Beim ersten Album belächelt, beim zweiten beschimpft! Sie waren der Anlasser, der den Motor der Neuen-Neuen Deutschen Welle startete. Die Deutschtümelei-Diskussion zum zweiten Album ertrugen sie engagiert. Eine damals schon lächerliche Auseinandersetzung, die jetzt mit wehenden Fahnen in Grund und Boden geweltmeistert wird. Nun ist er endlich gekommen: der Moment, alles richtig zu machen!

Ein schicker Mix aus Elektro-Clash und NDW-Gitarren vom ersten Album mit dem Liedermacher-Punk und der Dramatik vom zweiten. Jetzt den Blender auf Maximum, und… dann ab in die Charts! Und zwar genau an die Stelle, wo die Kasse ordentlich klingelt. Hallen statt Clubs und Kuschelmuschel mit den Fans, die ihre Band zu Tode lieben wird.
Doch die Wahrheit ist blass und trägt eine rote Nase. Das neue Album: Ein Chanson – Indie – Album mit fiesen Schlager-Tonartwechseln und Zirkusinstrumenten. Das Leben ist Veränderung. Und das Glück? Mit den Mutigen!

Ihr wart gerade bei Kuttner. Schade, dass ihre Sendung abgesetzt wird?
Gunnar: Es ist schade für einige Bands, die da jetzt nicht mehr spielen können und für die, für die es im deutschen TV jetzt einfach kein Forum mehr gibt.
Mieze: Für Sarah freu ich mich. Für die bricht das jetzt an einer Stelle ab, wo sie andernorts mit offenen Armen empfangen wird. Da hört jetzt überhaupt nichts auf für Sarah, da fängt jetzt was Neues an.

Nervös, wo jetzt die neue Platte kommt und man noch nicht weiß, wie es läuft?
Gunnar: Obwohl man nach monatelanger Arbeit davon ausgehen sollte, dass ich das Album kenne, ist es immer noch eine totale Unbekannte für mich. Mir kommt es so vor, als würde ein Fremder bei mir klopfen und sagen: Hi – ich bin dein Bruder! Wir kennen uns nicht – ich wohn’ jetzt bei dir!

Das Album heißt Zirkus. Da denke ich sofort an gequälte Tiere, arme Menschen und schlecht besuchte Nachmittagsvorstellungen.
Mieze: Daran haben wir auch alle gedacht. Und Gunnar meint, dass es da schlecht riecht! Es gibt aber auch andere Assoziationen zum Thema Zirkus, die mit uns und der Musik zu tun haben, und die bei uns Kreativität freigesetzt haben. Der Zauberer, die Magie, die Illusion, die Überraschung.
Andi: Das Reisen, das Touren, die Bühne.
Robert: Sich berauschen lassen oder jemanden berauschen. Oder denk mal an Beziehungen – in denen wird auch domptiert!
Gunnar: Zirkusleute stehen auf der Bühne – wie wir. Es gibt Menschen, die sehen das gerne. Es gibt aber auch welche, die gehen in den Zirkus, in der Hoffnung, dass was schief geht. Dass der Typ vom Hochseil fällt, jemandem der Kopf abgebissen wird oder sich jemand zum Horst macht. Da sind wir dann schon wieder bei uns.

Bevor der erste Ton von neuen Album zu hören war, gab’s schon wieder eine Diskussion um Miezes Haare. Im Grunde die ewige Diskussion darüber, dass bei MIA. alles so duchgestylt ist. Jede Platte eine neue Frisur.
Ingo: Nicht jede Platte eine neue Frisur, sondern: Alle drei Frisuren eine neue Platte! (Gelächter)
Mieze: Es geht doch immer um die Frage, ob da bei uns im Hintergrund jemand sitzt der das lenkt – da sitzt aber niemand.
Andi: Hier macht sich jeder die Haare wie er will. Artwork, Style, Musik, Klamotten – was auch immer. Wir sind eine Band die LEIDER eigene Ideen hat. Was soll man da machen?
Gunnar: Bei anderen Bands ist das ganz normal und sogar gewollt, dass sie sich in irgendeiner Weise für Konzerte optisch aufbereiten. Nur bei uns ist es komischerweise ein Problem. Man wirft der Band dann gerne vor, dass sie sich in einem offensichtlich nicht der Norm entsprechenden ästhetischen Rahmen, bei öffentlichen Anlässen aufbrezelt. Da kommt dann der Style-Gauleiter und sagt: “Verboten!”

Und der hat wahrscheinlich einen Hives und einen Ramones-Button am Sakko.
Gunnar: Genau! Aber ob du nun mit weißen Anzügen, Löchern in der Hose oder im Bärenkostüm auf die Bühne gehst, ist doch völlig egal. Es geht in allen drei Fällen darum, den Umstand zu würdigen, dass man jetzt eine Bühne betritt. Ein Zeichen der Wertschätzung!
Mieze: Es war die Musik, die uns zusammengeführt hat, und nicht unser guter Frisurengeschmack!

Das Album wird die Erwartungshaltung eurer Hörer aufs Ärgste strapazieren. Da ist jetzt alles anders. Weniger Elektro, weniger Rock, eine andere Art zu texten, das “Zirkus-Konzept”.
Mieze: Das freut mich, dass du das so siehst. Das ist eine große Erleichterung! So wollten wir das ja.
Ingo: Veränderung war ja immer der rote Faden bei MIA..

Kommt die komische Bambolero-Coverversion aufs Album? Ist das ein Scherz? Oder zumindest der Versuch eines Scherzes?
Mieze: Das Stück ist mit auf der Single von “Tanz Der Moleküle”. Das Tolle an dem Song ist – eigentlich wie bei jedem Song, den man seit seiner Kindheit mitgrölt – keiner weiß worum es geht. Geht’s da um Kuchenbacken, Bäckerlehre oder worum?

Davon bin ich bis jetzt ausgegangen, dass es genau darum geht!
Mieze: Blödmann! Der Text ist: “Ich taumel’, ich schwanke und wanke. Das ist ein Leben – so will ich es eben!” Als ich dem erstmal auf den Grund gegangen war, dachte ich: “AH! (schreit) Das hat ja mal wieder einer so schlau formuliert.” Das mussten wir einfach machen.

Hat Bad Saalschlacht (Anm.: eine Indie-Rock-Party-Cover-Band, in der Gitarrist Andi und Schlagzeuger Gunnar spielen) Einfluss auf die Musik von MIA.?
Gunnar: Wir sind ein wenig ruhiger dadurch. Man könnte am Ende sogar so dreist sein zu glauben, wir wüssten, wie die Musik der Bands, deren Lieder wir bei Bad Saalschlacht spielen, funktioniert. Aber das ist natürlich ein Irrglaube.
Andi: Ich habe noch mal gelernt, wie wichtig das ist, was wir an MIA. haben. Ich meine das Kreative und das Künstlerische. Bei Bad Saalschlacht schlurft man einfach so auf die Bühne und rotzt das so runter. Einen Song, den ich selbst geschrieben habe, möchte ich aber nie so präsentieren. Den will ich inszenieren. Da habe ich ein Anliegen.

Auf einem Song bekennst du dich zum ersten Mal zum “kindisch” oder “wie ein Kind” sein. Deine Naivität wird dir aber immer gerne negativ angelastet.
Mieze: Das Kindliche ist absolut Bestandteil meines Charakters! Spielen, Abenteuer, raufklettern, runterfallen – das ist etwas Heiliges, das muss man sich bewahren.
Robert: So spontan und aus dem Bauch heraus wie die Mieze ist, davon würde ich mir gerne ein Stück abschneiden.
Gunnar: Die Mieze ist einfach unmittelbar. Die sagt Dinge, wo Robert und ich drei Tage überlegen würden, ob und wie man’s denn rausbringt. Das ist ein typisches Jungs-Ding, alles erstmal ewig lange zu kneten bis man es rauskullern lässt. Da liegt was auf der Rampe, das weg muss, keiner sagt was, und Mieze macht’s dann! Die Art von Mieze kann selten nerven, aber in den meisten Fällen räumt sie die spanischen Wände weg, die zwischen uns stehen. Ich bewundere das.

Mieze: Wir begegnen und mit Respekt, Liebe und dem Bewusstsein, dass wir zusammengehören. Nur so lässt es sich diskutieren und streiten. Und wenn ich dann wieder mal Wirbelwind bin, dann stehen die Jungs da und bremsen mich oder fangen mich auf. Das ist eine besondere Gruppe. Wir sind bald im zehnten Jahr. Die kennen mich so gut – ich kenne so gut – das sind Werte! Das ist was! Das kann uns niemand wegnehmen. N i e m a n d!

Auf Zirkus gibt es keine “blauen Flecken” mehr vom Sex.
Mieze: Da wird eben jetzt nicht mehr so gevögelt: “Tattaa! Jetzt geht’s los! Können mal alle gucken kommen!” Jetzt geht es um eine Qualität. Und Qualität hat nichts mit Geschwindigkeit oder Lautstärke zu tun.