Die neue Virginia Jetzt! verblüfft, nach allem, was uns die Berliner Band bislang serviert hat. Keine Spur mehr vom vergnügten Landschulheim-Pop, dafür düstere Lyrics zu teils fies-schnellen Gitarren. “Land Unter” heißt das neue, dritte Werk und wird alle jene überraschen, die bislang glaubten, die vier Jungs um Sänger Nino musizieren nah am Kitsch. Schnee von gestern, wie Virginia Jetzt! im persönlichen Gespräch bekräftigen.

 

Euer neues Album verblüfft auf ganzer Linie. “Land Unter” wirkt mit seinen schroffen Gitarren und düsteren Texten fast wie ein Gegenentwurf zu euren älteren Werken…
Mathias: Ganz so würde ich es nicht beschreiben. Auch bei unserer letzten Platte “Anfänger” gab es viele melancholische Momente und teilweise auch schon härtere Songs verglichen mit unserem Debüt. “Anfänger” gab daher schon eine Vorahnung, wohin der Weg führen sollte.
Thomas: Ich finde auch, dass da eine Linie erkennbar ist. (überlegt) Für die meisten Songwriter ist das Thema “Liebe” sehr zentral. Auch wir machen da keine Ausnahme. Doch im Vergleich zu den Vorgängeralben, wollten wir diesmal einen Blick darüber hinaus werfen und Antworten auf die Frage finden: Was kommt danach? Ich meine, über Liebe an sich zu singen, bringt noch kein Erkenntnisgewinn. Aber zu hinterfragen, was ist denn der Grund für den Schmerz, den ich nach einem Verlust empfinde, und nach Gründen zu suchen, um die eigenen Fehler zu analysieren – das schon.

Apropos Fehler. Auf euren Rücken wurde in den beiden letzten Jahren eine Menge ausgetragen. Nicht zuletzt die Anschuldigungen, ihr hättet es euch mit dem Song “Liebeslieder” und Zeilen wie, “Was ich jeden Tag hier seh/Das ist mein Land, meine Menschen/Das ist die Welt, die ich versteh”, in der Pro-Deutschland-Ecke gemütlich gemacht!
Mathias: Teilweise waren die Reaktionen auf “Anfänger” nicht nur ärgerlich, sondern unfassbar unverschämt. Schließlich sind wir weit entfernt von Deutschtümelei, denn wie oft haben wir schon auf Antifa-Festivals gespielt?! (energisch) Da steckte ganz oft ein bösartiges Motiv dahinter. Da wollten sich Leute auf unsere Kosten profilieren.
Nino: Das Problem war eben, dass sich diese Typen, die so etwas in die Welt setzten, niemals mit uns über diese Dinge unterhalten haben. In keinem Interview zum “Anfänger”-Album wurde uns das direkt vorgeworfen.
Mathias: (unterbricht Nino) …das ist die typische Selbstzerfleischung der Linken. Schließlich schreibt niemand darüber, was auf dem letzten Konzert der Böhsen Onkelz ablief. Oder was gerade in Sachsen abgeht, seit die NPD dort im Landtag sitzt. Aber eine Band, die sich seit ihrer Gründung in linkspolitischen Projekten engagiert hat, kommt plötzlich in die Schusslinie.
Nino: Viele haben, als wir sie persönlich mit ihren Inhalten konfrontierten, zurückgerudert. Meinten, sie seien beim Schreiben halt eine andere Person oder alles sei nur Spaß gewesen. Also eigentlich finde ich das am Schlimmsten: Sollen sie doch ihre Meinung haben, aber nicht etwas kundtun, was schlussendlich nicht stimmt! Es hat ja auch eine nachhaltige Wirkung.

 

 


 

 

Es scheint mir, als sei die Zeit danach für euch als Band nicht die leichteste gewesen! Habt ihr euch ausgebrannt gefühlt?
Mathias: Ausgebrannt ist das falsche Wort. Eine Pause hatten wir halt einfach deswegen nötig, weil wir seit unserer Gründung vor sieben Jahren unentwegt getourt und aufgenommen hatten. Dann kann es eben passieren, dass man als Band Schwierigkeiten hat, wieder Anzufangen und in einen Prozess rein zu kommen. Deswegen waren die ersten zwei Monate im Proberaum auch der Horror. Mit einem schreienden Schlagzeuger, der seine Sticks durch die Gegend wirft und der Rest, der sich gegenseitig anmotzt.
Thomas: Es war für uns eine neue Situation, denn wir wissen ja, dass wir das können. Das liegt halt an dem extrem hohen Anspruch, den wir selbst an unsere Musik haben.
Mathias: Jeder von uns hatte sich mit den Jahren weiterentwickelt, und bei vier Bandmitgliedern muss man sich darauf einlassen können. Vier verschiedene Menschen mit vier verschiedenen Visionen mussten ihre Vorstellungen auf einen Punkt bringen.


Herausgekommen ist “Land Unter”, ein Album, das ihr vor vier Jahren in dieser Form wohl kaum veröffentlicht hättet! 

Thomas: In erster Linie war es ein innerer Antrieb, etwas total Tolles machen zu wollen, der zu den Songs von “Land Unter” führte.
Mathias: Wir haben eingesehen, dass wir Künstler sind!
Thomas: Wir sind jetzt eben viel gesetzter und routinierter geworden als noch vor drei, vier Jahren. Das hat nichts mit unserem Alter zu tun, sondern eher mit der Zeit, die wir seit Bandbeginn miteinander verbracht haben. Nach der Euphorie unseres Debüts “Wer Hat Angst Vor Virginia Jetzt?” bemerkten wir schnell, dass nicht alles Eitelsonnenschein ist, was da um uns abläuft. Diese Erkenntnis hat uns sehr reifen lassen und deswegen ist “Land Unter” auch nicht eine weitere Sonnenplatte geworden, sondern unser erstes Regenalbum.

Ohne das Prinzip Hoffnung?

Mathias: Im Grunde schon. Darauf hatten wir es abgesehen. Das, worum es geht – um all den Schmerz und die Auseinandersetzungen – wäre mit dem Funken Hoffnung nur relativiert worden. Dadurch hätte “Land Unter” wahnsinnig an Bedeutung verloren.
Nino: Das war auch wirklich schwer für uns. Stell dir vor, du hattest am Abend eine schöne Party, stehst dann am nächsten Morgen im Studio und sollst plötzlich von traurigen Sachen singen.

Urteilt man nach dem Ergebnis, scheint dieses Umdenken gut geklappt zu haben. Umdenken heißt es auch für die Menschen, die bislang der Meinung waren, Virginia Jetzt! seien nur was für Pärchen, die sich gerne im Gras wälzen und vom leichten Sommerregen erfrischt werden. “Land Unter” zeigt eine neue Seite der vier Berliner Jungs und hört man sie darüber reden, bekommt man das Gefühl: Hier hat sich eine Band endlich gefunden und weiß, wie sie ihre Qualitäten am besten nutzen kann.

Marcus Willfroth

 

Virginia Jetzt! zu Hause