Auf “Imperfect Harmonies” treffen sich Electro und Orchester: Serj Tankian spricht im motor.de-Interview über sein neues Album, Fans und Familie.

Serj Tankian, den Meisten bekannt als der charismatische Sänger von System Of A Down, ist ein künstlerisches Allroundtalent. Am 17. September erscheint sein zweites Soloalbum “Imperfect Harmonies”. In den USA rief er hierzu einen Wettbewerb um die beste Covergestaltung aus und bald soll auch noch ein weiterer Gedichtband von ihm veröffentlicht werden. Scheint also alles glatt zu laufen? motor.de hat den Sänger vor seinem Konzert in Hamburg getroffen und mit ihm über “Imperfect Harmonies”, die Erfordernisse des Musikbusiness und über die Beziehung zu seinem Vater gesprochen.

motor.de: Wie würdest du “Imperfect Harmonies” kurz und bündig beschreiben?

Serj: Hm…”perfect harmonies” im Tod oder auch “imperfect harmonies” im Leben. Manchmal muss man Wörter einfach umdrehen, um sie zu verstehen. Für mich bezieht sich der Titel auf unsere Beziehung zur Natur oder zu anderen Menschen; außerhalb der Musik kann er für sehr vieles stehen.

motor.de: Dein neues Album bewegt sich zwischen Elektro, Rock und Orchester. Welche Distanz siehst du zwischen diesen Elementen?

Serj: Die größte Distanz liegt zwischen Electro und Orchester. Electro ist so monoton, während das Orchester organisch ist und dich bewegt. Ich musste also überlegen, wie ich zwischen beidem eine Brücke bauen konnte. Wir haben das gesamte Orchester gesampelt, um ihm einen modernen Sound zu geben und dann wurden alle Beats mit echten Drums zusätzlich eingespielt. So haben wir beiden Elementen mehr Leben verleihen können: Das Monotone wurde “humanisiert” und das Organische “elektrifiziert”. Und neben Rock gibt es auch noch ein paar coole Jazz-Soli, von denen ich besonders die Trompeten mag.

motor.de: In den USA gab es einen Contest für das Album-Artwork. Wie waren die Reaktionen?

Serj: Ich finde es wichtig, die Leute dazu anzuregen, selbst kreativ zu sein. Alles, was inspirierend ist, finde ich spannend: Ein Gespräch, ein Buch oder einfach eine gute Idee. Beim ersten Album haben verschiedene Regisseure all diese coolen Videos für mich gemacht. Das wollten wir hier wiederholen. Leider habe ich aber noch gar keine Entwürfe gesehen.

Serj Tankian – “Empty Walls”

motor.de: Es scheint eine allgemeine Tendenz zu sein, die Fans durch solche Aktionen mehr teilnehmen zu lassen.

Serj: Es gibt mittlerweile auch viel mehr Möglichkeiten, das zu tun und zum einen, willst du, dass deine Fans mit dir in Verbindung bleiben. Zum anderen macht es für das Business einfach Sinn, schließlich könnte man auch alles einfach runterladen, also muss man eine Bindung aufbauen. Die einzigen Menschen, die nichts illegal runterladen, sind wahrscheinlich Christen, weil Gott nicht will, dass sie es tun (lacht).

motor.de: Wann hörst du also auf, Musiker zu sein und wirst zum Marketingfachmann?

Serj: Das kommt ganz auf die Zeitzone drauf an (lacht). Jetzt, wo ich hier in Europa bin, ist mein Büro in Amerika gerade geschlossen, also kann ich mich auf die Musik konzentrieren. Aber ab 2 Uhr nachts bekomme ich Anrufe und Emails. Das ist fürchterlich, denn das Letzte was du vor dem Schlafengehen tun willst, ist viel über deine Arbeit nachzudenken.

motor.de: Arbeitest du denn selbst noch für dein eigenes Label?

Serj: Ursprünglich schon. Wir haben über die Jahre ein paar echt gute Sachen rausgebracht. Momentan sind mein Team und ich aber mit meinen eigenen Projekten beschäftigt, mit dem Album-Release und der Tour. Nächstes Jahr kommt außerdem ein zweiter Gedichtband von mir raus und ich schreibe gerade an einer Symphonie. Hinzu kommt, dass die Industrie selbst nicht mehr viel in neue Künstler investiert. Die wollen lieber Kram wie Hannah Montana unter Vertrag nehmen und nichts riskieren. Das macht das Ganze noch schwieriger für ein kleines Label.

motor.de: Dein Vater hat ein Album mit armenischen Songs veröffentlicht. Er hat wahrscheinlich nie zu dir gesagt, dass du dir einen anständigen Job suchen sollst?

Serj: Das Komische ist ja, dass ich einen anständigen Job hatte. Ich hatte eine Software-Firma früher, bis ich mich entschied, Musik zu machen. Mein Vater sagte zu mir: “Sohn, mein Leben lang wollte ich Musik machen, doch ich konnte nicht davon leben. Vergiss deine Firma und mach lieber Musik!”. Das hat mir das nötige Selbstvertrauen gegeben. Als wir dann vor einiger Zeit am Frühstückstisch saßen, sagte meine Mutter zu meinem Vater: “Khatchadour, willst du nicht ein Album aufnehmen?”. Ich meine, ich habe ein Studio, Plattenfirma und Vertrieb und ich kann es produzieren. Es war also quasi logisch, diesen Schritt zu tun.

Claudia Jogschies

“Imperfect Harmonies”

VÖ: 17. September 2010

Label: Warner

Trackliste:

01. Disowned Inc.
02. Borders Are…
03. Deserving?
04. Beatus
05. Reconstructive Demonstrations
06. Electron
07. Gate 21
08. Yes, It’s Genocide
09. Peace Be Revenged
10. Left of Center
11. Wings of Summer