Bei den Arbeiten zum vierten Album standen Garbage gleich mehrmals vor dem totalen Aus. Dass es wirklich noch einmal ein Lebenszeichen des in den Neunzigerjahren mit Songs wie “Only Happy When It Rains” zum Multi-Platin-Act aufgestiegenen Quartetts geben würde, hielt zwischenzeitlich nicht nur Sängerin Shirley Manson für “unvorstellbar, ja beinahe absurd”.

Doch nach diversen gruppentherapeutischen Sitzungen haben Steve Marker, Butch Vig, Duke Erikson, und Manson sich nun tatsächlich wieder lieb und mit “Bleed Like Me” ihr bislang rockigstes Album auf die Spur gebracht. Während die Kollegen zu Hause für die anstehende Tournee probten, sprachen wir mit einer am Ende eines langen Interviewtages überaus gutgelaunten Shirley Manson über die reinigende Kraft lautstarker Auseinandersetzungen, persönliche Unsicherheiten und die Frage, warum sie und Butch Vig als einzige Garbage-Mitglieder bislang kinderlos sind – und dies wohl auch bleiben werden.

Shirley Manson, dein Vater ist Professor, deine Mutter war Sängerin. Was hast du von wem gelernt?
Ich würde sagen, die Liebe zum Gesang habe ich von meiner Mutter. Sie war zwar keine professionelle Sängerin, hat aber in Musicals mitgewirkt und auch zu Hause permanent gesungen. Bereits meine frühkindlichsten Erinnerungen sind durch ihre Stimme geprägt. Immer, wenn ich nach Hause kam und sie singen hörte, fühlte ich mich geborgen. Und ich war fasziniert von allem, was mit Theater und Performance zu tun hatte. Mein Vater ist ein wahnsinniger Buch-Freak. Von ihm haben ich und auch meine Schwestern unser Gefühl für Sprache und eine sehr ausgeprägte Leseleidenschaft.

Hast du ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern und deinen zwei Schwestern?
Ja, wie verstehen uns gut.

Ich habe hier ein Zitat von dir gefunden, wo du auf die Frage, welche Art von Songs dir zu schreiben am leichtesten fällt, sagst: “Ich fühle mich nicht befähigt, überhaupt irgend etwas zu schreiben.” Derartige, von Selbstzweifeln geprägte Aussagen ziehen sich wie ein roter Faden durch deine Biografie. Du hast eben, als du von deinen Verwandten gesprochen hast, sehr viel Liebe in deiner Stimme gehabt. Woher also kommt dieser offensichtlich tiefsitzende Stachel der Selbstablehnung, trotz deiner, zumindest in den ersten Jahren, glücklichen Kindheit?
Ich weiß nicht, ob man das überhaupt mit meiner Geschichte erklären kann. Ich glaube mittlerweile, dass ist einfach meine Disposition. Es liegt in meiner Natur, ständig an mir zu zweifeln, ich war schon immer ein Creep. Wenn überhaupt, dann liegt es vielleicht daran: Von Kindheit an müssen rothaarige Menschen Diskriminierungen erleiden, man lässt uns vom ersten Tag an spüren, dass wir anders und unattraktiv sind. Und das hinterlässt dann auch im Erwachsenenleben seine Spuren. Allerdings sehe ich das nicht nur negativ, denn alles ständig zu hinterfragen kann ja auch ein wichtiger Antrieb sein. Im kreativen Prozess motivieren mich meine Zweifel so lange an einer Sache zu arbeiten bis das Optimum erreicht ist. Auch wenn das oft ein sehr schmerzhafter Prozess ist.

Spürst du denn selber, wann es soweit ist, oder vertraust du auf das Urteil anderer?
Niemals, ich weiß instinktiv, wann etwas fertig ist.

Was die von dir eben angesprochene Diskriminierung wegen deiner roten Haare anbetrifft, so kann ich mir das bei dir gar nicht so richtig vorstellen. Ich meine, du bist eine schöne Frau…
Vermeintliche äußere Schönheit hat nichts damit zu tun, wie man sich im Inneren fühlt.

Hat dir denn die Musik geholfen, deinen Geist zu befreien?
Mein Geist war immer frei, diese Probleme finden nicht auf intellektueller Ebene statt. Die Musik hat mir aber definitiv geholfen, Frieden zu finden. Als ich bei Garbage eingestiegen bin, hatte ich erstmals in meinem Leben das Gefühl, angekommen und nicht mehr auf der Suche zu sein.

Und wenn du auf der Bühne stehst, hast du dann Lampenfieber, oder bereitet dir deine Unsicherheit in diesem Umfeld keine Probleme?
(Setzt abgeklärtes Pokerface auf und zwinkert dann mit dem Auge:) Kein Lampenfieber, keine Angst. Nein, ich bin ein bisschen nervös bevor wir auf die Bühne gehen, besonders, wenn wir lange nicht gespielt haben. Aber grundsätzlich ist Livespielen etwas, worauf ich mich sehr freue.

Rückblickend kommt es mir vor, dass ihr mit “Beautiful Garbage” versucht habt etwas zu sein, was ihr nicht seid. Für meinen Geschmack habt ihr es damals mit der Elektronik und Dance-Orientierung übertrieben – das Album wirkte überproduziert und seelenlos. Seht ihr das mittlerweile ähnlich?
Grundsätzlich stimme ich dir zu. Wir haben “Beautiful Garbage” ein bisschen zu sehr als Experimentierfeld missbraucht und sind dabei übers Ziel hinausgeschossen. Für mich persönlich hat das Album aber eine andere Bedeutung, da ich es als meinen persönlichen Durchbruch als Sängerin und Schreiberin betrachte. Ich habe damals, wie ich finde, einen Riesensprung gemacht, und deshalb wird diese Zeit immer in besonderer Erinnerung bleiben. Auch wenn ich dir grundsätzlich zustimme. Wir haben aber alle aus diesem Fehlschlag gelernt.

Was deine persönliche Entwicklung als Sängerin anbelangt, fand ich eher den James-Bond-Titelsong “The World Is Not Enough” nennenswert. Da hast du wirklich eine beeindruckende Leistung hingelegt.
Das war eine unglaubliche Erfahrung, aber auch ein ziemlicher Kraftakt. Diese Bond-Soundtrack-Geschichte folgt einer ganz eigenen Mechanik und es gibt dort auch gewisse Vorgaben, die man erfüllen muss. Es wird erwartet, dass sich das Ganze innerhalb eines gewissen stilistischen Rahmens bewegt.

Während der Produktion des neuen Albums “Bleed Like Me”  kam es für euch besonders dicke. Ihr wart heillos zerstritten, euer Schlagzeuger, der ehemalige Nirvana-Produzent Butch Vig hatte eine mysteriöse Krankheit, die es ihm für einige Zeit unmöglich machte, Schlagzeug zu spielen, und durch einen Unfall wurde außerdem sein Studio beschädigt. Was ist es für ein Gefühl, nach all diesen Problemen nun endlich über ein fertiges Produkt sprechen zu können?
Das fühlt sich fantastisch an! Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wirklich alles fertig ist. Weißt du, ich war zwischendurch mehrmals an dem Punkt, wo ich mir nicht mehr hätte vorstellen können, dass wir überhaupt jemals wieder zusammen spielen. Der Gedanke, tatsächlich noch mal gemeinsam eine Platte aufzunehmen, schien völlig unrealistisch und beinahe absurd. Dass es jetzt auch noch ein Album geworden ist, auf das wir alle sehr stolz sind, erscheint mit beinahe wie ein Wunder.

Würdest du sagen, dass ihr zwischenzeitlich als Band nicht mehr existiert habt?
Ja, absolut. Und nicht nur ich, wir alle hatten die Schnauze voll voneinander. Es gab keine gemeinsame Vision mehr, nichts. Wir schienen am Ende der Reise angekommen zu sein.

Was hat euch trotzdem weitermachen lassen?
Wir haben in vielen endlosen Gesprächen herausgefunden, dass die Probleme vor allem durch Kommunikationsschwierigkeiten zustande gekommen sind und uns nicht so sehr die musikalischen Ansichten voneinander trennen. Das dachten wir nämlich zuerst.

Und wie ist es jetzt?
Okay, wir verstehen uns gut.

Auch wenn du jetzt hier alle Interviews alleine gibst?
Es ist nicht mehr viel Zeit bis zur Tour und die anderen müssen proben und unseren neuen Bassisten einspielen. Also haben wir entschieden, die anstehende Arbeit zu teilen.

Was ja auch für das Vertrauen der anderen in deine Person spricht. Besagter Bassist ist wohl Eric Avery von Janes Addiction, richtig?
Ja, das stimmt. Erik ist großartig. Wir trafen ihn und hatten direkt einen Draht zueinander. Danach wollten wir ihn unbedingt haben. Mit ihm zu proben war nicht nötig, da wir einfach wussten, dass er zu uns passte.

Hast du während der vorübergehenden Trennung jemals darüber nachgedacht ein Solo-Album zu machen, wie es deine Freundin Gwen Stefani getan hat?
Ja, ich habe darüber nachgedacht. Dann aber stellte ich fest, dass ich immer noch sehr gerne bei Garbage bin, das ist meine Crew. Und ich wollte es nicht so enden lassen da ich fand, dass wir uns selber noch etwas zu beweisen hatten.

Einen kleinen Alleingang gab es aber schon. Du hast etwas mit Marilyn Manson aufgenommen und bist auf dem neuen Album der Queens Of The Stone Age zu hören.
Man hört mich kaum, ich bin nur auf einem Song ganz leise im Hintergrund. Aber es war toll, dabei gewesen zu sein. Die Queens sind tolle Menschen und Musiker und das neue Album ist sehr intensiv.

Was hast du außerdem in der “Garbage-losen” Zeit getan?
Eine Menge uninteressantes Zeug (lacht). Ich war sehr viel im Kino, fast jeden Tag, und bin ein nahezu obsessiver Basketball-Fan geworden. Ich habe es genossen, ganz normale Dinge zu tun.

Wo hast du denn während dieser Phase gewohnt?
Zu dieser Zeit war ich die meiste Zeit in Schottland, L.A. und im mittleren Westen der USA. Wo immer ich auch bin: Die Musik hält mich am Leben und gibt mir ein Zuhause.

Ein Zuhause, welches zwischenzeitlich bedroht war. Du hast massive Probleme mit deiner Stimme gehabt. Was war da los?
Ich hatte eine Fistel auf den Stimmbändern und das musste operiert werden. Keiner konnte mir sagen, woher das kommt. Sie wollten meine Technik dafür verantwortlich machen, aber die ist okay. Wahrscheinlich Abnutzungserscheinungen – ich singe schließlich schon verdammt lange.

Hast du denn nie Unterricht gehabt?
Nein, das habe ich nie gebraucht. Aber jetzt muss ich. Es ist furchtbar, ich muss eine Menge verrückten Scheiß da machen (streut spontan eine kleine Gesangsübung ein). Ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll, was die da überhaupt von mir wollen.

Hast du denn jetzt beim Singen das selbe Gefühl wie früher?
Ja, das geht wieder. Aber es war eine schreckliche, sehr traumatische Zeit für mich. (singt:) “But everything is fine now!”

Der Musik scheint der ganze Horror jedenfalls gutgetan zu haben. So frisch und rockig habt ihr schon lange nicht mehr geklungen. Die Gitarren klingen, als seien sie live aufgenommen – unterm Strich eine absolute Band-Platte.
Ja, es hat mich zwar Jahre meines Lebens gekostet, aber du hast Recht. Es war gut für die Musik, es war gut für uns und essentiell für unser Fortbestehen als Band. Dieser heilsame Knall, der hätte eigentlich schon beim letzten Album kommen müssen. Als wir “Beautiful Garbage” aufnahmen, sind die Dinge zwischen uns sehr schlecht gelaufen. Aber keiner hatte die Eier etwas zu unternehmen. Und jetzt haben wir gesagt: Fuck This Shit! Entweder wir schaffen es, gemeinsam etwas wirklich Echtes auf die Beine zu stellen, oder wir haben es nicht verdient, uns noch als Band zu bezeichnen.

Und das hört man in jeder Note, mit jedem Wort. Ich habe mich nur gewundert, warum ihr “Why Do You Love Me” als erste Single ausgesucht habt. Ich finde, dieser Song spricht am wenigsten für den wütenden kämpferischen Charakter des Albums. “Run Baby Run” oder “Bad Boyfriend” hätten meiner Ansicht nach besser gepasst.
Wir haben über all diese Songs, die du genannt hast, gesprochen und am Ende ist “Why Do You Love Me” rausgekommen. Ich weiß auch nicht warum, “Run Baby Run” z. B. ist sicher viel kommerzieller. Es ist schon eine etwas seltsame Entscheidung, aber irgendwie hat es sich richtig angefühlt. Ich kann dir auch nicht erklären warum.

Singles sind ja sowieso immer unwichtiger. In den Texten geht es einmal mehr viel um Liebesfreud und vor allem: -leid. Für mich klingen deine Lyrics wie ein ständiger Schrei nach Liebe. Hast du manchmal das Gefühl, dass du in Beziehungen mehr gibst, als du kriegst?
Mich wundert, dass du das sagst. Die meisten Leute empfinden die Texte diesmal vor allem als politisch.

Das gilt für “Metal Heart” und einige andere. Aber es gibt eben auch wieder Songs wie “Bleed Like Me”, wo du zweifelnd fragst: “Hey baby, can you bleed like me?” Daher meine Frage, ob du denkst in Beziehungen mehr zu geben als dein Partner…
In “Bleed Like Me” geht es eigentlich gar nicht so sehr um mich. Es ist eher ein universales Manifest der Menschlichkeit. Es geht darum, dass wir alle gleich sind, ungeachtet unserer Herkunft und Religion. Kein Mensch ist mehr oder weniger wert als ich. Sie alle bluten, leiden, scheißen und essen genauso wie ich. Das ist etwas, worauf ich immer versuche zu beachten, wenn ich mit anderen Menschen umgehe. Und hoffentlich tun das die anderen auch, wenn sie mit mir zu tun haben. Ich denke, dass die meisten Konflikte, die wir haben, aus der Nichtbeachtung dieser eigentlich simplen Tatsachen resultieren. 

Das von dir bereits angesprochene “Metal Heart” wird konkreter. Hier beschäftigst du dich mit der Situation im Irak.
Ich schrieb diesen Text aus der Perspektive eines dort stationierten Soldaten, der bereit ist, sein Leben für die Prinzipien anderer Leute zu opfern, und dann feststellt, dass von diesen Leute keiner am Ort des Geschehens ist und das alles, wofür er kämpft, nur auf Lügen aufgebaut ist. Es geht um diesen Momment der Erkenntnis, das muss schlimm sein.

“Bad Boyfriend” mit Dave Grohl ist ein unglaublich kraftvoller Auftakt für das Album, wie kam es zu dieser Zusammenarbeit!
Wir sind so glücklich damit. Er ist ein Biest, der reine Wahnsinn und ein unglaublich inspirierender Mensch. Butch Vig hatte ihn gefragt und Dave meinte, wenn es einen Menschen auf der Welt gäbe, dem er einen Gefallen schuldet, dann sei das Butch. Wir haben dann lange darüber nachgedacht, welchen Song wir dafür nehmen. Es sollte der unserer Meinung nach beste sein. Ich meine, du kannst nicht Dave Grohl einladen und ihn auf einer durchschnittlichen Nummer spielen lassen. Es war toll mit ihm zu arbeiten.

Du und Butch, ihr seid mittlerweile die einzigen in der Band ohne Kinder…
Butch und ich hassen Kinder, wir fressen sie (lacht). Ernsthaft: Nichts in mir lässt mich den Wunsch nach Kindern verspüren.

Text: Torsten Groß