Als sich Rufus Wainwright im vergangenen Jahr nach Berlin aufmachte, um dort sein neues Album „Release the Stars“ aufzunehmen, dachte er noch, dass dabei „ein absolut heruntergestripptes, fast schon skelettartiges Resultat herauskommen würde“. So lautete zumindest der Plan. In Berlin eingetroffen, kam alles jedoch gänzlich anders, wie bereits der Eröffnungssong von Wainwrights neuem Album, „Do I Disappoint You“, eindrucksvoll unter Beweis stellt, auf dem sich weitschweifige Orchesterklänge zu seinen „Sturm und Drang“-Texten gesellen.

„Unglaublich viele Leute gehen nach Berlin, um auf den neusten Stand zu kommen; ich jedoch kam in die Stadt, um Lederhosen zu tragen und mir barocke Gebäude anzusehen“, setzt Wainwright lachend an. „Dasjenige Deutschland, an dem ich persönlich interessiert war, zeichnet sich eher durch altmodische bzw. klassische Elemente aus. Durch einen romantischen Unterton. Ich kam an, und schon kurze Zeit später hatte ich dieses geräumig-überschäumende Album aufgenommen. Was eine fantastische Erfahrung war, denn ich hatte es, wie gesagt, nicht im Geringsten so geplant.“

Mit „Release the Stars“, seinem fünften Album in einer Dekade, gelingt es Wainwright zudem, diejenige Intimität auf Platte zu bannen, die er seit jeher mit seiner Musik anstrebt –, dazu vollbringt er es, seine klangliche Palette auf ein völlig neues Terrain zu hieven. Er hat die Messlatte seit seinem „Want Two“-Album (2004) noch ein gutes Stück höher gelegt. Ja, es wirkt fast schon so, als stünde er mit diesem Album plötzlich mitten in der Metropolitan Opera von New York City, nur um während einer ausverkauften Vorstellung (sagen wir, „Aida“!) Intimitäten auszutauschen, die allerdings alle Anwesenden mithören dürfen. Das Album zerberstet förmlich vor ausgefallenen Klängen, und doch sind sie alle perfekt zu einem Teppich verknüpft, auf dem Wainwright seine Performance als Kommentator, Bekenner und Hauptdarsteller präsentieren kann. So kommt sein eigentümlich-phänomenales Können als Songwriter und Sänger vor einem derartig pompösen Hintergrund noch deutlicher zum Vorschein. Die Emotionen sind durchweg packend, seine Geschichten sind absolut lebhaft, dramatisch, komisch, real, und immer wieder wahnsinnig ergreifend. Unterm Strich ist „Release the Stars“ – vielleicht über Umwege – daher genauso direkt und persönlich, wie es sich Wainwright ursprünglich erträumt hatte.

„Rückblickend muss ich sagen, dass es echt kurzsichtig war, zu glauben, ich könnte meinen Hang zu opernhaftem Geschnörkel einfach so abstreifen – nur weil ich mein eigener musikalischer Chef bin. Schließlich stehe ich schon mein ganzes Leben darauf“, räumt Wainwright ein. „Wie unschwer zu erkennen, ist die Platte alles andere als aufs Minimum reduziert, und doch war es wichtig, mit eben dieser Idee anzufangen. Obwohl man nämlich die mit Sicherheit größten und gewaltigsten Momente meiner Karriere auf dieser Platte hören kann, so finden sich doch zugleich die intimsten Augenblicke auf `Release the Stars´.“
Wainwright hatte bereits mit der Arbeit am neuen Material begonnen, als er noch mit seinem „Want Two“-Vorgänger auf Tour war. Schon bevor er vergangenes Jahr nach Europa aufbrach, arbeitete er mit seiner Band an den ersten Songs in New York City. Danach ging’s nach Berlin, wo er im Alleingang weiterarbeitete. „Als ich mit der Aufnahme von `Do I Disappoint You´ anfing, wobei ich zum ersten Mal alleine arbeitete, nur mit einem Synthesizer, klang das erste Resultat fast schon wie `Blade Runner´, wie der ultimative Science-Fiction-Sound. Ich fragte mich, wie das wohl zusammen mit Pizzicato-Streichern klingen würde, oder mit einem ganzen Streicherquartett! Und das war erst der Anfang. Plötzlich kamen mir unzählige Ideen für neue Arrangements.“

Am Schluss der Aufnahmen fanden sich insgesamt 14 Streicher und Bläser, seine Schwester Martha als Background-Sängerin sowie von Neil Tennant (Pet Shop Boys) beigesteuerte Samples und Synthesizer-Parts auf dem Track, wobei Tennant zugleich als Executive Producer des Albums fungierte. Zu den namhaften Vokal- und Instrumental-Gästen des Albums zählen weiterhin Teddy Thompson, Jenni Muldaur, Lucy Roche und Sharon Jones (Dap Kings), allesamt am Mikrofon, sowie die Gitarristen Richard Thompson und Smokey Hormel, der sonst mit Beck unterwegs ist, und die Geigerin/Gitarristin/Sängerin Joan Wasser, besser bekannt als Joan As Policewoman, die bei Wainwrights letzter Tour im Vorprogramm aufgetreten ist. Marius de Vries, der schon „Want One“ und „Want Two“ produziert hatte, war nunmehr für die Anleitung des London Session Orchestra zuständig, dazu hat er das Album gemeinsam mit Andy Bradfield abgemischt.

Doch damit nicht genug: Wainwright hat selbst die britische Schauspielerin Sian Phillips eingeladen – ein Name, der Fans von „Masterpiece Theatre“ ein Begriff sein wird, da sie im „I, Claudius“-Klassiker aus dem Jahr 1976 zum Star geworden ist –, um eine Spoken-Word-Passage für das vorwärts gerichtete „Between My Legs“ aufzunehmen. Spricht man Wainwright auf den apokalyptischen Lovesong und den überraschenden Albumgast an, muss er selbst lachen: „Ja, mir war schon klar, dass ich Probleme bekommen würde, als ich Sian Phillips darum bat, einen Teil von `Between My Legs´ einzusprechen. Aber sie ist einfach zu faszinierend: Als ich vor ein paar Jahren `I, Claudius´ sah, war ich wie besessen von ihr. Sie spielte die böse Herrscherin, die alle anderen vergiftet hatte. Später befand ich mich gerade auf einer Party, und da stand sie. Ich dachte nur, `Oh mein Gott, da steht die Kaiserin von Rom´; und ging dann rüber, um sie anzusprechen. Wir haben uns sofort blendend verstanden.“

Trotz der Vielzahl an Albumgästen bzw. den wiederholt überaus unkonventionellen Arrangements, für die Wainwright verantwortlich ist, schimmert doch bei jedem einzelnen Song ganz deutlich die emotionale und melodische Essenz durch: „Wenn ich einen Song schreibe, dann geht es mir in erster Linie darum, dass der Song für sich stehen kann. Er muss in unterschiedlichen Kontexten funktionieren: Sei es nun mit einem Orchester, oder aber einfach nur mit einem Kazoo – um mal ein krasses Beispiel zu bringen. Sie sind so konstruiert, dass sie eine ganze Reihe von `Affären´ mit ganz unterschiedlichen Klangkulissen eingehen können. Ich glaube, dass ich inzwischen gelernt habe, wie ich mich ausdrücken muss, damit meine Zuhörer sofort verstehen, was ich im Sinn habe. Je mehr ich schreibe, desto deutlicher wird mir, wie wichtig es ist, sich so direkt wie möglich zu präsentieren. Ohne Umschweife. Das hat schon seine Zeit gedauert, bis ich das erkannt hatte. Viele der neuen Songs sind auf Tour entstanden, was zugleich – für mich zumindest – immer eine Phase ist, in der ich mein ganzes Leben neu ausrichte. Ich war gerade frisch verliebt, hatte einen neuen Freund, dazu hatte ich gerade das Angebot bekommen, eine Oper für die Met zu schreiben, und ich fühlte mich generell wohler in meiner Position als Musiker. Ich glaube, dass die Songs all das ziemlich genau widerspiegeln; sie zeichnen ein ziemlich deutliches Bild von dem Punkt, an dem ich mich gerade befunden habe. Denn ich habe auch kein Blatt vor den Mund genommen: Ob es sich nun gerade um Amerika, um meinen besten Freund oder meinen Lover handelt – ich sage mit jedem Song ganz klar, was ich über sie denke.“

Obwohl auf „Release the Stars“ sehr persönliches Material versammelt ist, hat Wainwright, wie zuvor etwa mit dem Song „Gay Messiah“ auf „Want Two“, auch Gesellschaftskritik in seinen so harmonisch wirkenden Klanglandschaften untergebracht. „Going To A Town“, die erste Singleauskopplung des Albums, klingt dadurch wie ein emotionaler Reisebericht, während Wainwright, kurz vor seiner Abreise nach Europa, die sozialen und politischen Verhältnisse unter die Lupe nimmt und eine Art Alternativ-Rede zur Lage der Nation präsentiert. „Daran hab ich nicht länger als fünf Minuten gesessen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, denn ich war zum Essen verabredet, und ich hatte noch ca. 20 Minuten, bis ich los musste. Kurzerhand sagte ich mir: `Hmm, warum nicht runtergehen und noch ein bisschen auf dem Klavier abgehen.´ Na ja, ein paar Minuten später war der Song auch schon fertig. Er kam einfach so. Besser können Songs gar nicht entstehen. Sie kommen aus irgendeiner untergründigen Zone, auf die man sonst keinen Zugriff hat.“

Diese „Nutze den Tag“-Stimmung ist es auch, die weite Teile von „Release the Stars“ auszeichnet. Insgesamt sind so 12 eindrucksvolle Songs entstanden, über die Wainwright weiterhin kommentiert: „Das Album ist meiner Mutter gewidmet. Sie musste sich während der Aufnahmephase einer sehr komplizierten Operation unterziehen. Was wiederum auch meinen Ansatz geprägt hat: Ich fühlte diese Dringlichkeit, wusste, dass ich relativ zügig auf den Punkt kommen wollte. Ich glaube, dass es unzählige Gefühle gibt, die letztlich immer da sind – allerdings bemerkt man sie erst, wenn man ein traumatisches Erlebnis hatte. Bevor ich `Want One´ aufgenommen habe, ging ich in eine Entzugsklinik, und da ist mir etwas Einzigartiges passiert: Es fühlte sich fast schon so an, als ob ich mich von Grund auf neu ordnen und kreieren musste; ein unfassbarer Prozess, all diese Levels der Genesung. Das war wirklich eine sehr mühsame, intensive und dramatische Erfahrung. Als meiner Mutter aber schließlich die besagte OP bevorstand, wirkte mein damaliges Problem plötzlich absolut lachhaft. Sobald einem Menschen, den man liebt, etwas zustößt, ist die Erfahrung gleich zwanzig mal so intensiv. Man erlebt den Schmerz und die dazugehörigen Einsichten in einem viel größerem Maß.“

Er schrieb das Titelstück des Albums, einen fast schon aufdringlichen Song, der Big-Band- mit Gospel-Elementen verschränkt, nachdem er sich mit einer engen Freundin zerstritten hatte, weil sie vor rund einem Jahr nicht bei seinem wegweisenden Judy-Garland-Konzert in der Carnegie Hall aufgetaucht war. Dieses Gefühl diente letztlich als Ausgangspunkt seines neuen Albums, um den Wainwright eine unglaublich viel größere Gefühlspalette zeichnen sollte. Zugleich entwickelte sich die Aussage des Songs schließlich zum roten Faden von „Release the Stars“: „Die Kernidee war, dass es für uns beide, für sie und mich gleichermaßen – oder sagen wir doch: für unsere ganze Generation, für alle Menschen in ihren Dreißigern – an der Zeit ist, endlich mal loszulassen und sich auf die Gefühle zu konzentrieren. Es geht darum, unsere Energien nur darauf zu konzentrieren, was wir lieben, um dadurch bessere Menschen zu sein. Da wir nun in der Blüte unseres Lebens angekommen sind, nachdem wir uns in der Jugend ausgelebt und die Zeit als Twen genutzt haben, uns in der Welt umzusehen, muss man bedenken, dass jetzt, wo wir über 30 sind, die Würfel gefallen sind. Jetzt ist es an uns, die Zügel in die Hand zu nehmen: Man muss sich entweder seinem Schicksal stellen, oder – wenn gewünscht – ein nutzloses Dasein fristen. Das ist einerseits die Message des Songs, und zugleich ist es auch die Aussage des kompletten Albums: Die Zeit ist gekommen, um die Wünsche und Träume endlich zu verwirklichen. Um sich auf die wichtigen, die guten Dinge zu konzentrieren. Am besten fangen wir noch heute damit an!“

Wainwright verkörpert diese Philosophie bereits seit geraumer Zeit; um das zu erkennen, reicht ein flüchtiger Blick auf seine unzähligen Projekte des vergangenen Jahres. Das vielleicht waghalsigste Unterfangen war wohl seine Live-Hommage an Judy Garlands Bestseller-Album „Judy At Carnegie Hall“ (1961), die er – selbstverständlich – in der Carnegie Hall zelebrierte. Wainwright brachte die Show schon kurze Zeit später auch nach Paris und London, wobei beide Abende im Handumdrehen ausverkauft waren, und plant nunmehr, am 23. September 2007 dem Nachfolgekonzert von Garland in Los Angeles seinen Tribut zu zollen, wo seine Ikone exakt 46 Jahre zuvor eine weitere legendäre Performance hingelegt hatte.

Außerdem komponierte er die Musik für „BLOOM“, das neueste Werk des unorthodoxen Choreographen Stephen Petronio, war als Gast auf dem „Concrete“-Live-Album der Pet Shop Boys zu hören, schrieb Songs für die Filme „Meet The Robinsons“ und „History Boys“, und war Mitveranstalter des „Wainwright Family and Friends Christmas Concert“ in New York City, um nur einige seiner Projekte zu nennen. Natürlich wäre da auch noch die mit Spannung erwartete Auftragsarbeit für das wiederbelebte Metropolitan Opera House. Anlässlich der Veröffentlichung von „Release the Stars“ wird Rufus Wainwright zudem eine weltweite Tournee antreten; zu den geplanten Stationen zählen u.a. das Coachella Festival im Frühling, sowie diverse europäische Sommerfestivals, bis er schließlich gegen Ende des Sommers auch nach Glastonbury zurückkehren wird.

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