Ein Song auf dem neuen Chicks On Speed-Album ‘Press The Spacebar’ heißt ‘Wax My Anus’, und das Stück ist irgendwie symptomatisch für das ganze Album. Zum einen weist der Titel auf einen schon immer wichtigen Bestandteil der Arbeit von Kiki, Melissa und Alex hin: Humor, beziehungsweise Ironie.

Ein Blatt haben die drei Wahlberlinerinnen noch nie vor den Mund genommen, und trotz engagierter Meinungen geht es bei den Chicks auch immer höchst amüsant zu. ‘Mitte Bitte’ ist ein anderer Song auf ‘Press The Spacebar’, der das beweist. Was sich zunächst nach einer bitterbösen Abrechnung mit der Schickeria in Berlin-Mitte anhört, ist vielmehr “eine ironische Hymne” sagt Kiki. “Ich glaube das bringt es auf den Punkt. Wir lieben Berlin über alles, und ich bin jedes Mal total froh, wenn ich nach Hause komme. Aber man entwickelt eben auch jede Menge sarkastische Gefühle, wenn man hier lebt. Und darum fanden wir, es sei mal wieder an der Zeit für einen Berlin-Song, so in der Tradition von Ideal.”

Doch noch mal zurück zu ‘Wax My Anus’. Dieser Slogan ist ein Zitat von Courtney Love, wie überhaupt der Text nur aus Aussagen der amerikanischen Rockerin besteht. “Der Song zeigt die gute und die schlechte Seite von ihr”, erzählt Alex. “Er ist gleichzeitig Hommage wie auch Kritik. Sie ist einfach eine interessante Persönlichkeit, eine sehr merkwürdige Ikone, ziemlich tragisch eigentlich. Unser Produzent Christian Vogel hat seit dem Song übrigens Angst, dass sie eines Tages vor seiner Tür steht und ihn umhaut.”

Während Love die Chicks On Speed also textlich inspiriert hat, haben andere Rocker auch musikalisch ihre Einflüsse auf ‘Press The Spacebar’ hinterlassen. Vom fröhlichen Elektro-Pop des Vorgängers ’99 Cents’ ist nicht mehr viel zu hören, stattdessen stand psychedelischer Seventies-Rock von Bands wie The Shags oder The Raincoats Pate. Sich ein wenig aus der Elektro-Clash-Ecke herauszubewegen, kommt ihnen sicher nicht ungelegen, war für die Chicks aber nicht die Hauptmotivation für die Veränderung, wie Kiki erklärt: “Das kam einfach aus dem Verlangen heraus, mal wieder etwas ganz anderes zu machen. Um den Kopf zu erfrischen und wieder etwas experimenteller zu arbeiten. Zunächst war die Idee nur als Single konzipiert, aber dann haben wir gemerkt, wie viel Potenzial darin steckt.” Und Melissa meint: “Es ist nicht so, dass ’99 Cents’ nun der ultimative Chicks On Speed-Sound gewesen wäre. Aber auch ‘Press The Spacebar’ ist das nicht. Wir machen einfach eine Platte und danach ziehen wir weiter zum nächsten Projekt. Der Chicks On Speed-Sound umfasst einfach alles.”

Mit Produzent Christian Vogel (Super Collider) und drei Musikern, die sich The No Heads nennen, saßen die Chicks On Speed in einem Studio in Barcelona und haben die neuen Songs quasi in Jam-Sessions aufgenommen. Eine für sie ungewohnte Art des Arbeitens, berichtet Melissa. “Es war Christians Idee, mit echten Musikern zu arbeiten, denn er wollte nicht nur die ganze Zeit vor dem Rechner hocken. Mich hat es dann manchmal sehr an diese altmodische Art des Aufnehmens erinnert. Man holt irgendwann die Musiker ins Studio, spielt ihnen die Lyrics vor und erklärt kurz, in welche Richtung der Song gehen soll und welches Tempo er hat. Dann lässt man sie ein bisschen zusammen üben und nimmt den Song schließlich gemeinsam auf. Eine sehr klassische Art zu arbeiten.” Herausgekommen ist ein ungeschliffener Sound, der teilweise an die Live-Auftritte der Gruppe erinnert. Mitunter etwas sperrig und nicht immer tanzbar, aber dennoch zu 100% Chicks On Speed: überraschend, lässig, ganz weit vorne. Courtney Love wäre begeistert!

Text: Patrick Heidmann