214. Das ist die Zahl, die es sich anzuschauen gilt. Mit ebenso viel verkauften Alben in der ersten Woche des Erscheinens schaffte der Schmusebarde Ronan Keating Anfang Dezember 2004 den Einstieg in die deutschen Top 100 der Album-Charts. Zur gleichen Zeit war Marschall Mathers aka Eminem weitaus mehr Fortune beschieden: Durch immerhin 38.410 so genannte Startverkäufe konnte der Rüpelrapper sein fünftes Werk “Encore” gewohnt weit nördlich positionieren.

Vor nicht einmal zehn Jahren hätte die Sache allerdings ganz anders ausgesehen: Die Karriere des einstigen Boygroup-Crooners Keating wäre nach einer derartigen Katastrophe zu Recht als gescheitert betrachtet worden, die Verkaufszahlen Eminems hätten diesen mit viel Glück und in einem veröffentlichungsschwachen Monat noch so gerade unter die ersten 50 gebracht, mit Sicherheit aber nicht an die Spitze der Charts. In Zeiten von Peer-To-Peer-Netzwerken und CD-Brennern aber bereitet sich Keating in aller Ruhe auf seine Konzertreise vor, die ihn in den nächsten Monaten durch einige der größten Hallen Europas führen wird, und Eminem gilt weiterhin unangefochten als der größte Weltstar der letzten Jahre.

Nun kann der weitgehend identitätslose Aushilfs-Robbie Williams Ronan Keating zwar nur schwerlich als ernstzunehmender Album-Künstler betrachtet werden; wenn in obersten Mainstream-Kategorien angesiedelte “Künstler” wie der noch vor zwei Jahren auf allen Kanälen der dreifaltigen Klingeltonvermarktungs- und Verdummungs-Industrie aka Musikfernsehen trällernde Glamour-Boy aus der Boyzone soviele CD’s verkaufen wie früher die örtliche Punk-Band ihres Vertrauens, ist das aber ein Warnsignal, das auch die Fortschritt-feindlichsten Ewig-Gestrigen unter den Musikschaffenden aufschrecken sollte: Die an physische Träger gebundene Langspielplatte scheint endgültig am Ende.

Der 1.6.1967 gilt als der eigentliche Geburtstermin des Musik-Albums in seiner heutigen Form. Zwar ist die Langspielplatte so alt wie der Rock’n’Roll selber, doch handelte es sich bei ihr bis zu diesem Datum meist nur um lieblose Zusammenstellungen der bisherigen Hits einer Band angereichert mit zweitklassigem Füllmaterial. Pop-Musik spielte sich hauptsächlich auf Singles ab; nur wem es gelang, seine Aussage auf drei Minuten zu verdichten, konnte auf Aufmerksamkeit hoffen. In den Sechzigerjahren waren es dann vor allem die Künstler der so genannten ‘British Invasion’, die begannen, das Potenzial des Longplayers als Gesamtkunstwerk zu erkennen und es sich langsam zu erschließen – mit thematisch und klanglich zueinander gehörenden Song-Sammlungen.

Das Erscheinen von “Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band” an jenem ersten Juni läutete dann einen Paradigmenwechsel ein, der für die nächsten vier Dekaden das Erscheinungsbild der Pop-Musik prägen sollte und ihr vor allem endlich auch Anerkennung von Seiten des bisher auf einer strikten Trennung von U- und E-Musik beharrenden Kultur-Establishments brachte. Pop war erwachsen geworden. Das bis heute erfolgreichste Album der Beatles nutzte erstmals konsequent alle Möglichkeiten, die das Medium LP bot. Es waren die Fab Four, die als erste erkannten, dass da draußen eine Generation herangewachsen war, der populäre Musik weit mehr bedeutete als bloße Hintergrund-Berieselung. Eine Generation, die in der Musik nach Antworten suchte und für die Musiker Künstler, Heilige, Politiker, Ikonen und Philosophen in Personalunion waren. Der anspruchsvolle Pop-Musiker war zum Opinion-Leader der Nachkriegsgeneration geworden, und seine Kunst verlangte nach einem auch haptisch ansprechenden Erscheinungsbild.

In dieser Hinsicht war “Sgt. Pepper” ein Meilenstein: Das von Star-Fotograf Michael Cooper mit einigem Aufwand abgelichtete und von Peter Blake und McCartney konzipierte Cover, zeigte erstmals nicht nur die Musiker vor neutralem Hintergrund, sondern beanspruchte selbstbewusst den Rang eines Kunstwerkes. Bei Madame Tussaud in Auftrag gegebene Wachsfiguren aller vier Beatles in den psychedelischen Militärkapellen-Uniformen ihres für diese Platte eingenommenen alter Egos – jener fiktiven Truppe aus Sgt. Peppers Club der einsamen Herzen – wurden eingerahmt von Portraits bedeutender Persönlichkeiten aus allen Bereichen – von William S Burroughs über Bob Dylan bis hin zu Leonard Bernstein, Marx und Muhammad Ali. Jeder, der etwas auf sich hielt, beeilte sich, die Namen der abgebildeten Personen auswendig zu lernen, um auf Partys mit diesem Wissen glänzen zu können. Weiteren Diskussionsstoff boten das aufklappbare Cover sowie der beigelegte Bastelbogen mit ausschneidbaren Sgt. Peppers-Memorabilien. Darüber hinaus druckten die Beatles erstmals die Texte der thematisch und durch allerlei Klangexperimente miteinander verwobenen Songs auf dem Cover ab, auf diese ebenso simple wie geniale Idee war bislang schlicht noch keiner gekommen.

Vom Tag seines Erscheinens an galt “Sgt. Peppers” als state of the art. Sämtliche damals bedeutenden Acts beeilten sich, das Konzept des Albums als Gesamtkunstwerk zu kopieren. So entwickelte sich die Langspielplatte während der Siebzigerjahre zum begehrten Kult- und Sammelobjekt, vor allem aber immer mehr zur Spielwiese für Musiker. Um die Entstehung der runden Scheiben rankten derweil wilde Gerüchte, ganze Bücher beschäftigen sich mit den Umständen des Zustandekommens der Meilensteine des Genres. Parallel entstand eine Industrie aus Plattenbörsen und sonstigen Märkten, unter Plattensammlern entstand wahres Expertentum – einzig vergleichbar mit dem von Kunstliebhabern. Verschwörerisch raunten sich junge Männer (denn das ‘nerdism’ ist natürlich vor allem ein männliches Phänomen) auf der ganzen Welt mit einem entrückten Grinsen im Gesicht zu, sie haben eben die amerikanische Originalpressung von dieser oder jener Platte erstanden. Vor allem aber galt eine gelungene LP als zuverlässiger Indikator für den künstlerischen Gehalt einer Band. Nur wer in der Lage war, auf Albumlänge relevant zu sein, galt als bedeutend – Single-Bands waren oberflächlicher Müll.

Mit der Einführung der CD kam dann der erste Einschnitt. Der Erlebniswert der kleinen Plastikscheiben kam der von Vinyl nicht gleich, zudem bot das minimierte Format nur wenig Platz für extravagante Artworks. Auch wenn man der CD bis heute nicht mit der gleichen kultischen Verehrung begegnen mag wie weiland dem Vinyl – zähneknirschend akzeptiert haben wir sie schließlich alle. Schließlich bedrohte sie ja die Kunstform Langspielplatte nicht im Kern und erweiterte durch die gestiegene Spielzeit sogar deren musikalische Möglichkeiten – wenngleich auch die wenigsten Künstler tatsächlich in der Lage sind, die knapp 80 Minuten ohne Qualitätsverlust zu füllen, so dass sich die Spieldauer vieler Alben in den letzten Jahren wieder zunehmend der 30 Minuten Grenze näherte.

Nun aber ist die Situation eine andere. Nicht nur stellt sich die Frage, wie und ob Longplayer über Download-Plattformen überhaupt adäquat vertrieben werden können, es macht außerdem den Eindruck, dass sie immer weniger der Ex-und-Hopp-Mentalität des heutigen Zeitgeistes entsprechen. So verliert das Album als in sich schlüssige, logische Sammlung von in einer Schaffensperiode aufgenommenen und zueinander in einem Kontext stehenden Songs scheinbar zunehmend an Bedeutung. Die mit den neuen Medien aufgewachsene Generation zieht es zu großen Teilen vor, sich lediglich die Sahnestücke mehrerer Alben zu besorgen und diese dann selbstbewusst zu kompilieren, sich also ihr Produkt selber zu schaffen. Der Sammler seltener Original-Pressungen oder Liebhaber opulenter Sonderausgaben, wirkt vor dem Hintergrund des als Klingelton downloadbaren Lieblingssongs fast schon verschroben altmodisch.

Ist die Langspielplatte also am Ende? Die künstlerische Entwicklung, die Pop in den letzten 40 Jahren genommen hat, wäre ohne die LP nicht denkbar gewesen. Zudem wollen Musiker zusammenhängende Alben machen, das erfahren wir in jedem zweiten Interview. Viele von ihnen sind ängstlich und unsicher, was die Zukunft diesbezüglich bringt. Keiner will den Weg, den uns die Verkaufszahlen der letzten Jahre weisen, gehen – aber dass er beschritten werden muss, ist wohl mittlerweile auch dem Letzten klar geworden. Es ist also an der Zeit, sich Gedanken zu machen. Es gilt, eine der populärsten und bedeutungsvollsten Kunstformen des 20. Jahrhunderts ins neue Jahrtausend zu retten.

Damit der Tonträger-gebundene Longplayer in der Nische überleben kann (denn es existiert ja weiterhin ein – wenn auch kleiner gewordener – Markt) müssen jedoch dem Konsumenten endlich auch im Netz sinnvolle und unkomplizierte Wege des Musikvertriebs an die Hand gegeben werden. Die Anfänge sind gemacht, es muss jedoch noch viel mehr passieren. So brauchen wir zum Beispiel ein einheitliches Dateiformat. Denn eines ist klar – es wird immer Leute geben, die Musik hören und für diese auch bezahlen wollen, wenn man es ihnen nur nicht so verdammt schwer macht. Denn Geld muss verdient werden. Die Beatles haben für die Konzeption des Covers von “Sgt. Peppers” einen ganzen Stab von Kreativen beschäftigt, für “A Day In The Life” verfrachteten sie ein 41-köpfiges Symphonie-Orchester ins Studio. Insgesamt zogen sich die Arbeiten an dem Werk über acht Monate hin. Solche Produktionen erreichen ihren Break-Even-Point erst bei sechsstelligen Verkaufszahlen. Mit 214 verkauften Startexemplaren sind sie schlicht nicht zu finanzieren.

Text: Torsten Groß