An der Kasse tausche ich 10 Taler gegen einen merklich geübten Stempel-Druck auf meinen linken Unterarm, welcher mir als Einlass zu einem Scout Niblett-Abend dienlich sein würde.

Die Künstler seien gerade erst eingetroffen, wollten noch ein wenig alleine sein und gingen in Ruhe ihren Soundcheck an…
…erfahre ich, nachdem ich schüchtern die Tür klinke, hinter der ich eine schrammelnde Gitarre höre. Ich begebe mich auf eine angenehm-unweit entfernte Sitzmöglichkeit und höre den Bassisten der Devastations, wie ich später wieder erkenne, eine angenehme Gesangsprobe vollziehen. Und dann bricht auch eine mir bekannte weibliche Stimme hervor, die genauso unverkennbar klingt wie auf Tonband. Angehobene Vorfreude und so!

 

Vier Kolumnen aus einem kostenfreien Kinoblatt später, darf die wartende Menge, welche sich von ungefähr 10 Mann/Frau auf das Achtfache steigern konnte, ihre markierten Glied-
maßen entblößen, um Eintritt gewährt zu bekommen. Der ehemalige Kino-Saal füllt sich weiter an und die Devastations aus Australien beginnen zu spielen: Easy-Listening-Minimal-
Rock mit wildromantischer Soul-Attitüde, die gesondert sogar nennenswert rau explodiert. Aber ein Gütesiegel bekommt sie nur auf die Gepresste geklebt. Ja, das Trio gehört auf die Platte und wirkt nicht auf 60cm hohen Bühnen und, analogischer Weise, drüber.

Umbaupause…man unterhält sich…sieht sich die Location an und bemerkt beim zufälligen Aufschauen ein Fräulein auf der Bühne, die – um einen banalen Stereotypen zu bedienen –
in für Kunststudenten typischer Eigenart gekleidet, ein Glas Rotwein sicher auf ihren Amp platziert, bevor sie sich eines Mantels entledigt und die Gitarre anlegt. Mrs. Niblett möchte in das Mikrofon pusten und erschrickt kurz vor der Lautstärke. Und da ist es: dieses liebe, leicht spöttische Lachen, mit dem sie die Menge beköstigt. „Do You Want To Be Buried With My People“ leitet den Gig ohne Vorrede ein. Schon die erste Strophe tötet das Geflüster ab, das anfangs immer mal wieder anschwillt und schlussendlich nicht mehr existiert.

Any Questions or Requests?

…, fragt sie höflich herunter, schaut kurz ernst und lächelt dann über die Belustigten vor ihr, die sich flüchtig an eine Lehrer-Schüler-Situation ihrer Schulzeit erinnert fühlen. Sie bittet darum ihr doch die Weinflasche von Hinter-der-Bühne zu bringen und spielt weiter. Ganz allein auf der Bühne. Die Augenlider geschlossen. Einige tun es ihr gleich. Dann irgendwann: „Kiss! Kristian Goddard setzt sich ans Schlagzeug dazu. Bedächtig wie die Parts zuvor beginnend, bricht auf einmal die ungelenke Stütze aus dem Nacken und lässt uns kurz in eine unerwartet verzerrte Situation fallen, die wir mehr als nur gefügig hinnehmen. Sie hat die Augen zugekniffen und wird der Brennpunkt des Saals. Jetzt sind wir bei einem Rock-Konzert – Steve Albini scheint anwesend und ist stolz auf sein Mädchen. Ein junger Herr beginnt zu pogen…der Rest der nun Homogen-Erlegenen tut diese temporäre Verhaltensstörung glücklicherweise als unpassend ab und schwelgt weiter auf der Amplitude einer brachialen Emotionalität. Tobender Beifall stellt sich ein.
Dinosaur Egg“ spielt sie nun für Fans.
Nevada“ für ihre Jünger.