Wenn Deutschland die Satirekeule herausholt, will man eigentlich lieber weinen. Der Humor unserer so genannten Nation ist meist nur ein Schenkelklopfen wert, hervorgerufen durch Witz ohne großen Sinn. Knallköpfe wie Olli Pocher oder Stefan Raab halten sich dabei für das Sprachrohr, für Menschen, die das aussprechen, was andere nur denken.

Doch es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Bands wie die Goldenen Zitronen – Herren über 30, aus der Subkultur geboren und Künstler aus Berufung, pieksen schon seit mehr als 20 Jahren unangenehm durch die Matratze. “Lenin” heißt ihr neues Werk und wird für allerlei Gesprächsstoff sorgen. Neben dem elektronisch-rockigen Unterbau, setzen vor allem die Texte dort an, wo es am meisten weht tut: in der Selbstverständlichkeit unseres Alltags. Grund genug, Gitarrist Ted Gaier und Keyboarder Mense Reents bezüglich einiger Inhalte mal genauer auf den Zahn zu fühlen.


“Training in Unterwerfungskompetenz/Mit Aussicht auf Laufburschenschaft” (Lied der Stimmungshochhalter)

Ted: Diese Zeilen zu schreiben, war für mich eine innere Notwendigkeit. Sie stehen inhaltlich für das Unbehagen, das niemand mehr in Frage stellt. Wenn im Song Berufssparten wie Kofferträger, Liftboys oder Schuhputzer erwähnt werden, zeigt dies, wie natürlich solche in Demut geübten Jobs heutzutage hingenommen werden. Ich persönlich empfinde viel Unbehagen, wenn ich an Autobahnraststätten immer wieder vor Augen gehalten bekomme, dass die Reinigungskraft von dem Trinkgeld leben muss, den ich ihr gebe.


“Wieder nichts in der Luft/Außer Angst/Das hier stimmt: Ein Bekannter hat sein erstes Buch ‘Ich kann nicht mehr’ betitelt” (Mila)

Ted: Der Text entstammt der Feder von Schorsch (Nachname: Kamerun, Gründungsmitglied und Sänger der Goldenen Zitronen). Ich mag den Flow des Liedes. Das typische Versmaß spielt bei dem Sprechgesang des Songs einfach keine Rolle mehr, ähnlich wie bei Mike Skinner von den Streets.
Mense: Da wird einfach die kleine subkulturelle Welt als Spiegel wiedergegeben. Der Protagonist wirft einen Blick um sich herum und gibt wider, was er sieht. Das Ergebnis ist ein Selbstgespräch ohne bestimmte Regeln.
Ted: Diesen Bekannten gibt es übrigens wirklich. Ein alter Freund von Jochen Distelmeyer, der mit 28 Jahren ein Buch mit dem Titel “Ich kann nicht mehr” verfasst hat. Das ist jetzt schon über zehn Jahre her und er hat noch immer keinen Verlag dafür gefunden.

“Ich könnte wildfremden Menschen mit einem stumpfen Gegenstand die Zehen zerquetschen, nur weil sie in Gesundheitslatschen stecken.” (Das Sag Ich Dir Nicht)

Ted: Schorsch hatte an den Theatern, an denen er inzwischen tätig ist, einfach seine Schauspieler interviewt und daraus den Text zusammengestückelt. Das Ergebnis halte ich für sehr interessant, ist aber schwer kommentierbar!


“Der verdiente Independentmusiker am Hof des Königs, des unbeugsamen Theaters” (Der Bürgermeister)

Ted Gaier: Das Hauptproblem von Musikern, die irgendwann zu populär werden… (bekommt von Mense aus Versehen Apfelsaft auf die Hose geschüttet)
Mense: Oh Scheiße, Entschuldigung! Aber Apfelsaft geht noch!
Ted: Im Vergleich zu was? (beide lachen) Also zurück zum Thema. Musiker wie Anthony Kiedis oder Campino nehmen sich selbst immer noch als rebellisch war, haben aber als Millionäre ein großes Legitimationsproblem in der Rolle des Rebellen. Davon handelt auch “Der Bürgermeister”: Plötzlich sitzt eben der alte Antifa-Recke in der Paris-Bar neben Klaus Wowereit und muss sich die Frage gefallen lassen, wie weit er seinen Standpunkt noch vertreten kann?! Ich meine, wenn Campino heute sagt, dass er immer noch Punk ist, dann kann er das auch ruhig tun. Ich verbinde aber mit dem Begriff etwas anderes, als das, was die Hosen inzwischen machen.
Mense: Es gibt natürlich keinen Gerichtshof, der so was entscheidet. Daher können wir nur für uns sprechen.
Ted: Auch die Goldies hätten den Sprung in das Establishment schaffen können. Als Die Ärzte Ende der Achtziger Lebewohl gesagt hatten, wollte die Bravo eine vierteilige Homestory über uns machen. Hält man nur einen Moment inne, merkt man schnell, dass dir da die falschen Typen den Roten Teppich ausrollen.

“Meine Besonderheit/Ist ein Spezialeffekt/Ich hab ihn ganz allein/Im Magazine entdeckt” (Mickeyroukeske)

Ted: Ich kann mich noch gut erinnern, als Tocotronic in den Tagesthemen bei Ulrich Wickert zu Gast waren. Da verneinte Dirk von Lowtzow die Frage, ob sie die deutsche Pop-Musik neu definiert haben. Einfach aus dem Grund, weil Tocotronic der Standort Deutschland als deren Herkunft kein bisschen interessiert… (überlegt) All diese Erwartungen wollen dich einfach in eine bestimmte Richtung lenken und dazu muss ich einfach sagen: Es ein absurdes Phänomen, dass Bands oder Künstler nur daran festgemacht werden, was sie angeblich sein sollen, bzw. wie es in den Zeitungen steht.

“Tschuldigung, dass wir manchmal versucht hatten, unser Erbe mit den Fäusten auszuschlagen. Wenns Recht ist, nehmen wir es doch lieber an” (Raus Aus Der Klasse, Rein In Die Klasse)

Ted: Der Text hat ein zynisches Moment. Da ist zum Beispiel ein Typ, der in einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse groß geworden ist und damit kokettiert, was er zum Beispiel als Punker aussagen wollte. Inzwischen ist er ins Berufsleben eingebunden, spürt aber trotzdem noch diese Dialektik der vergangenen Tage, die in ihm vorgeht – dass der Mensch nur dass Wert ist, was er produziert. Dies stärkt natürlich ungemein diese Klassengesellschaft, die gerade in letzter Zeit wieder im Anrauschen ist.

“Ja, für eine Fahrt ans Mittelmeer/Geb ich meine letzten Mittel her” (Wenn Ich Ein Turnschuh Wär)

Ted: Es war schon erschreckend, wie Europa auf die Flüchtlingströme aus Afrika im letzten Sommer reagiert hat. Grenzsoldaten sollten sie davon abhalten, dorthin zu kommen “wo all die Träume blühen”. Flachbildfernseher aus Übersee sind wiederum sehr willkommen. Das ist doch Paradox, dass genug Platz für Technikscheiß ist, aber nicht für Menschenleben. (überlegt lange) Wenn ich dazu noch an den rassistischen Übergriff vor ein paar Wochen in Potsdam denke, wo Brandenburgs Innenminister Schönborn meinte, es sei nicht erwiesen, dass die Täter Neonazis seien, frage ich mich echt, was hier los ist? Es gibt Tonbandaufnahmen von den Schlägern, wo sie ihr Opfer als “Negerschwein” beschimpfen – wie viel Beweise brauchen die denn?

“Die Engländer pferchen die Buren ein. Die Spanier auf Cuba die Aufständischen” (Europäische Außenstellen)

Ted: Der Begriff “Europäische Außenstellen” geht auf den ehemaligen Innenminister Otto Schily zurück. Er hatte die Idee, dass man die Flüchtlinge gar nicht erst an die Grenzen Europas kommen lässt, sondern schon vorher in europäische Außenstellen, bzw. so genannte Auffanglager an der afrikanischen Grenze abfängt. Ich empfinde diesen Gedanken von einem Politiker als ungeheuerlich! Da kommt auch wieder dieses Klassendenken zum Vorschein, auf der Ebene: wir Europäer haben euch Afrikanern folgendes zu sagen.


“Mit einem Imperium zu besiegen den Imperialismus” (Lenin)

Ted: Ich war vor einiger Zeit in Moskau auf dem roten Platz und habe mir dort auch den Leichnam von Lenin angeschaut. Das war wirklich sehr skurril. Als ich aus dem Gebäude herauskam, wusste ich, dass ich irgendwann mal einen Text darüber schreiben werde. Ich dachte mir auch, diese Sache, mit dem Terror allen Terror zu beenden, hätte klappen können. (lacht)

Wer sagt da noch, Musiker seien mittlerweile unfähig, auf die Barrikaden zu gehen? Oder nicht in der Lage, Wut so zu verarbeiten, dass am Ende fulminante Songs dabei herauskommen? Ein Gegenspiel liefern Die Goldenen Zitronen mit ihrem mittlerweile neunten Album “Lenin”. Popkultur-, Politik- und Kunstkritik üben, obwohl sie auch ein Teil des ganzen Betriebs sind. Das kann eben nur gut gehen, weil die Zitronen einen unverkrampften Umgang mit ihrem Umfeld pflegen. Sie stehen wie kaum eine andere Band über den Dingen und genau das macht sie einzig, jedoch niemals artig!