Viel Feind, viel Ehr’? Die Überlegung, dass erst unter repressiver Herrschaft Widerstand aufblüht, scheint nach ein paar Wochen in Asien fraglich.

So richtig anfreunden kann er sich mit dem Gehörten nicht. Das merke ich schon an seiner Miene. Als der Mann, mit dem ich mir seit sechs Stunden 80 Zentimeter laotischen Bussitz teile, die Stöpsel aus den Ohren zieht, kneift er die Augen zusammen, schüttelt sich und seinen pudelmützengeschmückten Kopf, grinst und bekundet sein Missfallen mit einem “Don’t know”.

Nun muss nicht jeder Beethoven toll finden, doch dass mein zufälliger Reisebegleiter den Geräuschmüll, den der Busfahrer durch die wackeligen Boxen seines ebenso wackeligen Gefährts schickt, jedem meiner Musikvorschläge – und ich habe von Slayer bis Pulp, von den Bright Eyes hinzu Schubert alles probiert, zuletzt sogar das Hardcore-Mixtape, das ein Freund mir mit auf die Reise gab – vorzieht, kränkt mich dann doch ein wenig. Sollte doch, folgt man einer geläufigen Theorie, gerade letzteres hier in Laos besonders gut ankommen.

Ich kann mich gerade nicht mehr erinnern, wer es gesagt hat. Ob es Greil Marcus war, oder Jello Biafra oder vielleicht auch Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen. Einer dieser jedenfalls vertrat irgendwann und irgendwo mal die Überzeugung, dass rebellische Musik immer erst unter autoritären Regimes voll zur Blüte kommt. Punk unter Thatcher, Kohl und Reagan, sei, da der Feind klar zu erkennen wäre, per Ausgangsbedingung zorniger und damit schlicht besser als unter Blair, Schröder und Konsorten.

Naja. Nach ein paar Wochen in der asiatischen Welt weiß ich jetzt: Das ist großer Quatsch. Was sich in Thailand bereits ankündigte (siehe letzte Kolumne), einem Land, welches trotz aller Modernisierungsmaßnahmen der letzten Jahre immer noch reichlich autoritär regiert wird, verschlimmerte sich noch, nachdem ich die Grenze in Richtung Laos überschritten hatte. Einem Land, das getreu eben erwähnter Theorie den fruchtbarsten Nährboden für Anti-Establishment-Kapellen aller Art bieten sollte. Schließlich lebt es sich, nachdem weite Teile des Nordens und Südens im Zuge des Vietnamkriegs in Grund und Boden bombardiert wurden (allein zwischen 1964 und 1972 warfen amerikanische Bomber zwei Milliarden Tonnen Sprengstoff ab, was Laos den traurigen Titel des am meisten bombardierten Landes der Welt einbrachte), seit nunmehr rund 30 Jahren unter “kommunistischer” Diktatur auch nicht gerade angenehm. Hunger, Korruption und Misswirtschaft kennt der gemeine Laote nicht nur aus dem Fernsehen. Doch was ist? Experimentelle Geräuschkunst in Luang Prabang, wütender Hardcore in Vang Vieng oder eine fluktuierende subversive Avantgarde in Vientiane? Fehlanzeige. Allgegenwärtig ist nur der staatlich verordnete Plastik-Pop, dessen Nutzung durch die Bevölkerung dringendst die neuerliche Lektüre des Kulturindustriekapitels der “Dialektik der Aufklärung” nahe legt. Wo die Wirklichkeit zu schwer zu ertragen ist, folgt die Flucht ins Idyll.
Bestes Beispiel für diesen eskapistischen Exzess sind die raubkopierten Karaoke-DVDs, die auf jedem Mark zwischen Bier-Lao-T-Shirts (Bier Lao schmeckt übrigens erstaunlich okay) und Garküchen-Essen feilgeboten werden. Das erste Mal sehen durfte ich ein solches Machwerk in einem Dorf, das nur wandernd zu erreichen war. Vier Stunden waren wir über grüne Hügel und Reisfelder marschiert, bevor wir in einem 100 Einwohner-Dorf landeten, in dem die Menschen in Bambushütten wohnten, die Kinder nackt herumliefen und die Schweine für die Entsorgung des Mülls zuständig waren. Der lokale “Supermarkt” verkaufte nichts außer Bier und Zigaretten, eine Straße gab es genauso wenig wie Toiletten oder Zahnbürsten, aber Strom gab es – und einen DVD-Player.
Nach dem Essen wollten uns die Dorfältesten was Gutes tun und schmissen die Karaoke-Maschine an. Kaum erklangen die ersten Töne, zeigte sich auf den Gesichtern unserer Gastgeber übergangslos ein seliges Lächeln. Wir hingegen starrten ungläubig auf den Bildschirm. Mehrere Minuten waren wir unschlüssig, ob das, was wir da zu sehen bekamen, wirklich vor unseren Augen ablief, oder eher der langsam einsetzenden Wirkung des nicht fermentierten Reiswein-Gemischs zuzuschreiben war, das wir eine Stunde zuvor genötigt worden waren zu trinken. Die grellen Farben und verschwimmenden Formen legten diese Vermutung nahe und der Rotstich des Fernsehers verstärkte die halluzinogene Wirkung noch. Dazwischen führten Männer und Frauen in grün-gelben Kostümen Formationstänze auf und präsentierten ihr bestes Beton-Grinsen. Wer sich eine Mischung aus frühen Folgen von “ein Kessel Buntes”, indischem Schlager und den Afri-Cola-Spots der Sechzigerjahre vorstellen kann, die von piepsenden Stimmen, Synthieschlagzeug und billigen Orgeln begleitet wird, dürfte ein recht genaues Bild des gruseligen Geschehens vor Augen haben.

Was blieb uns übrig? Wir machten gute Miene zum bösen Spiel und nickten eifrig, als nach unserer Meinung gefragt wurde. Die Mutigen versuchten gar, sehr zur Erheiterung der Gastgeber, singend den Untertiteln zu folgen, doch spätestens hier war klar, dass das mit Laos und der Widerstandsthese der Herren Marcus, Biafra und Kamerun erst mal nichts wird. Laos Präsident und nebenbei auch noch Generalsekretär des Politbüros, des Sekretariats und des Zentralkomitees Khamtay Siphandone kann bis auf weiteres beruhigt schlafen. Von einem Volk, das am allerliebsten schnulzenträllernden dicken, grinsenden Männern in übergroßen lila Jacketts lauscht, die von federgeschmückten Mädchen angehimmelt werden, droht erst mal keine Gefahr. Von einem, das satt ist und trotzdem Wolle Petry auf Platz Eins der Charts kauft, allerdings auch nicht.

Text: Moritz Honert