Puscifer heißt das Solo-Projekt von Maynard James Keenan, Sänger bei Tool und A Perfect Circle. Laut Aussage des eigenwilligen Vokalisten handelt es sich dabei um ein wahres Gesamtkunstwerk, dessen vollständige Konturen man erst in einigen Jahren erkennen wird.

Lokaltermin in der Frankfurter Festhalle. Zum verabredeten Termin ist Maynard James Keenan noch schwer beschäftigt, mit Hingabe widmen er und seine Band sich dem Soundcheck. Verschiedene Songs werden in ganzer Länge und mit vollem Einsatz gespielt. So verschiebt sich das Interview um eine ganze Stunde, eröffnet dem Autor aber immerhin die Möglichkeit zu einem Privatkonzert. “Bei dieser Band kommt die Musik zuerst”, sagt der scheue Tool-Sänger denn auch zu Beginn unseres Gesprächs.

Der 43jährige ist so etwas wie “das Enigma der Rock-Szene”, um seine Anonymität zu wahren, taucht er auf Fotos und bei Konzerten seiner beiden Bands Tool und A Perfect Circle stets mit Perücken, Hüten und Brillen auf. Während des abendlichen Konzerts trägt er einen Cowboyhut auf dem Kahlkopf. Stehen Vokalisten normalerweise an der Bühnenfront im prallen Scheinwerferlicht, zieht sich Keenan an den hintersten Rand der Rampe zurück und lässt kein einziges Mal Licht auf sich richten. Immerhin redet er zu den Fans und bedankt sich am Ende artig für ihr Kommen.

“V Is For Vagina” heißt der Albumtitel seines Solo-Projekts Puscifer. Beide Begriffe haben eine sexuelle Komponente, was Keenan aber mit einem Lächeln abtut. “Es geht mehr um die kreative Seite des Namens, weniger um die sexuelle. Das ganze Projekt hat viele Facetten, es wird ein Multi-Media-Kunstwerk, dessen Ausmaß die Leute erst in ein paar Jahren erkennen werden”, verspricht er. “An bestimmten Seiten dieses Projekts arbeite ich schon zehn Jahre lang.” Musikalisch sind seine Songs höchst divers und wollen nicht so recht in ein Schema passen. “Ich kann dir nicht sagen, um welche Musikstile es sich handelt, es sind Reaktionen und Rhythmen. Die Songs sind nicht heavy, es gibt kaum Gitarren. Leute, die Tool, Deftones oder Korn mögen, sollten die Finger davon lassen, sie sind nicht für sie.” Die Instrumentierung stammt fast komplett von Keenan, der Drums, Sampler und ein wenig akustische Gitarre spielte. “Vieles habe ich mit meiner Stimme gemacht, was später von Bass oder Lap Steel Gitarre überspielt wurde.” Er holte einige exquisite Musiker dazu wie etwa Basser Timmy C. und Brad Wilk (beide früher bei Rage Against The Machine und Audioslave) und Singer/Songwriter Jonny Polonski. “Sie folgen meiner Vision, ich gebe ihnen einen Platz zum Kreieren, was ihnen wiederum einen neuen Blick auf das gibt, was sie alleine machen. Hoffentlich werden sie da weiter machen, wenn sie wieder zu ihrer eigenen Musik zurück kehren”, hofft er.

Neben dem Künstler Maynard James Keenan gibt es auch noch den Winzer, der in Arizona einen (nach eigenen Angaben) “vorzüglichen Cabernet Sauvignon-Syrah” herstellt. “Man wird älter”, sagt er, “die Musikindustrie hat keine Beziehung zur Realität. Da ist es nett, etwas zu tun, das so bodenständig ist wie das Anbauen von Wein.” Teilen die anderen Mitglieder von Tool seine Leidenschaft für gute Weine? “Ich habe sie überlistet mit einer Kiste wirklich guten Weins. Jede Nacht öffnete ich eine Flasche und gab jedem einen Schluck. Das machte ich sechs Wochen lang und dann tauschte ich den Wein aus. Darauf kam jeder einzelne zu mir und fragte: “Ist das derselbe Tropfen, den wir die ganze Zeit tranken?” Und ich sagte: “Nein, das ist etwas anderes. Jetzt hab ich dich.” Sie hatten nämlich behauptet, keinen Gaumen für Wein zu habe, aber auch sie merken den Unterschied. Es war eine gute Erziehung.”

Trotz gelegentlicher jovialer Erzählungen stößt das Gespräch mit Keenan immer wieder an Punkte, die nur schwierig zu vermitteln sind. Etwa seine Einstellung zum Musikgeschäft (findet er fürchterlich), dem Anbau von Wein (chaotisch, aber befriedigend) und zu Puscifer (noch zu früh, um es zu verstehen). An diesen Punkten stockt die Kommunikation. Gelegentlich entsteht sogar der Eindruck, dass der Künstler Pressearbeit eher lästig findet. Da ist es umso überraschender zu lesen in welchem warmen, freundschaftlichen Ton die (sporadischen) Tagebuchaufzeichnungen seiner Website www.puscifer.com gehalten sind. So berichtet er beispielsweise von einer Reise nach Ägypten, wo er ehrfürchtig vor Sphinx und Pyramiden erschauerte. An anderer Stelle schreibt er mit unverhohlenem Zynismus, “die meisten Amerikaner verdienen keine Gesundheitsversicherung, wir sind eine Nation von faulen, kaum gebildeten Typen, die sich Fast Food, Diet Cokes und Red Bulls ins Gesicht schütten, während wir Kette rauchen.” Statements wie diese lassen darauf schließen, dass in dem kühl wirkenden Keenan ein sensibler Mensch steckt, der seine Gedanken (zumindest den Medien) nur schwer vermitteln kann. Typischer Fall von harte Schale, weicher Kern. Man sollte Künstler und Kunstwerk also weiter im Auge behalten.

Henning Richter