6+6+6 oder 4+8+6? Unterm Strich dasselbe Ergebnis – die Hölle bleibt heiß, laut und schnell. Zumindest, wenn der Soundtrack zur Apokalypse wie geplant von Slayer kommt. Am 6.6.2006 (666, capisce?) sollte ihr neues Album „Christ Illusion“ eigentlich erscheinen. Aufgrund einiger Probleme diverser Natur wird es nun in Deutschland am 4.8. sein. Die Quersumme des Datums ist dieselbe, und die Band natürlich ebenso: Auch im 25. Jahr ihres Bestehens sind die kalifornischen Metal-Titanen ganz die alten – nebst Tom Araya (Bass, Stimme) und den beiden Gitarristen Kerry King und Jeff Hannemann ist allerdings für ihr erstes Werk seit 2001 (dem 11. Spetember 2001, um genau zu sein!) endlich auch Original-Drummer Dave Lombardo mal wieder mit von der Partie. Das erste Mal seit, sagen wir mal „vielen“ Jahren – deren genaue Anzahl zu bestimmen ist schwer, so oft wie der Scherzkeks ausgestiegen ist, um dann doch wieder anzuheuern.

Dazu und so manch anderem mehr nun ein paar Worte von Capt’n Araya, befragt an einem sonnigen San Diego-Tag im Juli, kurz bevor es zu einem der letzten US-Konzerte der „Unholy Alliance“-Tour auf die Bühne ging…

Wie läuft die Tour, wie stehen die Dinge im Slayer-Sommercamp?
Alles gut! Die Tour läuft gut, die anderen Bands sind unglaublich, das Publikum begeistert – das ist eine wirklich große Sache, was die Kapazitäten der Venues betrifft. Das Team Slayer ist in „full swing“, die Kriegsmaschine rollt, hehe…

Eine der Bands, die ihr dabei habt, sind ja Thine Eyes Bleed – die Band von Deinem Bruder. Wie ist das, mit seinem Bruder auf Tour zu sein?
Hehe… Eigentlich sind wir das schon gewohnt, er ist ja seit Beginn der Band schon als Gitarrentechniker für mich und Jeff dabei… Es ist aber natürlich gut, Familienmitglieder um sich zu haben. Und ich freue mich, dass ich ihm diese Möglichkeit bieten kann.

Stimmt es, dass er schon bevor es Slayer gab, mit dem Bruder von Jeff Hannemann in einer Band gespielt hat?
Ja, aber tatsächlich war der Typ gar nicht Jeffs Bruder, sie haben das nur behauptet, hehe… Aber, ja, sie hatten eine gemeinsame Band namens Bloodcum.

Du musstest Dich ja kürzlich einer Operation unterziehen, was auch zum Verschieben der Tour geführt hat, die Ihr gerade spielt – wie geht es Dir gesundheitlich?
Alles bestens! Mir wurde die Gallenblase entfernt. Ich hatte sechs Wochen Zeit, mich zu erholen – optimal wären acht, aber die Ärzte sagten, wenn ich’s nicht übertreiben würde, ginge das schon. Also habe ich es ruhig angehen lassen, die ersten zwei Wochen der Tour.


Hat die Operation eigentlich Auswirkungen auf Deine Stimme oder Dein Singvermögen gehabt?
Nun, sie mussten durch meine Abdominal-Muskulatur schneiden, und da muss man schon sehr vorsichtig sein – immerhin beansprucht man diese Muskeln bei so gut wie allem, was man tut! Die erste Woche nach der Operation konnte ich überhaupt kein Gewicht heben, in der zweiten etwa fünf Pfund, die Woche darauf etwa 10 Pfund… Ich konnte mein Hebegewicht jeweils in Fünf-Pfund-Schritten steigern, und nach sechs Wochen konnte ich – pünktlich zur Tour – meinen Bass wieder selbst heben und halten, hehe… Inzwischen kann ich schon wieder headbangen und mit mehr Leidenschaft singen, und versuche, mir nicht zu schaden…


Du hast also tatsächlich Deinen Gesangsstil deswegen geändert oder ändern müssen?
Na ja, ich habe die erste Zeit nicht so vehement gesungen, aber inzwischen bin ich wieder ganz hergestellt.

Du hast ja eine Ausbildung zum Atemtherapeuten gemacht, und auch als solcher gearbeitet – hat Dir dieses Wissen dabei geholfen, mit den Schmerzen und Einschränkungen umzugehen?
Oh ja! Ich habe damals bei meiner Arbeit im Krankenhaus ziemlich viel gelernt. Darüber, was man in so einer Situation tun kann und was man besser lassen sollte. Oder auch darüber, wie man richtig hustet. Ich weiß also, was zu tun ist!

Hast Du dieses Wissen auch schon vorher eingesetzt, als Du Deinen Gesangs-Stil entwickelt hast?
Definitiv – es war ein großer Bestandteil meiner selbstauferlegten Gesangsausbildung, mir einige Regeln zu Herzen zu nehmen, die ich bei der Arbeit aufgeschnappt hatte. So konnte ich auf diese Art singen, ohne mir auf Dauer körperlich selbst zu schaden!

Die Tour war ja nicht das einzige, was verschoben wurde – auch das Album sollte ja eigentlich längst erschienen sein – nämlich am 6.6.06…
Rchtig…

Das wäre ja auch Dein Geburtstag gewesen, oder?
Ja! Der einzige Grund, warum das Album nicht wie geplant am 6.6. erschien, war: Wir waren nicht rechtzeitig im Studio! Rick Rubin meinte, wir seien noch nicht bereit, um aufzunehmen…Also warteten wir, während eigentlich ER derjenige war, der nicht bereit war, mit uns ins Studio zu gehen – wegen seiner vielen anderen Projekte. Deshalb suchten wir uns einen zweiten Produzenten. Der sah uns live – und überzeugte Rick davon, dass wir sehr wohl bereit waren. Er sagte: „Die Jungs sind definitiv reif, die Songs klingen fantastisch – wir müssen sofort ins Studio!“ Aber als wir das im Februar tun konnten, war es für den angepeilten Termin schon zu spät…

„Reign In Blood“, das Album, das viele als euer Meisterwerk ansehen, feiert ja in diesem Jahr sein 20. Jubiläum – und ich habe neulich ein Foto gesehen, auf dem ihr das Bandportrait von der Rückseite des „Reign“-Covers nachstellt – wie kam das?
Das war für ein Magazin, und es war deren Idee. Sie mussten uns während der Foto-Sessions die ganze Zeit das Original-Bild gegenüberhalten, und wir versuchten, es nachzustellen…

Verbindest Du mit dem Original-Foto irgendwelche besonderen Erinnerungen?
Oh, das Bild stammt von der allerersten Show, die wir je in Europa gespielt haben – beim „Heavy Sounds“-Festival, 1985. Alle erwarteten unsere Ankunft am Konzert-Ort, und als wir eintrafen, holten alle ihre Kameras raus und hielten wie wahnsinnig drauf. Irgendjemand drückte uns die Bierdosen in die Hand und sagte: „Macht mal!“ Also machten wir mal… Aber die wirklich schöne Erinnerung an damals ist eigentlich die ganze Tour: Es war sehr verrückt, weil wir selber fuhren, nur mit einer Straßenkarte bewaffnet! Man drückte uns die Karte in die Hand und sagte: „Man sieht sich – wenn ihr wieder da seid!“ Das war ein großes Abenteuer, das wir völlig ohne fremde Hilfe durchstehen mussten.

Die ganze Tour?
Ja, komplett! Der einzige Rat, den wir bekamen, war: „Wenn ihr in eine Stadt kommt – folgt der Ausschilderung zum Zentrum! Von da findet ihr den Club schon…“


Und, habt ihr alle Clubs gefunden, alle Shows gespielt?
Ja, alle bis auf eine! Das wäre in Oslo gewesen, und es gab keine Möglichkeit, dass wir das rechtzeitig geschafft hätten…


Damals wie heute ist ja ein gewisser Dave Lombardo mit dabei. Ein kurzes Statement zur Stimmung und seiner Position in der Band?
Seine Position in der Band ist die des Original-Drummers, der wieder dabei ist, hahaha!
Wir hatten in der Vergangenheit tatsächlich öfter mal live mit ihm gespielt, als unser damaliger Drummer Paul Bostaph aus verschiedenen Gründen nicht konnte. Und als unsere Pläne, ein Album aufzunehmen, konkreter wurden, begannen wir darüber zu reden, ob er nicht vielleicht wieder richtig einsteigen sollte… Er ist also wieder in der Band. Und solange sich die Dinge nicht ändern… denke ich nicht, dass sich die Dinge ändern werden, hehe…

Ein weiser Spruch!
Yeah…

Soweit ich mich erinnere, war sein Ausstieg aber alles andere als freundschaftlich…
Ja, ja… Damals, als wir nach der „Seasons In The Abyss“-Tour mit der Arbeit an der Nachfolgeplatte „Divine Intervention“ beginnen wollten, trafen wir uns immer in diesem Restaurant/Bar-Ding – und schafften es oftmals von dort nicht mehr zum Proberaum… Und Dave wartete immer auf uns, und eines Tages hatte er genug davon. Also schien es besser, getrennte Wege zu gehen… Aber jetzt ist er wieder dabei und wir sind alle etwas älter… und smarter…


Hat sich die Kommunikation innerhalb der Band verändert? Verbringt ihr die gemeinsame Zeit inzwischen anders, löst Probleme reifer?
Ganz ehrlich gesagt: Ja, am Anfang verbrachten wir viel Zeit gemeinsam. Aber im Laufe der Jahre verschoben sich unsere Lebensmittelpunkte, wir veränderten uns – und heute gehe ich nach Hause, wenn ich fertig bin mit einer Tour, und kommuniziere mit niemandem, es sei denn, jemand kommuniziert mit mir. Ich denke, die anderen sehen es genau so. Wenn wir zusammen gearbeitet haben, auf Tour waren, dauert es immer eine Weile, bevor wir die jeweils anderen wieder ertragen können, hehe…

Also ist das das einzige, was euch vier verbindet – Slayer?
Yeah, ich fürchte, ja!

Du wohnst ja auch ein gutes Stück von den anderen entfernt, oder? Der Rest der Band lebt nach wie vor in Kalifornien, aber ich habe gelesen, dass Du in Texas lebst, in einer Stadt namens…

Oh, es wäre mir lieber, Du würdest das nicht schreiben! Niemand muss wissen, wo genau ich wohne… Manche Menschen sind sehr neugierig, und ich bin ja oft nicht zuhause – und dann möchte ich nicht, dass Leute bei mir vorfahren und schnüffeln… Außerdem… In Texas darf man auf Menschen schießen, die Dein Grundstück betreten, hehe. Und meine Frau zielt verdammt gut!