Einfach haben es sich die Nordiren nie gemacht. Es gibt heute nicht mehr viele Bands, die auf eine so sympathisch-abgefuckte Karriere zurückblicken können wie Therapy?

Nach dem Noise-Rock der Anfangsjahre und Millionen verkaufter Platten Mitte der Neunziger, befand sich die Band lange auf einer kommerziellen Talfahrt. Streitigkeiten mit Labels, Drogeneskapaden und Besetzungswechsel inklusive. Aufgegeben haben sie aber nie und der wiederkehrende Erfolg gibt der Band recht.

‘One Cure Fits All’ ist nach dem letzten sperrigen Wutklumpen ‘Never Apologize, Never Explain’ fast schon leichte Kost, dennoch braucht das Album mehrere Durchläufe, um sich dem Hörer komplett zu erschließen. Frontmann Andy Cairns, der gut gelaunt aus Cambridge anruft, sieht das ähnlich: “Das ist eigentlich bei jeder unserer Platten so. Die Leute brauchen normalerweise eine Weile, um sich an den Sound zu gewöhnen. Wenn sie sich diese Zeit nehmen, lieben sie die Alben eigentlich immer.”

Für die Fans der Band ist es sicherlich nicht einfach, sich mit jedem Album auf eine neue Richtung einzustellen. Nicht wenige sahen im gutgelaunten ‘High Anxiety’ die Rückkehr zu den seligen, melodielastigen ‘Troublegum’-Zeiten, mussten dann aber feststellen, dass Therapy? leicht verdaulichen Pop-Punk doch lieber anderen überlassen: “Jedes Mal, wenn wir etwas sehr eingängiges schreiben, fühlen wir uns irgendwie schuldig. The Offspring, Foo Fighters, Billy Talent und Fall Out Boy machen das schon, und bis auf die Foo Fighters und The Offspring sehen die auch alle besser aus als wir. Außerdem haben Therapy? mit ‘Troublegum’ schon ein Pop-Punk-Album, also müssen wir das nicht noch mal machen.”

Zu einem nicht geringem Maße ist dieses Selbstbewusstsein auch dem ‘neuen’ Bandgefüge geschuldet. “Nachdem wir mit ‘Shameless’ 2001 den kommerziellen Tiefpunkt erreichten, benahmen sich Martin (McCarrick, Gitarre und Cello) und Graham Hopkins, unser alter Drummer, merkwürdig, wurden sarkastisch und unangenehm. Sie wurden panisch, hatten Angst, keine Rockstars mehr zu sein und wollten die Band unbedingt in eine kommerziellere Richtung drängen. Deswegen haben wir die beiden gebeten, die Band zu verlassen. Zu dritt, mit Neil an den Drums, sind wir endlich wieder eine Band, die auch befreundet ist, das macht vieles einfacher.”

Angesichts des elften Albums und einer 17-jährigen Bandgeschichte muss die Frage erlaubt sein, was den dreifachen Familienvater Andrew J. Cairns antreibt, sein Leben dem Punkrock zu widmen: “Wir haben in all den Jahren so viele Bands kennen gelernt. Da haben sich zwei Arten herauskristallisiert. Die einen stehen darauf, berühmt zu sein, Geld auszugeben, in teuren Studios herumzuspielen und auf keinen Fall live aufzutreten. Und dann gibt es altmodische Exemplare wie uns, die es einfach über alles lieben, auf Tour zu sein, neue Länder zu sehen und neue Menschen kennen zu lernen.”

Eine von derartigem Enthusiasmus und dem unerschütterlichen Glauben an die eigene Musik beseelte Band kann scheinbar absolut nichts aus der Bahn werfen. Zum Glück, denn die von zu vielen Kompromissen aufgeweichte Musiklandschaft unserer Zeit hat die klanggewordene Integrität von Therapy? bitter nötig.

Text: Martin Schmidt