Kommen wir zu den Fakten. 18 Monate nach Bandgründung kann das Trio aus Glasgow folgende Punkte auf ihrem vorläufigen Resümee vermerken: Ihr Debütalbum “Costello Music” ereichte Platz Zwei in den englischen Charts, erst kürzlich haben sie The Who beim BBC Electro Proms Event supportet, ihre beiden Gigs in Glasgow binnen sechs Minuten ausverkauft und ein Gerücht besagt, dass sie nach nur neun Auftritten einen Plattenvertrag bei Universal in der Tasche hatten. Ist der Glasgower Dreier wirklich so heiß wie die Fakten?

Heiß ist was anderes. Die drei Mitglieder Jon Fratelli, Barry Fratelli und Mince Fratelli sind drei Durchschnittstypen aus der Arbeiterstadt Glasgow, und mit den anderen Stadtkindern Franz Ferdinand haben sie so viel gemein wie Champagner mit Selters. Der etwas maulfaule Barry Fratelli sieht das ähnlich und lässt folgende Worte im feinsten schottischen Akzent über seine Lippen rollen: “Wir tragen nicht die gleichen Klamotten und haben pseudowitzige Haarschnitte.”
Der Hieb hat gesessen. Weitere Ausführungen sind nicht erwünscht. Wenden wir uns lieber der Musik zu. Neue Musik interessiert sie nicht. Das bringt das hochplatzierte Debüt des Trios deutlich auf den Punkt. Der leicht trottelig wirkende Drummer Mince versucht, es auf den Selbigen zu bringen: “Ich finde auch aktuelle Bands gut. Aber Jon, unser Sänger, mag keine neue Musik und schert sich nicht darum.” Da Jon Fratelli nicht nur der Sänger sondern auch der Songwriter der Band ist, liegt man mit musikalischen Vergleichen zu T-Rex, Slade oder auch Status Quo gar nicht so falsch.
Eine Portion gute Laune schießt einem entgegen, während Jon Fratelli, Barry Fratelli und Mince Fratelli im Siebzigerjahre-Gewand ihre Songs zelebrieren. Schlechte Laune scheint ein Schimpfwort zu sein. Dieses unbedarfte, lebensbejahende Ja-Rufen strahlt diese Platte aus, und auch wenn The Fratellis wie beispielsweise die mittlerweile uncoolen Slade klingen, tut das ihrer Musik keinen Abbruch. Vielmehr animiert sie zum Mitgrölen und ihre Single ‘Chelsea Dagger’ lädt förmlich dazu ein. Was die Glasgower Bevölkerung später am Abend dankend annimmt. Nach Millionen Litern von Bier sitzt die Zunge locker und The Fratellis lassen sich in ihrer Heimatstadt feiern.

Mit einem schiefen Lacher resümiert Drummer Mince (zu deutsch Hackfleisch) die letzten Monate circa fünf Stunden vor ihrem ausverkauften Gig im Barrowlands, dem größten Venue Glasgows: “Wir sind sehr glücklich. Ich habe noch nie soviel Champagner getrunken wie im letzten Jahr.” Wie sie sich kennen gelernt haben, wird gerne mit einem grauen Schleier bedeckt. Es wird gesagt, dass sie sich über eine Zeitungsannonce kennen gelernt haben und rund 18 Monate später hatten sie die englische Insel mit Songs wie ‘Henrietta’ oder auch ‘Chelsea Dagger’ fest im Griff. Mehr wird dazu aber nicht verraten, genau wie zum Bandnamen. Ähnlich wie bei den Ramones heißen alle hier alle Fratelli mit Nachnamen. Aber sind die drei wirklich miteinander verwandt? Oder haben sie sich nach den fiesen Fratellis aus dem ‘Goonies’-Film benannt? Klar ist, dass der Name gut klingt und dass der Bassist Barry so mit Nachnamen heißt. Mehr muss dazu nicht gesagt werden.
Und das mit den Gang-Gedanken ist für Bassist Barry ganz natürlich, wenn man in einer Band spielt: “Ja, ein bisschen ist es so bei uns. Aber das ist verständlich. Wenn du in einer Band bist, dann musst du zusammenhalten und ein starkes Gefüge sein.” Rein optisch treten sie aber nicht als homogenes Gefüge auf. Charmanter als Mince hätte es kein anderer ausdrücken können: “Nur Jon und ich haben Stil. Barry ist viel zu dick, um beispielsweise Röhrenjeans zu tragen. Jon trägt richtige Schuhe, ich nur Sneakers.” Mit seinen schlecht sitzenden Tattoos freut sich Mince abermals, aber das trägt nicht weiter zur Sache bei.
Der Erfolg gibt ihnen Recht. Zwar gibt es viele Mitmusiker, die The Fratellis aus Glasgow mit Argwohnen betrachten, aber ihre Musik trifft den Musikgeschmack der Engländer scheinbar recht gut. Viele ‘NaNaNaNas’ bringen einen dem Volk halt näher. Die Kaiser Chiefs aus Leeds haben uns das schon vor zwei Jahren bewiesen. Anno 2007 sind The Fratellis aus Glasgow dran, die ein schlichtweg gutes Debüt abgeliefert haben.

Text: Tanja Hellmig