“Du musst dich erst verlieren, um dich selbst zu finden.” Was klingt wie der zentrale Leitsatz eines Wochenend-Workshops für vom Alltag gelangweilte Selbsterfahrungs-Freaks, könnte auch der Untertitel zu Mudvaynes neuem Album ‘Lost And Found’ sein. Doch dazu später mehr.

Es ist eher ein schlechtes Zeichen, wenn Interviewpartner nach dem Begrüßungs-Shakehand zunächst ausgiebig gähnen, und entsprechend müde schauen Chad Gray, Sänger bei Mudvayne, und Gitarrist Greg Tribett aus der Wäsche. Toll. Ich mache mich also schon mal auf ein etwas schleppendes Gespräch gefasst. Doch Amerikaner sind ja immer etwas mehr darauf bedacht, Interviews für Journalisten ergiebig zu gestalten. Und so ist Gray nach ein paar Small Talk-Sätzen zum Warmlaufen durchaus in Stimmung, über sich und seine Band zu sprechen. Und über das neue Album. Tribett, ein introvertierter, etwas mopsiger Gitarrenfreak, kann somit meist friedvoll dösen.
Mit dem vierten Album will die Band aus Illinois sich endlich den `Nu-Metal Inside`-Sticker von der Haut rubbeln. Ein radikaler Stilwechsel ist dabei aber keinesfalls das gewählte Mittel der vier Amerikaner. Lapidar als die “logische Weiterführung des letzten Albums” bezeichnet Gray ‘Lost And Found’, auf dem die Band sehr ähnliche musikalische Ziele wie zuvor verfolgt. Und doch mit größerer Versiertheit an die Arbeit ging: Man findet ausgefeiltere Gesangs-Melodien (Gray: “Ich hatte mehr Spaß am Singen…”), gleichzeitig noch brutaler wirkendes Geschrei (“aber ich bin auch ein großer Fan davon…”) und immer wieder zu Gunsten leichterer Zugänglichkeit vereinfachte Songs. Und das von einer Band, deren Markenzeichen immer höchst komplexe Technik-Spielereien waren. Zu Songs mit 7/8-Takten tanzt es sich eben auch in Metal-Clubs eher schlecht. Und so wurde die extreme Verkopftheit (die der Musik des Quartetts ja auch die Bezeichnung `Math-Metal` einbrachte) weiter zurückgefahren – Vorsprung ja, aber bitte weniger durch Technik!

Weniger ist auch mehr in Sachen der optischen Umsetzung. Mudvayne, die mit ihrem bizarr anmutenden Bühnen-Make-Up immer wieder für den ein oder anderen wohlkalkulierten Schock-Effekt gut waren, stellen jetzt nur noch die Musik in den Vordergrund und verzichten komplett auf eine Bemalung. “Ab einem gewissen Punkt schien es so, als erwartete man von uns, Make-Up zu tragen. Das war frustrierend”, sagt Gray. “Wir haben das immer als künstlerischen Aspekt gesehen, um ein anderes visuelles Element in unsere Live-Performance mit hinein zu bringen. Und dann wurde mehr darauf geachtet, wie wir aussahen, als wie wir spielten.” Mutig ist der Zug allemal. Man denke nur an Kiss und die allgemeine Enttäuschung, als die plötzlich auf die Unterstützung ihrer Visagisten verzichteten.

Was hat Chad denn nun verloren und gefunden? “Mich!”, antwortet der Mann auf den Albumtitel angesprochen. “Ich habe mittlerweile gelernt, die inneren Wogen zu glätten. Als ich 17 war, war ich ein Maniac. Alles, worum ich mich gekümmert habe, war ficken, saufen und die Sau rauszulassen. Mit den Jahren bemerkst du, dass der Sturm in dir sich langsam legt.” Ich frage mich, wie alt der Typ, der da in Tarnhose vor mir sitzt, wohl sein mag. Mit seinem schon etwas verknitterten Gesicht schätzt man ihn auf jenseits der 30. “Ich habe mittlerweile Freude am Älterwerden und ich bin froh darüber, mehr Lebenserfahrung zu haben. Man sagt immer, man wird `älter und weiser`. Und so fühle ich mich auch. Und wenn ich zurückblicke, dann muss ich sagen, dass ich mich in gewisser Weise jetzt wieder gefunden habe.”

Text: Martin Erfurt