Eine Weile liegen die Tindersticks schon auf Eis. Lieber als mit den Melancholie-Experten aus Nottingham neue Schwermut-Songs zu schreiben, werkelt deren Sänger Stuart Staples an seinen Soloalben – und in der freien Zeit dazwischen denkt er gemeinsam mit Co-Tinderstick David Boulter darüber nach, was für Geschichten und Lieder dem eigenen Nachwuchs am besten bekommen mögen. Eine gelungene Auswahl aus diesem Fundus stellen die beiden in Kürze unter dem Titel “Songs For The Young At Heart” vor.

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Unter anderem als junggebliebene Gäste dabei: Bonnie “Prince” Billy, Stuart Murdoch (Belle & Sebastian), Kurt Wagner (Lambchop” und Jarvis Cocker. Wie es kommt, dass Kindheit, Fernsehen und Traurigkeit – zumindest für diese beiden Frühvierziger – untrennbar vereint scheinen, dies und so manches mehr im folgenden Gespräch.

Im Vorfeld hieß es ja, “Songs For The Young At Heart” sei nicht explizit als Kinderlieder-Album, oder als Platte für Kinder gedacht…
David Boulter: …sondern es wurde zwar von Kindheitserinnerungen inspiriert, und auch von Kindern. Aber letzten Endes geht es eher um den Verlust der eigenen Kindheit, des inneren Kindes.

Mir fiel auf, dass viele der Songs auf dem Album aus Fernsehserien und TV-Shows der Siebziger stammen. Gehen Fernsehen und Kindheitserinnerungen also Hand in Hand?
David: Ich denke, zu der Zeit war das sicher so. Irgendwie hatten diese Songs etwas Besonderes. Zum Beispiel “White Horses” – obwohl ich das als Kind oft gesehen habe, erinnerte ich mich an nichts aus der Serie. Den Song aber habe ich nicht vergessen. Das ging mit bei einigen Liedern so. Wir haben versucht, eine Balance hinzubekommen, nicht, dass am Ende alles nur Fernsehlieder wären…

Nicht alle der Sendungen und Filme haben ja (heutzutage) leicht verfügbare Soundtrack-LPs oder sind auf DVD erhältlich – wie seid ihr an die Lieder gekommen? Hattet ihr Notenblätter, oder habt ihr versucht, das aus dem Gedächtnis nachzuspielen?
David: Ach, die meisten der Sachen hatten wir, oder irgendjemand, den wir kennen, schon. Und dann gibt es ja noch das Internet – da ist es relativ leicht, solche Dinge zu finden. Man gibt es einfach ein, und irgendjemand wird schon ein Exemplar haben.

Ich habe natürlich auch im Internet recherchiert. Und dabei fand ich raus, dass “White Horses”, die Serie, von der du eben sprachst, eine deutsch-kroatische Co-Produktion war…
David: Ja, aus den späten Sechzigern…
Stuart Staples: “The Singing Ringing Tree” auch, oder?
Dave: Ich glaube, das war russisch…
Stuart: Zu der Zeit, als wir Kinder waren, waren viele Serien im englischen Fernsehen ausländische Produktionen. Und ohne, dass wir das wussten, wuchsen wir also mit europäischen, insbesondere osteuropäischen Serien auf, die für uns ins Englische synchronisiert wurden.

Ich dachte immer, das englische Fernsehen hätte alles selber produziert, und diese ganze Sache mit den synchronisierten Filmen und Serien wäre eher eine deutsche Idee.
Stuart: Nein, nein – das hatten wir auch. Und viele dieser, ich denke tschechischen Serien kamen aus einer Tradition von Folklore, von Märchen und waren daher sehr erzählerisch orientiert. Ich kann mir richtig vorstellen, wie die BBC diese Serien für wenig Geld eingekauft, und dann am Wochenende oder in den Schulferien gezeigt hat. Und wir, als Sechsjährige, haben uns natürlich darauf gestürzt, sind darin aufgegangen und sie für immer in unser Herz geschlossen – das war unsere Zeit!

Mir fiel auf, dass das ganze Album von einem traurigen Unterton durchzogen ist.
Stuart: Das war nicht unbedingt unsere Absicht, wir wollten nicht ein bestimmtes Thema behandeln. Es entwickelte sich alles aus einer kleinen Idee, und je mehr wir daran arbeiteten, kristallisierte sich heraus, dass es eben eher die traurigen Dinge sind, die bei uns hängen geblieben waren, an die wir uns aus unserer Kindheit erinnerten. Und wir sehen das auch bei unseren eigenen Kindern, wenn wir ihnen Geschichten vorlesen: Am meisten lieben sie diejenigen, die ein wenig düster sind. Ich denke, als Kind genießt man die kleinen Ecken und Kanten, die unheimlichen Elemente. Und zum Beispiel “Puff, The Magic Dragon” wäre doch ohne die traurige letzte Strophe, in der Puff sich in seine Höhle zurückzieht und verlassen wird, nicht der besondere Song, der es ist! Solche Dinge kriegen dich…

Der Song war ja auch ein bisschen der Startschuss für das ganze Album, oder?
David: Ja, es gab da diese vier Songs, die mir viel bedeuten und die alle ein ähnliches Feeling besitzen. Die zeigte ich Stuart und erzählte ihm von meiner Idee. “Puff…” war einer der vier Songs, und es schien uns beiden sinnvoll, dass Will (Oldham a.k.a. Bonnie “Prince” Billy) den singen sollte. Von da an verselbstständigte sich die Sache, mehrere Leute brachten ihre unterschiedlichen Ideen ein – aber als wir diesen Song zum ersten Mal in der fertigen Version hörten, wussten wir, dass wir an einer interessanten Sache dran sind.

Wer ist eigentlich dieser Red, der zusammen mit Will Oldham den Song singt?
David: Ein Franzose, den wir erst kürzlich kennen lernten – nachdem wir ihn schon seit zwei Jahren (da wurden die ersten Stücke aufgenommen) diesen Refrain singen hörten… Er ist ein Singer-Songwriter, ein Freund von Will, der zufällig dabei war, als der den Song aufnahm.

Seid ihr eigentlich mit allen Musikern sonst befreundet, die an der Platte beteiligt sind?
David: Nicht direkt befreundet, aber es sind alles Leute, die wir bewundern oder deren Musik wir gut finden. Wir konnten uns bei allen vorstellen, dass sie eine ähnliche Haltung zu bestimmten Dingen haben. Und alle, die wir fragten, waren sehr großzügig mit ihrer Zeit. Alle waren sofort dabei, niemand sagte “oh, das muss ich mir erst noch mal überlegen” – sie machten einfach mit!

Du sprachst gerade von “zwei Jahren”, seit denen “Puff…” schon fertig ist – also habt ihr relativ lange an der Platte gearbeitet?
David: Tatsächlich ist sie schon seit etwa einem Jahr fertig! Davor hat es ungefähr ein Jahr gedauert, sie zusammenzustellen.
Stuart: Wir sind seit Dezember 2005 fertig. Es war ein Vergnügen, sie aufzunehmen – und ein Albtraum, sie veröffentlicht zu kriegen!
Was möglicherweise auch mit an der Aufmachung liegen könnte…
Stuart: Ja, es wird ein Buch aus Kartonpappe dazu geben. Die Bücher wurden gerade in China hergestellt. Die Produktion geht recht schnell, aber es dauert ewig – etwa drei Monate -, sie per Schiff hierher zu bekommen… Wahrscheinlich sind sie gerade in diesem Moment irgendwo auf einem Schiff auf dem Ozean unterwegs…

Zum Titel: Was macht eigentlich einen Menschen aus, der “Young At Heart” ist?
David: Ich schätze, zum Beispiel: Musiker zu sein, und in relativ hohem Alter ein Kind zu bekommen… Ich bekam mein erstes Kind mit 37! Als Musiker bleibt man irgendwie jung. Man ist nicht so sehr gezwungen, erwachsen zu werden, wie jemand, der in seinen Zwanzigern einen ernsthaften Job mit ernsthaften Karriereaussichten bekommt, sich ein Haus kauft und in Routine gerät. Als Musiker hingegen hat man quasi einen Freibrief, sich etwas kindisch zu benehmen. Ein Kind zu kriegen jedoch nimmt einiges von dieser Freiheit… man muss vernünftiger sein. Und man muss sich überlegen, was man seinen Kindern für Geschichten erzählt und was für Lieder man ihnen vorspielt. Ich denke, daher stammt die Idee…

Text/ Interview: Torsten Hempelt