Polarkreis 18


Nachdem wir ja nun seit Wochen und Monaten bereits ordentlich die Trommel gerührt haben, gibt es jetzt endlich Handfestes von der tollen Dresdener Band Polarkreis 18 zu vermelden: In diesen Tagen erscheint das selbstbetitelte, “richtige” Albumdebüt! Es lassen sich also endlich Erkenntnisse vertiefen, man kann erste Eindrücke einer weiteren Prüfung unterziehen.
Zunächst: Wahrscheinlich, und das ist in keiner Weise despektierlich gemeint, ist es ein Segen, dass Polarkreis 18-Sänger Felix Räuber nicht richtig Englisch kann. Da es Räuber nämlich nach eigenen Angaben schwer fällt, sich in der fremden Sprache auszudrücken, bedient er sich mit Erfolg eines kleinen Kunstgriffs, der die vermeintliche Schwäche zur eindeutigen Stärke werden lässt. Erst durch das endlose Dehnen, Zersingen und Unkenntlichmachen der Vokale nämlich wird aus dem in sphärischen Höhen schwebenden Gesang des 19-Jährigen jenes instrumentengleiche ätherische Flirren, welchem die Musik der Dresdner Band zu einem Gutteil ihr einzigartiges Moment verdankt. Der sich daraus ergebende Eindruck des Verzichts auf Sprache als allgemein verständliche Kommunikationsform lässt die auf “Polarkreis 18” erstmals in voller Blüte erstrahlende Musik des Fünfers noch realitätsenthobener erscheinen als dies ohnehin schon der Fall ist.
Rätselhaft verwobene und doch eindeutig im Pop beheimatete Klänge sind so entstanden. So hallt bereits das Streicher-Intermezzo zu Beginn wie ein verrauschtes Zeichen aus einer anderen Zeit herüber – dem Berlin der Goldenen Zwanziger etwa. “Chiropody” ist dann die betörend entrückte Neu-Entdeckung der Langsamkeit, während mit “Comes Around” der verzweifeltste und gleichzeitig großartigste Moment der Platte erreicht ist.
Natürlich kennt man eine ähnlich experimentelle und grenzenlose Herangehensweise an Musik wie sie Polarkreis 18 bevorzugen bereits von Radiohead, den frühen Shoegazern oder auch Sigur Rós. Aber von einer deutschen Band hat man etwas Vergleichbares auf derart hohem Niveau bislang eben noch nicht gehört. Polarkreis 18 erweisen sich trotz ihres jugendlichen Alters als Meister sublimer Arrangements in “Dreamdancer”, beweisen nicht nur hier ein treffliches Gespür für Dynamik und zelebrieren schließlich in “Look” die perfekte Symbiose aus Sequenzer getrieben Techno-Beats und Indie-Pop. Ein Spannungsbogen zum Gänsehautkriegen. Trotz aller Vorliebe für ausgefallene Instrumentierungen mit Streichern, Sequenzern und klassischem Rock-Instrumentarium wirken die enigmatischen Kompositionen nur selten überfrachtet, sondern vielmehr stringent. Ein cleveres Händchen für memorable Melodien – “Somedays Sundays” ist ein echter Hit! – beweist die Band außerdem. Einzig wenn sich Polarkreis 18, etwa in “Ursa Major”, etwas zu deutlich an den Radiohead der “Kid A”-Phase orientieren oder ihnen im letzten Teil der Platte generell ein bisschen die guten Ideen ausgehen, verliert das Album für kurze Momente an Spannung. Das und der dem geringen Budget geschuldete, teilweise etwas blecherne Klang von Streichern und Samples, können ein insgesamt brillantes Debüt indes nur bedingt trüben. Polarkreis 18 liefern Klang gewordene Melancholie, den optimalen Soundtrack für wohlige Tagträumereien in jede nur vorstellbare Richtung.

Text: Torsten Groß

Label: Motor

Tracklist
1. Intro
2. Dreamdancer
3. Chiropody
4. Somedays Sundays
5. Crystal Lake
6. Comes Around
7. Stellaris
8. Look
9. After All, He Was Sad
10. Ursa Major
11. Under This Big Moon

Polarkreis 18


Kennen gelernt hat sich ein Teil der Band bereits, als sie gemeinsam die Schulbank drücken. Am 24.12.1997 findet auch der letzte der Gruppe sein erstes Instrument unter dem Weihnachtsbaum, was den Beginn des Bandbestehens datiert. Damals sind die Jungs gerade mal 13 Jahre alt.

Schnell ist ihnen klar, dass Musik eine wichtige Rolle in ihrem Leben einnehmen würde. Sie stellen einen intensiven Probenplan auf und verbringen die folgenden Jahre jede freie Minute an ihren Instrumenten. Zu der Zeit spielen sie noch Schrammelrock und außer ihren Familien weiß noch niemand von der Band, die damals noch den Namen „Jack Of All Trades“ trägt.

Nach ihrem Abitur 2003 beschließen sie sich voll und ganz der Musik zu widmen. Ein Jahr später veröffentlichen sie ein kostenloses Fünf-Track-Downloadalbum auf ihrer bandeigenen Website. Musikalisch schwingen sie nun ins Experimentelle um, inspiriert vom Post-Rock aus Chicago. Der regionale Erfolg wächst, gleichzeitig bauen die Freunde ein Studio auf, fuchsen sich in elektronischen Elemente hinein, geben sogar ein paar Laptop-Konzerte. Zu der Zeit wird auch der endgültige Bandname gewählt – „Polarkreis 18“. Als Mitte 2005 Gitarrist und Klavierspieler Philipp und Schlagzeuger Christian zur Gruppe stoßen, war die Rückkehr zum Liveband-Konzept beschlossen.

Sie beginnen in Eigenregie ihr Debütalbum “Look” zu produzieren. In den folgenden Monaten verschicken sie mehr als 200 Demos. Doch bis auf eine paar wenige Antworten bleibt ihnen die Aufmerksamkeit seitens der Musikindustrie versagt.
Nach vielen bandinternen Diskussionen ringen sie sich dazu durch, an Nachwuchsbandwettbewerben teilzunehmen. Nachdem sie dabei erst den zweiten Platz beim f6 Music Award abräumen, folgt kurze Zeit später der Sieg beim PlugIn-Festival, was ihnen in der Folge einen Plattenvertrag beim Label Motor Music einbringt.

Im Februar 2007 erscheint das erste offizielle Album „Polarkreis 18“. Anschließend bestreitet die Band eine ausgedehnte Tour durch Deutschland. Im Debüt bezaubern Polarkreis 18 durch nordisch anmutende Klangteppiche aus Streichern, Gitarren und der außergewöhnlichen Stimme von Sänger und Frontmann Felix. Gleich danach beginnen sie mit der Arbeit an ihrem zweiten Studioalbum. Dafür ziehen sie Anfang 2008 in ein musikalisches Trainingslager außerhalb Dresdens. In der Abgeschiedenheit eines kleinen Bauernhauses in Norddeutschland fixieren sie die ersten Ideen für neues Material.
Anschließend nehmen sie die Songs in Weilheim mit den Produzenten Mario Thaler (Produzent u.a. von The Notwist und Slut) und Jochen Naaf (Produzent u.a. von Peter Licht) auf. Im Oktober wird „The Colour Of Snow“ veröffentlicht und ist wesentlich orchestraler und pathetischer als sein Vorgänger. Die erste Single „Allein Allein“, die zudem im Fantasy-Film “Krabat” verwendet wird, schafft es auf Anhieb in die Top 10 der deutschen Single-Charts und erreicht nach drei Wochen sogar Platz 1.

Im Februar 2009 treten Polarkreis 18 mit ihrer zweiten Singleauskopplung „The Colour of Snow“, jedoch mit einer deutschen und nicht wie im Video englischen Version, für das Bundesland Sachsen beim Bundesvision Song Contest 2009 an und schaffen es bis auf den zweiten Platz. Mit dem Einstieg von „The Colour of Snow“ auf Rang 5 haben Polarkreis 18 im Februar 2009 zwei Singles gleichzeitig in den deutschen Single-Top-Ten. Der Song „Happy Go Lucky“ wird im Juni 2009 die nächste Singleauskopplung. Im dazugehörigen Video spielt der Großvater von Sänger Felix Räuber die Hauptrolle. Zeitgleich erreichen die sechs Dresdner auch Großbritannien mit ihrer Musik. Das Album „The Colour Of Snow“ wird von Radio2 (BBC) zur Record Of The Week gekürt und das Video zu „Allein Allein“ läuft auf den britischen Sendern The Box und Starz.
 

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