Natürlich gibt es gute Filme und schlechte. Und natürlich sind Geschmäcker verschieden – Gott sei Dank, möchte man sagen, denn außer bei Sandalen und kurzen Hosen gibt es wenige Themen, bei denen es erstrebenswert wäre, wenn alle den gleichen Geschmack hätten. Aber es gibt eben auch ganz verschiedene Möglichkeiten, über einen Film zu schreiben. Je nach dem, welche Perspektive man dann wählt, kann sich ein und derselbe Film also schnell höchst unterschiedlich anhören. Kleine Beispiele gefällig? Bitte sehr, versuchen wir es doch mal mit den Neustarts dieser Woche.

Black Snake Moan“:
Der Skandalfilm, in dem Ex-Kinderstar Christina Ricci erst nymphomanisch mit Justin Timberlake durch die Betten hüpft und sich dann halbnackt von Samuel L. Jackson an eine Heizung ketten lässt. Oder doch eher ein beinahe zahmer Pseudo-Aufreger, der vor allem von der Kraft der Religion und des Blues erzählt? Am nächsten kommt man der Sache vielleicht, wenn man die überzeugenden Darsteller für ihr Spiel lobt, Regisseur Craig Brewer für seine Südstaaten-Atmosphäre und den Sex-Aspekt nicht überbewertet.

Schwedisch für Fortgeschrittene“: Natürlich könnte man sagen, dass es immer wünschenswert ist, wenn zwei einsame und sehr unterschiedliche Frauen um die 50 sich zusammentun und beschließen, auf ihre alten Tage noch einmal so richtig die Kuh fliegen zu lassen und um die Häuser ziehen. Aber man kann auch drauf beharren, dass die Freundschaft der aufgedonnerten Gynäkologin und der biedern Politesse nicht nur unglaubwürdig, sondern auch fürchterlich nervig erzählt wird. Außerdem ist die lahme Komödie mit ihrem blöden deutschen Titel und der schlechten Synchronisation der endgültige Beweis, dass nicht jeder Film aus Skandinavien ein entzückender Geheimtipp ist.

The Flying Scotsman“:
Sicherlich ist es in Anbetracht all der erschütternden und wenig überraschenden Doping-Enthüllungen im Radsport irgendwie beruhigend, eine Geschichte auf der Leinwand zu sehen, die von einem echten Profiradler erzählt, der es ohne Spritzen zum Weltmeister gebracht hat. Aber mal ernsthaft: Sportfilme reißen schon normalerweise niemanden von Hocker. Wer also soll sich das Drama eines schottischen Bahnradfahrers der Neunziger anschauen? Bestenfalls wegen Johnny Lee Miller, der nicht nur Angelina Jolies Ex-Mann, sondern auch ein passabler Schauspieler ist.

Sketches of Frank Gehry“: Dokumentarfilm-Boom schön und gut, aber ist das Thema Architektur nicht besser geeignet für eine halbstündige Reportage auf Arte? Andererseits ist Star-Architekt Frank Gehry nun natürlich nicht irgendwer, und wenn es Filme über Bahnradfahrer gibt, hätte selbst Gehrys Bauzeichner ein eigenes Porträt verdient. Wenn als Regisseur dann auch noch Oscar-Gewinner Sydney Pollack verantwortlich zeichnet, sollte man sich also vielleicht wirklich nicht beschweren.

Ein Jahr ohne Liebe – Un ano sin amor“:
Manchmal beschweren sich Schwule, dass sie im Kino immer nur als alberne Tucken oder todgeweihte AIDS-Kranke gezeigt werden. Nicht ganz zu Unrecht, muss man festhalten, aber diesem argentinischen Drama kann man trotzdem kaum vorhalten, dass er in letztere Kategorie fällt. Denn die Geschichte des kranken Schriftstellers Pablo, der in der S/M-Szene von Buenos Aires nach der Liebe fürs restliche Leben sucht, ist angenehm unsentimental und authentisch und öffnet so neue Perspektiven – sowohl für Schwule als auch für Heteros. Nur wer sich Filme mit Untertiteln prinzipiell nicht anschaut, hat im Kino nichts zu suchen.
Vielleicht hätte ich die Untertitel gar nicht erst erwähnen sollen? Wer weiß schon, was ihr lesen wollt!

Ich schreibe also weiter, was mir in den Sinn kommt. Und spätestens wenn nächste Woche der neue „Harry Potter“ anläuft, wird das mal wieder vollkommen egal sein. Denn den sehen so oder so mindestens fünf Millionen Zuschauer, völlig unabhängig was andere Leute darüber zu sagen haben.

Text: Patrick Heidmann