Mag man Mando Diao in der Vergangenheit vielleicht ob ihrer größenwahnsinnigen Großmäuligkeit in öffentlichen Gesprächsituationen als unreif oder arrogant abgetan haben, ihre Musik lieferte indes immer schon einen zumindest soliden Unterbau etwaiger Gerechtfertigung. Mit ‚Ode To Ochrasy’ haben sich die Vorzeichen nun gewandelt.

Mando Diao liefern hier ein Album ab, das man locker als Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens und zugleich als reifes Zeugnis zeitgenössischer Rockzunft mit Bestnoten werten kann. Und anstatt, sich dessen sicherlich bewusst, Kniefall und Handkuss von ihrem berichterstattenden Gegenüber als unterwürfige Mindestvorrausetzung zu erwarten, geben sich Gustaf Norén und Björn Dixgård während unserer Doppelsitzung als äußerst höfliche, aufgeschlossene und sympathische Interviewpartner. Muss wohl am fortgeschrittenen Alter liegen…

Von sämtlichen gift- und galligen Gallagherismen befreit, könnte den Mandos mit ihrem dritten Album somit auch das gelingen, was ihre zeitgenössischen Vorbilder von Oasis nach ‚(What’s The Story) Morning Glory?’ nie mehr geschafft haben: Nämlich perfekten Pop (zum einen) ohne verklärende ‘Viel Lärm um Nichts’-Öffentlichkeitsarbeit (zum anderen) abzuliefern.

Perfekt ist durchaus das angemessene Attribut für ‚Ode To Ochrasy’, welches zum ersten Mal in nahezu völliger Eigenregie entstanden ist. „Es ist soweit schon unser Meisterstück“, erklärt Sänger/Gitarrist Björn, „Wir sind wahrscheinlich auch deshalb so zufrieden damit, weil wir es selber produziert haben. Wir waren die einzigen die wussten, wie die Songs zu klingen haben sollten.“

Weshalb man den Soundklempner-Stuhl, kurzzeitig von Soundtrack Of Our Lives-Gitarristen Björn Olsson besetzt, aufgrund fehlender gemeinsamer Visionen dann auch kurz entschlossen eigenhändig abgesägt hat. „Nachdem wir uns dafür entschieden hatten, von außen nichts mehr an uns heran zulassen, fühlten wir uns auch von dem ganzen Druck befreit“, so Björn. Für das oft als so schwierig beschrieene dritte Album einer Band schon ein recht gewagtes Unterfangen. Björn pflichtet dem bei: „Na ja, anfangs waren wir schon ein wenig unsicher, ob das alles so richtig ist, was wir hier machen. Aber dann haben wir uns gesagt ‚Hey, wir sind Mando Diao, das passt schon!’“ Man scheint also gesundes Selbstbewusstsein dieser Tage nicht mehr mit Selbstüberschätzung zu verwechseln. Zu dem schon immer vorhandenen glücklichen Händchen für melodische Schmuckstücke, die sich clever des gesammelten Wissens der klassischen Popschule von Cash über Dylan zu den Beatles, Stones, Kinks und Whos dieser Welt bedienen, gesellt sich auf inhaltlicher Ebene zudem der Blick fürs lyrische Detail.

So beherrscht kein vorhersehbar flapsiges Floskeltum die Welt von ‘Ochrasy’ sondern eine Charakterfülle, die zwischen figuraler und fiktiver Observation ebenso eher einer ehernen Songwritertradition entstammt. Lebendige Vorlagen für die Protagonisten von Stücken wie ‚Killer Kaczynyski’‚ ‚Tony Zoulias’ oder auch ‚Good Morning Herr Horst’ fanden Mando Diao jedenfalls wortwörtlich auf der Straße. Björn erläutert: „‚Good Morning Herr Horst’ handelt von einem Obdachlosen hier bei uns in Stockholm. Jedenfalls sind wir eines Nachts total besoffen in sein Ruhelager gelatscht, was er auf der Straße ausgebreitet hatte. Daraufhin wurde der Gute ein bisschen böse. Glücklicherweise war jemand von der deutschen Plattenfirma dabei, der mit ihm reden und ihn beruhigen konnte. Horst ist nämlich tatsächlich Deutscher. Als er also jemanden deutsch sprechen gehört hat, war er sofort gut drauf und hat uns dann seine Geschichte erzählt. So ist dieser Song entstanden.“ Allerdings nicht nur dieser. „All diese Leute die wir in den Songs beschrieben haben, haben wir wirklich auf Tour getroffen. Wenn du unterwegs bist, lernst du echt die schrillsten Leute kennen. Insbesondere, wenn du in einer Rockband spielst, dein Arbeitstag um Mitternacht beginnt und du danach noch bis drei, vier Uhr in irgendeiner komischen Bar abhängst. Dort trifft man dann nicht gerade den durchschnittlichen Normalbürger, sondern schräge Leute mit schrägen Interessen und schrägen Jobs. Drogendealer, Nutten, Landstreicher, Freaks. Nimm zum Beispiel ‚Killer Kaczynyski’. Der Song handelt von einem Typen, den wir nach einem Gig getroffen haben. Er meinte er wäre ein iranischer Terrorist, der zu einem geheimen Netzwerk gehören würde, welches in Kürze hier in Europa ein paar Botschaften in die Luft jagen würde. Es war echt schwer zu sagen, ob er das wirklich ernst meinte oder nicht. War auf jeden Fall eine sehr sonderbare Begegnung und Gustaf und mir war klar, dass wir daraus einen Song machen müssen“, so Björn.

Gustaf weiß dieser Art von chronistischer Beobachtungsgabe gar noch eine andere, tiefere Dimension abzugewinnen. „Ich denke, diese Charaktere sind auch immer ein Stück Reflexion unserer selbst, aber es ist einfacher wenn du in der ersten Person schreibst und einen anderen Namen davor setzt – so kann man nämlich noch ehrlicher sein (lacht). Aber das ist mir erst später aufgefallen. Nein, es geht schon in erster Linie um Leute die wir unterwegs getroffen haben.“ Auch eine gute ergänzende Erklärung für ein spür- und hörbares Maß an zunehmender Introspektivität und Reife.

Apropos ergänzend: Trotz durchaus vorhandener unterschiedlicher gesanglicher und schreiberischer Herangehensweisen, sind die beiden getrennt voneinander arbeitenden Songschreiber/Frontmänner das perfekte Paar. „Björn denkt nicht groß nach, wenn er etwas schreibt, er legt einfach drauf los“, beschreibt Gustaf den Unterschied zu seiner anderen Hälfte, um im Anschluss alsbald wieder zur den Gemeinsamkeiten überzugehen. „Unser Musikgeschmack ist exakt derselbe und wir verschließen uns beide vor gar nichts. Es kann auch seltsames Zeug sein, Filmmusik, Bluegrass, ganz alter Soul, oder sogar HipHop und R&B. Es müssen ja nicht immer nur Beatles und Stones sein, das hängt uns fast schon zum Halse raus, weil wir das als Kinder ja soviel gehört haben.“ Björn sieht das ganz ähnlich. „Ich will, dass Mando Diao eine Band ist, die musikalisch unberechenbar bleibt, von der man vorher nicht weiß, was kommt. Wenn uns mal indische oder Latino-Musik inspiriert oder fesselt, dann wollen wir das auch einbringen. Oder auch nicht. Vielleicht wird die vierte Platte auch ein stinknormales Rockalbum, man weiß es eben vorher nicht. Aber wir könnten niemals ein neues ‚Sheepdog’ schreiben. Der Song ist wirklich toll, aber er liegt in der Vergangenheit. Und wir stehen nicht so auf Wiederholungen.“ Solange man sich kreativ und qualitativ so steigern kann, hat man diese ebenso wenig nötig, wie zurückliegende pubertäre PR-Provokationen. Reife Leistung.