Welchen Weg The Mars Volta auch gehen werden, in welche bizarren, verstörenden Sound-Eskapaden sie sich auch versteigen werden – eines werden sie wohl niemals völlig los werden: Den langen Schatten von At The Drive-In.

Am Mythos ihrer eigenen, 2001 aufgelösten Frickel-Core-Legende müssen sie sich für viele Fans immer noch messen lassen. Auch wenn es schon gut dreieinhalb Jahre her ist, dass Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez und Sänger Cedric Bixler-Zavalas, angeödet von ihrer eigenen Musik und dem Status als religiös verehrte Emo-Ikonen, ihren eigenen Laden aufmachten. Mit ihrem neuen, zweiten Album ‘Frances The Mute’ entwickeln sie den Psycho-Jazz-Core-Sound des 2001er-Debüts ‘De-Loused In The Comatorium’ noch weiter und machen klar, dass ATD-I zwar ein Stück Musikgeschichte sind – aber damit eben auch: Vergangenheit. Und zwar endgültig.

Omars Stimme klingt ein wenig erschöpft, aber trotzdem hellwach, fast schon aufgedreht. Er spricht schnell und verhaspelt sich gelegentlich, so, als sei er eigentlich völlig übermüdet, habe seinen toten Punkt aber schon lange hinter sich. Doch wer die Arbeits- und Release-Wut von The Mars Volta kennt, ahnt, dass dieser Zustand der aufgekratzten Ruhelosigkeit wahrscheinlich Omars Dauerzustand ist. Ein Charakteristikum, das sich auch auf ‘Frances The Mute” deutlich niederschlägt: Atemlos hetzen die fünf zum Teil 30-minütigen Songs von einem Break zum nächsten: Andauernd werden der Takt und das Tempo gewechselt, auf derbe Metal-Riffs folgen lockere Salsa-Rhythmen, abgelöst von noisigen Psychedelic-Rock-Teppichen und virtuosen Progressive-Frickeleien.

“‘Frances The Mute’ ist so etwas wie eine Collage”, erklärt Omar die Vielschichtigkeit des Albums. “Es eine Sammlung von Gefühlen und Gedanken, inspiriert von unserem Jahr auf Tour. Von den brandneuen Orten, an denen wir noch nie gewesen waren. Von dem Austausch mit den Menschen, die wir unterwegs getroffen haben. Von der grässlichen Politik in diesem Land und dieser grässlichen Präsidentschaft, von der wir beherrscht werden. Von dem Verlust unseres Freundes und Bandkollegen Jeremy [starb im August 2003]. Es sind so viele Dinge, von denen diese Platte handelt.”

Eine andere Inspirationsquelle war ein Tagebuch, das Jeremy bei seinem Job als Repo-Man gefunden hatte. Ein ‘Repossession-Man’ holt im Auftrag eines Händlers Dinge zurück, die ein Kunde auf Raten gekauft hat und nicht mehr bezahlen kann. “Jeremy war verrückt nach diesem Buch”, erinnert sich Cedric. “Er fand sein eigenes Leben darin wieder: Der Typ, der das Tagebuch geschrieben hatte, war selbst ein Repo-Man und auch bei Adoptiv-Eltern aufgewachsen – genau wie Jeremy.”

Das Buch warf auch die Frage auf, wie wichtig die Herkunft für die eigene Identität ist. “Es geht auf dem Album darum, wie jemand nach seinen Wurzeln sucht”, erklärt Omar. “Eigentlich, wie wir alle nach unseren Wurzeln, unserer Herkunft, unserer Mutter suchen. Und um die Trennung von der Mutter, das Durchschneiden der Nabelschnur. Egal, ob wir nun von der Nabelschnur sprechen oder von meinem motherland: Ich komme aus Puerto Rico, und wenn ich dorthin zurückgehe und sehe, wo ich geboren wurde, verstehe ich mich selbst sehr viel besser.”

Verarbeitet haben The Mars Volta diese Fragen in Songs, die sich irgendwie im Begriffsfeld ‘Geburt’ bewegen: mit Songtiteln wie ‘Plant A Nail In The Navel Stream’ und ‘Umbilical Syllables’, mit Metaphern wie ‘Feuer’, ‘Enge’, ‘Mauern’, ‘Sarkophag’.
Als Persönlichkeiten mussten Omar, Cedric und ihre Kollegen zu ihren Ursprüngen zurückgehen, sich mit der eigenen Herkunft auseinandersetzen. Als Musiker haben sie diese Abnabelung mit ‘Frances The Mute’ endgültig vollzogen: Der Name Mars Volta kann in Zukunft für sich selbst stehen – ohne den Zusatz “featuring ex-members of At The Drive-In”. “Was wir in dem Jahr vor der Enstehung des Albums erlebt haben”, fasst Omar zusammen, “hat uns erwachsener gemacht.”

Text: Jens Mauritzen