Die Beendigung seiner Rap-Karriere als Ferris MC und die Rückkehr zu seinem bürgerlichen Ich als Sascha Reimann geht gleichzeitig mit der Wiederbelebung einer alten Leidenschaft einher: Der Schauspielerei. Und so hat der 34-Jährige in “Für den unbekannten Hund”, dem neuen Film der “Oi! Warning”-Regisseure Dominik & Benjamin Reding, kurzerhand Mikrofon gegen Stenz eingetauscht und besticht in seiner ersten Hauptrolle nicht mehr als rappender Freak, sondern als wandernder Handwerksgeselle.

Trailer “Für den unbekannten Hund”

Du hast Ferris MC ja eigentlich beerdigt, trotzdem taucht dein Künstlername auch im Rahmen von “Für den unbekannten Hund” wieder auf. Stört dich das oder siehst du das als notwendiges Marketing-Übel?
Eigentlich war es nicht so geplant, aber die haben natürlich gemerkt, dass man damit gut Werbung machen kann. Im Film selbst steht jedoch nur Sascha Reimann, deswegen ist das schon okay. Ich möchte bloß nicht, dass ich nun auf die Rolle des Ferris MC reduziert werde und ich ständig damit verglichen werde, was ich als Ferris MC gemacht habe. Aber das ist sowieso nur für Leute bis 30 interessant, die älteren Zuschauer kennen mich weder unter dem einen, noch unter dem anderen Namen.

Wenn Du nun auf die Dreharbeiten zurückblickst, hast Du dann das Gefühl, dass Du von Deinen Bühnenerfahrungen als MC auch in Deinem neuen Berufsfeld als Schauspieler profitieren konntest?
Das hat mir sicherlich ein gutes Stück Nervosität genommen und mehr Lockerheit gegeben. Aber ich habe mit acht Jahren schon angefangen, Theater zu spielen, und als Jugendlicher auch mal in der TV-Serie “Nicht von schlechten Eltern” mitgespielt, das hat mir da eher weitergeholfen. Diese Theater-Erfahrungen habe ich dann aber umgekehrt als Ferris MC nutzen können, indem ich versucht habe, dessen Charaktereigenschaften so extrem wie möglich darszustellen und eigene, musikalische Welten aufzubauen. Da wurden Fiktion und Realität geschickt miteinander verhakt, und zwar so viel Realität, dass es noch wahr ist, aber auch so viel Fiktion, dass es interessant bleibt.

Wann hast du für dich überhaupt die Entscheidung getroffen, fortan als Schauspieler dein Geld zu verdienen?
Dadurch, dass ich als Kind schon Theater gespielt habe, war der Wunsch eigentlich immer da. Aber aus monetären Gründen war es mir damals eben nicht möglich, eine Schauspielschule zu besuchen. Daher musste ich für mich selbst erstmal einen Weg finden, um rauszukommen und mir nicht irgendwelche gesellschaftlichen Zwänge aufdrücken lasse, wie ein Lehre zu machen und dann Teil dieser Arbeitswelt zu sein. Eine Lehre habe ich dann zwar trotzdem begonnen, aber nebenbei eben auch schon mit der Musik angefangen. Damit wollte ich erstmal einen Status erreichen, der mir ermöglichen sollte, mir nachher selbst auszusuchen, wie es weitergehen soll. Die Reding-Brüder kamen dann 2000 auf mich zu, wo sie mich für einen Tatort im HipHop-Milieu casten wollten. Aber zum einen haben die damals schon gesagt, dass das Talent eigentlich zu schade wäre, um in so eine Rolle reingezwängt zu werden, zum anderen wollte ich aber auch nicht etwas spielen, was ich ohnehin schon bin. Zudem haben da eh nur komische Leute wie MC Rene mitgespielt und da wollte ich mich nicht unbedingt einreihen. Da war ich dann ganz froh, dass mich der Sender abgelehnt hat, weil ich denen zu wild war. Aber da hatten mir die Reding-Brüder schon versprochen, dass sie sich wieder bei mir melden würden, wenn das Drehbuch für “Für den unbekannten Hund” fertig ist. Und das haben sie dann auch getan.

In “Für den unbekannten Hund” geht es ja auch um soziale Ausgrenzung und Gewalt. War es schwierig für Dich, Dich in den Film und Deine Rolle hineinzuversetzen? Du bist ja auch in einer sozial eher schwachen Gegend aufgewachsen.
Es war für mich vermutlich einfacher, bestimmte Facetten abzurufen wie Wut, Traurigkeit oder cholerische Anfälle. Aber auch da haben mir mehr meine eben angesprochenen Theatererfahrungen weiterhelfen können und die Tatsache, dass ich mich gut vorbereitet habe. Ich bin jemand, der sehr diszipliniert an so etwas herangeht und es natürlich auch gewohnt ist, Texte auswendig zu lernen. Insofern brauchte ich mich nur noch auf die Betonung und mein Agieren vor der Kamera zu konzentrieren.

Am Set war ja auch immer ein echter Wandergeselle zugegen. Inwieweit konnte er Dir bei der Findung Deines Charakters helfen?
Eigentlich gar nicht, das lief wie von Hand. Aber er und 99% der Wandergesellen, die den Film gesehen haben, fanden das alles sehr authentisch, und das war uns natürlich wichtig. Bloß ein einziger hat sich gefragt, ob man als Wandergeselle wirklich so rüberkommt, wie wir das gespielt haben. Dem war unsere Wandergesellensprache zu aufgesetzt. Aber die klingt nunmal tatsächlich so, dewegen war das eigentlich mehr Kompliment als Kritikpunkt. Letztlich hat er sich da selbst den Spiegel vorgehalten und uns daraus einen Vorwurf machen wollen, obwohl er bloß eine neue Erkenntnis für sich gewonnen hat.

Wie kam es, dass Du anstatt Schauspielunterricht zu nehmen, lieber mal in die Arbeit in einem Steinmetzbetrieb reingeschnuppert hast?
Du merkst eben bei Schauspielern sofort, ob die von einer Schauspielschule kommen oder nicht. Die werden alle gleich gebrochen, gleich wieder aufgebaut und lernen alle dasselbe. Insofern können die alle sehr viel weniger sich selbst in ihr Schauspiel legen als jemand wie ich, der da völlig unbefangen reingeht und nach eigenem Ermessen sein Bestes gibt. Aber gerade für diese Rolle fand ich das sehr wichtig.

Wie fühlt es sich denn an, sich zum ersten Mal in einer Hauptrolle auf der großen Leinwand zu sehen?
Krass. Zumal ich im Film ja auch 15 Jahre älter aussehe, weil ich zu der Zeit noch mit den Drogen zu kämpfen hatte. Mittlerweile bin ich aber seit einem Jahr clean, meine Haut entspannt sich wieder, die Tränensäcke sind weg und Falten habe ich nur noch morgens, wenn ich mich zerknautscht aus dem Bett schäle. Zu meinem Charakter im Film passte das aber sehr gut, weil der ja schon seit vier Jahren und drei Monaten auf Wanderschaft ist und sowas natürlich auch nicht spurlos an einem vorbei geht.

Der gesamte Cast ist ja von der Vorgeschichte her sehr ungewöhnlich. Du als ehemaliger Rapper, Lukas Steltner war Breaker, Zarah Löwenthal hat in einem Jugendzentrum gearbeitet.

Ja, und die Nebenrollen wurden hauptsächlich von bekannten und heftigen Schauspielern besetzt, die bei Soko Leipzig und solchen Serien mitgespielt haben. Deren Namen habe ich allerdings alle schon wieder vergessen. Aber das sind eben deutsche Schauspieler, da merkt man sich drei, vier Stück, aber das sind dann eben auch die, die international schon was gemacht haben.

Wie wichtig war es für die Authentiziät des Films, mit solchen Leuten zu arbeiten und nicht auf alteingesessene Akteure zurückzugreifen?

Ich fand es schon gut, dass das so gemacht wurde, um auch mal wieder ein bisschen Frischfleisch zu präsentieren und nicht nochmal Daniel Brühl, nochmal Moritz Bleibtreu oder nochmal Tobias Schenke zu besetzen. Stattdessen Leuten eine Chance zu geben, die vorher noch nie auf der Kinoleinwand zu sehen waren. Das ist ja auch für das Publikum interessanter, neue Gesichter zu entdecken.

Wie war denn das Arbeiten mit den Reding-Brüdern am Set? Die haben ja schon im Vorfeld ein relativ klares Bild von ihrem Film vor Augen gehabt.
Das war natürlich alles andere als ein Freizeitpark-Besuch. Die haben da aber auch ihr eigenes Geld reingesteckt und sind wirklich mit Herzblut dabei. Und wenn da mal jemand nicht in diesem Denkmodus war, konnte die das schon zur Weißglut treiben. Aber ich liebe es eben auch, an meine Grenzen zu stoßen und Extremsituationen zu meistern. Was die Rolle angeht, habe ich auch sehr großes Glück gehabt, weil die mich von Anfang an richtig besetzt und an mich geglaubt haben. Daher konnte ich immer direkt das abrufen, was sie sich von mir erhofft hatten. Wir sind deshalb auch nie aneinander geraten.

Wie eben schonmal angesprochen, wirkt die Wandergesellen-Szene für einen Außenstehenden sehr altmodisch und unnatürlich.

Ja, das ist alles schon sehr dramatisch und theatralisch. Deshalb wird unser Film vermutlich auch nur ein bestimmtes Publikum ansprechen, weil man sich wirklich auf den Film und dessen Aufbau und Bildsprache einlassen muss. Das ist kein Popcorn-Kino à la “Stirb langsam 5000” oder “Mr. Bean macht Ferien”, sondern ein ganz eigenes Genre.

Hast Du denn jetzt Blut geleckt für die Schauspielerei?
Mehr denn je! Und ich hoffe natürlich, dass mir dieser Film als Visitenkarte dienen kann und der ein oder andere Regisseur auf mich aufmerksam wird. Ich hätte zum Beispiel Bock, mal mit Fatih Akin zu arbeiten, zumal der ja auch Hamburger ist und ich schonmal einen Track zum “Kurz und schmerzlos”-Soundtrack beigesteuert habe. Das läge also auf der Hand und Filme wie “Gegen die Wand” sind einfach derbe.

Interview: Daniel Schieferdecker