noch auf dem roten Teppich. Schon seit ein paar Tagen bringen sie und Brad Pitt Fans und Fotografen gleichermaßen zur Begeisterung und selbst in den Hotels sind alle ganz angetan davon, wie bescheiden und nett die mit allen Kindern angereiste Patchwork-Familie hier an der Croisette auftritt. Überhaupt ist der Promifaktor in Cannes ganz schön hoch: neben charmanten Französinnen wie Catherine Deneuve oder Julie Delpy gaben sich auch Tarantino, Polanski und Scorsese sowie Daniel „007“ Craig, Gong Li und Sharon Stone schon die Ehre. Ganz zu schweigen von jeder Menge B-Prominenz wie Don Johnson, Daryl Hannah oder Bai Ling, die nebst knappen Kleidchen dieses Mal auch ein fast fertiges Buch sowie einen Film mit Katja Riemann im Gepäck hatte.

Vergeblich gesucht hat man vor Ort allerdings nach Johnny Depp, denn die Weltpremiere zu „Pirates of the Carribean: Am Ende der Welt“ fand dann doch lieber in den USA statt, wo niemand die Schau stehlen konnte. Auch bei uns kommt der Film jetzt in die Kinos, und so recht weiß man gar nicht, ob man sich drauf freuen soll, schließlich war der zweite Teil ja doch mehr Marketing-Frechheit als Film-Highlight. Aber immerhin: nach langen Ankündigungen tritt nun endlich auch mal Keith Richards als Papa Sparrow auf.

Alle anderen Filme, die in dieser Woche neu in die deutschen Kinos kommen, kann man nur als klitzeklein bezeichnen, selbst wenn man als Vergleich nicht die Mega-Piraten-Produktion heranzieht. Im deutschen Drama „Elbe“ schippern zwei knarzige Kerle über den titelgebenden Fluss, während sich der dänische Regisseur Niels Arden Oplev in „Der Traum“ engagiert mit einem jungen Schüler beschäftigt, der gegen seinen prügelnden Lehrer vorgeht. Dazu passt als Kontrastprogramm ganz gut die kleine US-Arbeit „Loving Annabelle“, in der es auch um ein Lehrer-Schüler-Verhältnis geht. Die Umstände sind allerdings ganz andere, denn was sich zwischen Annabelle und ihrer Lehrerin abspielt, lässt sich wohl eher als Liebesbeziehung beschreiben. Und nicht vergessen wollen wir schließlich den argentinischen Film „El Custudio“, der sehr langsam – aber je nach Geschmack auch sehr nachdrücklich – das Leben eines Polit-Leibwächters (Hauptdarsteller Julio Chávez ist hervorragend!) porträtiert.

Wichtigstes Augenmerk sei aber auf „Joe Strummer: The Future Is Unwritten“ gelegt, schließlich sind wir hier – Cannes hin oder her – auf einer Musikplattform. Mit schier überbordender Kreativität zeichnet Julien Temple in dieser Dokumentation das Genie von The Clash-Frontmann Joe Strummer nach, wovon man nicht nur als Punk-Fan vollkommen mitgerissen sein kann. Unkonventionell und angenehm chaotisch hält sich der Regisseur nicht an Doku-Konventionen, lässt neben alten Bandgefährten auch Johnny Depp, John Cusack oder Bono zu Wort kommen und macht dabei lediglich den Fehler, seinen Film ein wenig zu lang geraten zu lassen. Aber was soll’s, echte Künstler wie Strummer brauchen eben ihren Platz. Es geht hier ja schließlich nicht um Bai Ling.

Text: Patrick Heidmann