Alex Brown Church kehrt in seinen Songs sein Innerstes nach außen. Sein ehemaliges Soloprojekt Sea Wolf wird gleichzeitig zur Band. Ein Widerspruch? Keinesfalls.

Der Bestseller-Roman “Sea Wolf” von Jack London wirft offensichtlich lange Schatten bis in die Gegenwart. So ließ sich auch Alex Brown Church, Singer-Songwriter aus Los Angeles, bei der Wahl des Bandnamens für sein Projekt von besagtem Werk inspirieren. Auf mittlerweile drei Veröffentlichungen innerhalb von vier Jahren bringt es Church mit Sea Wolf bis heute, zuletzt erschien sein Album “White Water, White Bloom” hierzulande am 12. November diesen Jahres.

Vor ein paar Tagen bereiste Church erstmals Deutschland, um sein aktuelles Material vorzustellen. Dabei war er allerdings ohne Band unterwegs und und trat solo nur mit Akustikgitarre im Vorprogramm von Kashmir auf. Dass das Kraft seiner Songs funktionieren kann, bewies der Künstler im Dresdner Beatpol, wo wir ihn zum Gespräch baten. Trotz einer wetterbedingt achtstündigen Odyssee gab sich der sympathische Amerikaner auskunftsfreudig und gewährte einen ausführlichen Einblick hinter die Fassade seines Schaffens.

Sea Wolf – “Wicked Blood”

Sea Wolf begann eher als Solo-Projekt. Das 2007er Album “Leaves In The River” nahm Church mit einfachen Mitteln nahezu in Eigenregie auf. Über “White Water, White Bloom” sagt er heute jedoch: Ich wollte die Energie einer Liveshow mit Band irgendwie auf dem neuen Album festhalten. Ich bin mir nicht sicher. Aber wahrscheinlich werde ich das Line-Up, das mit mir jetzt auf “White Water, White Bloom” zusammen gespielt hat, beibehalten.” Die Arbeit mit einem festen Gefüge von Musikern hat der aktuellen Platte jedenfalls gut getan. Sea Wolf bieten auf “White Water, White Bloom” melancholisch-angehauchte Indierock-Songs, welche streckenweise an die Genregrößen Arcade Fire erinnern, oder sanftere Töne im Stile Badly Drawn Boys anschlagen. Dabei kommen gelegentlich auch unterstützende Streicherpassagen, sanfte Synthie-Klänge oder sogar ein Akkordeon zum Einsatz. Dennoch wirkt das Album zu keiner Zeit überladen und klingt sehr natürlich. Die Songs sind relativ einfach gehalten und tragen, trotz dem sie von einer Band eingespielt wurden, stets die deutliche Handschrift von Alex Brown Church.

Musikalisch lässt sich der Frontmann die Butter nicht vom Brot nehmen. Wenn es darum geht, Songs zu schreiben oder neues Material zu arrangieren, gibt es bei Sea Wolf allerdings kein festes Prinzip. Die meisten Songs entstehen eher spontan auf Basis bestimmter Eindrücke oder Erlebnisse. Dabei versucht Church immer, den Song als Ganzes zu sehen: Mein Fokus liegt eher auf dem Songwriting. Ich habe erst als Teenager angefangen, mich intensiver mit Musik zu beschäftigen. Deswegen bin ich vielleicht an meinem Instrument nicht so gut wie andere. Aber Technik war mir auch nie wirklich wichtig. Man sollte sich darauf konzentrieren, was man sein möchte. Wer ein Lead-Gitarrist werden will, muss eben viel Gitarre üben. Wenn du Songs schreiben willst, muss man einfach Songs schreiben.”

Alex Brown Church aka Sea Wolf live

Vor allem auf die textliche Seite seiner Musik legt Church besonderen Wert. Sea Wolf-Songtexte haben oft einen sehr persönlichen Bezug oder sind eng mit bestimmten Geschehnissen verknüpft, wie der Musiker erklärt: Die Nummer “Winter’s Heir” thematisiert beispielsweise das Gefühl, das ich hatte, als ein langer und harter Winter in Montreal den ersten Frühlingstagen gewichen war. Der Song symbolisiert somit eine Art Wiedergeburt. Beim Texten interessiert mich auch, wie Wörter sich anfühlen, nicht nur wenn man sie hört, sondern auch wenn man sie liest. Oftmals ist es aber weitaus schwieriger, einen guten Songtext zu verfassen, als die zugehörige Musik zu schreiben und zu arrangieren.”

Was die Zukunft angeht, schmiedet Church bereits intensiv Pläne. Zwar versichert er, dass er mit der aktuellen Platte nach wie vor sehr zufrieden sei, allerdings mache er sich jetzt schon viele Gedanken über den Nachfolger von “White Water, White Bloom”: Ich glaube, ich möchte die nächste Scheibe wieder etwas näher zu mir bringen. Für die aktuelle Platte hatten wir sehr wenig Zeit, so dass wir gezwungen waren, zu einem bestimmten Tag fertig zu werden. Beim nächsten Album möchte ich gern wieder mehr Kontrolle über alle Prozesse haben, um der Platte einen noch persönlicheren Klang zu geben.” An Kreativität und Antrieb scheint es Alex Brown Church also nicht zu mangeln. Er ist eben der Leitwolf.

Anton Kostudis