Nachdem kürzlich der einstige Blink 182-Sänger Tom DeLonge mit seinem Angels & Airwaves-Projekt ein neues Lebenszeichen von sich gab, melden sich nach der Trennung ihrer einstigen Supererfolgreich-Combo auch die verbliebenen Blink-Mitglieder Mark Hoppus und Travis Barker mit einem neuen Album zurück. Machte Barker in den letzten Wochen in erster Linie durch seine Liaison mit Partybombe Paris Hilton von sich reden, lässt +44-Sänger Mark Hoppus die Musik für sich sprechen.

Und die ist alles andere als ein billiger Abklatsch ihres traditionell unterhalb der Gürtellinie angesiedelten Cali-Punk-Sounds, sondern dichter, sphärischer und mit Synthie- und Achtziger-Anleihen gespickter Rock, der die Quintessenz aus Hoppus’ Vorliebe für straighte Power-Pop-Kompositionen genauso repräsentiert wie Barkers unüberhörbare HipHop- und Elektronik-Einflüsse. Im Gegensatz zum etwas ziellosen Output ihres einstigen Kollegen DeLonge parken +44 ihr düster glitzerndes Bandmobil aber nicht fernab bekannter Blink-Trademarks wie eingängigen Hooks und mitreißenden Melodien, sondern begeben sich mutig und offensiv auf Augenhöhe mit ihrer Vergangenheit. Dass letztere insbesondere in den letzten Wochen vor der offiziellen Trennung von Blink 182 einer mentalen und zwischenmenschlichen Hölle glich, erzählen Travis Barker (Schlagzeug) und Mark Hoppus (Gesang, Bass) beim Interview im Berliner Interconti-Hotel.

Mark, ihr habt die ersten Songs eures Debüt “When Your Heart Stops Beating” in Travis Kellerstudio und deinem Esszimmer aufgenommen. Wie ist es, bei der Arbeit ständig von der Türklingel oder dem Schleudern der Waschmaschine gestört zu werden?
Hoppus: Das hat uns wenig gestört, wir waren voll auf die Musik konzentriert. Im Gegensatz – zum Songwriting mit Blink haben wir die Songs nicht anhand eines Gitarrenriffs entwickelt, sondern als Grundlage Travis’ Beats genommen, die er auf seinen Elektronik-Drums oder seinem Keyboard entwickelt hatte. Wir haben also ganz anders an den Songs gearbeitet als noch bei Blink – dort entwickelte sich alles im Proberaum und nicht zwischen Töpfen und Pfannen.


Später habt ihr eure Aufnahmen ins Travis’ frisch erworbenes Studio verlegt. Ging’s dort dann etwas organischer zur Sache als in den Elektronik-dominierten Home-Sessions?
Barker: Definitiv. Dort konnten wir richtig aufdrehen und den Gitarren den nötigen Spielraum geben.

Habt ihr festgestellt, dass ihr im Rahmen des Songwriting in alte Strukturen zurückfallt? Dass ihr ähnlich schreibt wie noch zu Blink-Zeiten?
Hoppus: Selten. Wir hatten anfangs keine Ahnung, in welche Richtung sich unsere Songs entwickeln würden. Es gibt Lieder, die klingen nun völlig unerwartet und komplett anders als alles, was wir bisher gemacht haben, dann gibt es da Stücke, die durchaus an Blink erinnern – was wir als wichtig empfinden. Wir wollen uns keinesfalls von unserer Vergangenheit distanzieren, im Gegenteil. Wir waren zwei drittel von Blink, und natürlich haben wir der Band genauso unseren Stempel aufgedrückt wie +44 auch. Von daher ist es logisch, dass der ein oder andere Charakterzug durch die Songs beider Bands weht. Aber das finden wir gut. Wir haben uns absichtlich nicht mit Händen und Füßen von unserer Vergangenheit distanziert. Aber wir sind auch glücklich, uns mit +44 auf neuen Territorien austoben zu können und uns als Musiker weiterzuentwickeln.


Wer ersetzt bei den Live-Shows eigentlich Carol Heller, die einigen Songs auf dem Album ihre Stimme lieh und nicht mehr mit an Bord ist?
Hoppus: Das übernehme ich selbst. Es ist zwar sauhart, beide Rollen zu singen, aber Craig (Fairbaugh, Gitarrist) wollte ja nicht.

Auf eurem Album gibt es nun den ein oder anderen Song, der sich direkt mit dem Ende von Blink 182 auseinandersetzt. Zu nennen wäre da das Stück “No It Isn’t”, das ihr an Toms Geburtstag im vergangenen Dezember auf euer Homepage verankert habt.
Hoppus: Richtig, das Lied ist direkt an Tom adressiert und hat mir dabei geholfen, meine Wut über unsere Trennung zu verarbeiten. Im Grunde ist das der einzige Song, der sich mit dem Thema beschäftigt. Allen weiteren Songs liegen ganz andere Stimmungen zugrunde – von Niedergeschlagenheit, Frust über Freude, Zuversicht und Hoffnung sind eigentlich sämtliche Emotionen auf dem Album vertreten.

Sag bloß. Ich hatte den Eindruck, dass “When Your Heart Stops Beating” einen ziemlich melancholischen, introvertierten Vibe hat – insbesondere nach dieser “Interlude” wird es richtig düster.
Hoppus: Ich denke, wir sind mit dem Album einerseits noch auf der Suche nach uns selbst und unserer Identität als Band, andererseits liegt hinter jedem einzelnen von uns ein ziemlich emotionales Jahr: Das Auseinanderbrechen unserer Band und Beziehungen über Krankheiten oder Krankenhausaufenthalte haben wir so ziemlich alles durch, und das spiegelt sich natürlich auch in unseren Songs wider. Ich meine, manchmal ging es mir wirklich dreckig, vor allem wenn ich daran dachte, dass die Band, in der ich die besten 13 Jahre meines Lebens verbrachte, von einer Person zerstört wurde. Trotzdem gibt es auch Momente, in denen man unsere Spiel- und Experimentierfreude spüren kann und man uns anmerkt, wie viel Spaß wir daran haben, neue Seiten an uns zu entdecken.

Ihr bezeichnet +44 ja nicht nur als Projekt, sondern als eure “neue Band”. Bleibt die Frage, ob ihr so etwas überhaupt sein könnt: eine Band, die miteinander abhängt, die nach einem Abend im Proberaum noch ein Bierchen trinken geht?! Immerhin habt ihr mit Mark und Travis zwei Superstars in eurer Combo, in deren Schatten Craig und Shane (Gallagher, Gitarre) wohl immer stehen werden.
Barker: Wir kennen uns gegenseitig schon seit Jahren. Craig und ich haben ganze Wochen gemeinsam im Kleinbus verbracht, als wir mit den Transplants auf Tour waren, und…

…Kleinbus? Ich erinnere mich da an zwei große Nightliner-Busse bei der letztjährigen Warped Tour…
Barker: …ich meine die Tour noch vor dem ersten Album! Shane kennen wir noch aus seiner Zeit bei The Nervous Return, mit denen er im Vorprogramm von Blink spielte. Und Mark und ich haben so viel gemeinsam durch, dass man uns getrost als Ehepaar bezeichnen kann (lacht).

Wenn ihr so eine richtige Band seid, quatscht ihr dann eigentlich auch über private Angelegenheiten?
Hoppus: Natürlich. Wir gehen auch gemeinsam essen oder shoppen.

Ich meine eher, ob ihr als Band auch solche Dinge wie den Celebrity-Status von Travis diskutiert. Geht sein Privatleben nicht zwangsläufig auch die Band etwas an?
Barker: Ich bin kein Celebrity. Ich bin Musiker.
Hoppus: Ich glaube, wir alle betrachten Travis in erster Linie als Musiker und Freund, und nicht als jemand, über den in den Gossip-Blättern berichtet wird. Die lesen wir sowieso nicht. Jeder, der ihn kennt, weiß, dass sein Herz einzig und allein der Musik gehört. Alles andere lässt sich nicht kontrollieren.

Tom hatte offensichtlich nicht den Mut, euch persönlich von seinem Ausstieg in Kenntnis zu setzen und schickte seinen Manager vor. Sowas ist feige – kein Zweifel. Aber ist es nicht ähnlich kindisch, es dem Mann mit einem komplett auf Vergeltung gebürsteten Album heimzuzahlen? Wieso benehmt ihr euch nicht wie Erwachsene und regelt das mit einem klärenden Gespräch?
Hoppus: Was glaubst du, wie viele Stunden wir damit verbracht haben, herauszufinden, was Tom braucht, um glücklich zu sein?! Echte Marathonmeetings haben wir deshalb abgehalten, aber es hat alles nichts genützt. Er wollte raus, und das mit allen Mitteln. Schon am Tag seines Ausstiegs hatte er eine neue Nummer, deshalb konnten wir gar nicht mit ihm reden. Selbst wenn wir gewollt hätten.
Barker: Tom ist ein Feigling. Lässt uns einfach sitzen.