Es scheint, dass es Ron Sexsmith nun endlich vergönnt ist, richtig durchzustarten. David Gray und Jack Johnson mögen den Boden dafür bereitet haben, dass Akustikgitarren in den Programmen öffentlicher Rundfunkanstalten nicht mehr wie Fremdkörper wahrgenommen werden. Doch der Wohlklang weit nach vorne gemischter sexy Stimmen und rhythmisch bearbeiteter Westernklampfen kann nicht darüber hinweg täuschen, dass es letztlich immer der Song ist, der zählt. Und dass der kanadische Singer/Songwriter Ron Sexsmith zu den besten seiner Zunft gehört, ist für viele seiner Kollegen seit Jahren ausgemachte Sache. Sowohl bei Titanen wie Paul McCartney, Elton John und Elvis Costello, als auch bei der tonangebenden Songwriter-Generation der ab 1975 Geborenen (seien es Landsfrau Leslie Feist, der skandinavische Folk-Star Ane Brun oder die britischen Bands Coldplay und Travis) hat Ron Sexsmith schon lange einen Stein im Brett. Mit seinen letzten zwei Alben „Cobblestone Runaway“ (2003) und „Retriever“ (2004) gelang es ihm aber, über den Status des notorischen „musicician’s musician“ hinauszugelangen: Fans der französischen Pop-Eklektiker Phoenix, die sich anno 2003 noch über ein Jahr gedulden mussten, bis der ersehnte „United“-Nachfolger erschien, bekamen mit dem eleganten Disco-Derivat „Dragonfly On Bay Street“ von „Cobblestone Runaway“ die denkbar beste Überbrückung ins Haus. Und sowohl die dezent elektrifizierte Ballade „These Days“, als auch das Duett mit Chris Martin „Gold In Them Hills“ mauserten sich zu respektablen Radiohits.

Es folgten Deutschlandauftritte im Vorprogramm von Aimee Mann und im Rahmen einer „Acoustic-Evening“-Tour, die den einst als schüchtern geltenden Sexsmith als leidenschaftlichen Interpreten seines gewaltigen Songbooks präsentierten. Einem Werk, dem sich unentwegt neue Perlen hinzugesellen, wie es der – ebenfalls vom Schweden Martin Terefe produzierte – Nachfolger „Retriever“ (2004) an den Tag legen sollte. Fanden sich hier doch neben den vertraut melancholischen Balladen auch eine ausgelassene Pubrock-Nummer („Happiness“), eine wundervolle Hommage an den entspannten Soul-Man Bill Withers („Whatever It Takes“) und mit „Wishing Wells“ ein überzeugendes Beispiel dafür, wie sich Wut auch ohne anklagende Schreie zum Ausdruck bringen lässt.

Nachdem sich Sexsmith im vergangenen Jahr mit „Destination Unknown“ den lang gehegten Wunsch erfüllt hat, mit seinem Jugendfreund Don Kerr als „Sexsmith & Kerr“ eine Duo-Platte im Stil der Everly Brothers herauszubringen, folgt nun mit „Time Being“ der offizielle Nachfolger zum „Retriever“-Album, das auch in Deutschland mehr als ein Achtungserfolg gewesen ist. Nicht nur, dass Ron Sexsmith von Sarah Kuttner in deren Viva-Show eingeladen wurde, auch Magazine, die sich sonst das Abfeiern von Singer/Songwritern über 35 nicht auf die Fahnen schreiben, kamen nicht umhin, ihm „ein Gespür für unauslöschliche Hooklines“ (Intro) zu bescheinigen. Der Sänger, der wegen seines Namens und seiner (zumindest auf Fotos) etwas phlegmatisch wirkenden Erscheinung zu Karrierebeginn einige Seitenhiebe einstecken musste, entpuppte sich auf seiner ersten Deutschlandtour mit Band Ende 2004 zur Überraschung als erfrischend gewitzter Entertainer. So ließ er zwischen seinen Ansagen auf dem E-Piano schon mal die Mondscheinsonate anklingen, um dann einzuräumen, dass er mit Beethoven wohl doch nur die Frisur gemein habe. Solange Sexsmith in seinem Genre weiterhin solche Qualität liefert, wie er es die letzten zehn Jahre ausnahmslos getan hat, ist ein Abstecher in klassische Gefilde auch gar nicht vonnöten. Auszeichnungen bekommt er auch so, wurde ihm doch in seiner Heimat letzten April in der Kategorie „Songwriter Of The Year“ der begehrte Juno-Award (das kanadische Äquivalent

zum Grammy) verliehen. Auch dieses Jahr ist er wieder – mit drei Stücken von „Destination Unknown“ – nominiert worden. Keine schlechte Resonanz für ein als „Seitenprojekt“ gedachtes Werk!

Doch auf Lorbeeren ausruhen ist Rons Sache nicht und so stellte er kurz vor Jahresende die zwölf neuen Stücke seines achten Albums „Time Being“ fertig. Diesmal wieder unter der Aufsicht des Produzenten Mitchell Froom, der bereits Rons erste drei Alben für Interscope/BMG betreute. Ein Schritt, der in gewisser Weise schon im März 2005 in einer persönlichen Botschaft auf www.ronsexsmith.com herauszulesen war, in der Ron Sexsmith den zehnten Jahrestag seines gleichnamigen Major-Debüts zum Anlass nahm, sich an die nicht unkomplizierte Entstehungsgeschichte des Albums zu erinnern. Dabei hob er hervor, wie sehr er damals von Mitchell Froom bestärkt wurde, alle Gitarren selbst einzuspielen und – gegen den Widerstand der Plattenfirma – in seiner Vorstellung einer reduzierten Produktion unterstützt worden sei.
Nun ist klangliche Ökonomie nicht unbedingt das Markenzeichen des Mitchell Froom. Einige Folk-Puristen kreiden dem U.S.-Produzenten immer noch an, dass er bei den Capitol-Alben von Richard Thompson zu viel Keyboards und Percussion-Effekte mit ins Spiel gebracht habe. Dem gegenüber stehen die ersten drei (für ihre Zeit ungewöhnlich transparenten und „handgemachten“) Hit-Alben von Crowded House (1987 – 2001), der in den Neunzigern ins Rollen gebrachte stilistische Wandel von Suzanne Vega (seiner damaligen Ehefrau) und das Randy-Newman-Comeback „Bad Love“ (1999) auf Frooms Habenseite. Und, last not least, die letzten drei Alben, die seine derzeitige Lebensgefährten Vonda Sheppard seit dem Ende von „Ally McBeal“ aufgenommen hat.
Deren Band, bestehend aus dem Session-Gitarristen Val McCallum und der auch bei Elvis Costello beschäftigten Rhythmusgruppe Davey Farragher (Bass) und Pete Thomas (Schlagzeug) sorgte nun auf Ron Sexsmiths neuen zwölf Stücken für ein solides Fundament. Da reicht das Spektrum von Jackson-Browne-Reminiszenzen („Hands Of Time“), über beatlesken Merseysound („Snow Angel“, „All In Good Time“), sanfte Folk-Lullabies („Never Give Up“, „Cold Hearted Wind“), dramatischem Powerpop („I Think We’re Lost“), bis hin zum Torch Song „Reason For Our Love“, um den sich Feist (ihr Cover von Sexsmiths „Secret Heart“ gehört zu den Höhepunkten ihres 2004er Erfolgsalbums „Let It Die“) wieder reißen dürfte. Nicht zu vergessen der herrlich an The Band oder Neil Youngs „Old Man “ erinnernde Rumpelbeat in „Jazz At The Bookstore“. Oder „The Grim Trucker“, wo mit gleich
proportionierten Anklängen ans erste Paul-McCartney-Soloalbum und an die Kinks-Vaudeville-Phase circa 1967 (sprich: Ray Davies in Bestform) gleich zwei von Sexsmiths Helden eine liebevolle Hommage bekommen haben.

Wieder ist es neben aller musikalischen Finesse vor allem die Schlichtheit seiner Song-Lyrics, die einen unmittelbar in den Bann zieht: „Strange how their love bloomed in the winter/ Only to vanish in the spring“ heißt es in „Snowe Angel“ – und schwupp, schon ist man drin und möchte durch Rons sanfte (oft an die von Rufus Wainwright erinnernde, dabei aber weit nicht so pathetische) Stimme erfahren, wie es dem beschriebenen Paar bei seiner jahreszeitbefristeten Liaison ergangen ist. Und Beispiele für die charakteristische Wandlungsfähigkeit einiger Sexsmiths-Songs, die melancholisch beginnen und dann unverhofft – sei es durch raffinierte Tonartwechsel oder einen dramaturgischen inhaltlichen Kniff – plötzlich Zuversicht durchscheinen lassen, gibt es auch auf „Time Being“ zuhauf.

V2, 2006