Sei’s drum. Der Name bietet die Vorlage und wir gehen ungeniert drauf ein. Warum auch nicht?! Shitdisco ist einer der bescheuersten Bandnamen des noch immer recht jungen Jahres und lachend muss Joe Reeves im Interview gestehen, dass sie anno 2006 schon einen Preis dafür erhalten haben. Einen Preis, der die – wie sollte es anders sein – bescheuertsten Bandnamen ehrt. Aber besser einen bescheuerten Bandnamen haben, als bescheuerte Musik machen. Musikalisch kann man der Chaostruppe aus dem Norden Englands so schnell nichts vormachen.
Beziehungsweise – in punkto Liveperformance kann keine andere Band Shitdisco derzeit etwas vormachen. Ihre Liveauftritte sind roh und ungefiltert. Die Bandmitglieder anarchistisch. Das Indie-Publikum epileptisch. Und der raue Sound lechzt nach Tanzexzessen. Die Meute folgt dem Ruf. Und Shitdisco sind dankbar und drehen die Regler bis zum Anschlag auf.
Denn das Tanzen und das Party machen steht bei den Vieren auf Platz eins. Danach kommt lange nichts. Und dann hat man vielleicht mal Zeit, ins Studio zu gehen, um dieses Livemonster auf formgerechte Silberteilchen zu pressen. Nennt man sie faule Säue, dann müssen sie lachen: “Ja, wir sind ein wenig faul. ‘I Know Kung Fu’ haben wir bei Darren im Schlafzimmer aufgenommen. Und so hat sich die EP auch angehört. 2006 sind wir das ganze Jahr getourt, haben die NME Tour gespielt und nur einen einzigen Song veröffentlicht. Und das war schon schwer genug für uns, da wir lieber live spielen wollten. Wir haben in Thailand, in Deutschland und auf allen möglichen Parties gespielt. Vielleicht sind wir ein bisschen zu viel getourt. Aber wir haben das letzte Jahr sehr genossen. Platten zu veröffentlichen, war nicht unser primäres Ziel. Was wohl auch jeder gemerkt hat.”

Nun ist das Chaos gebannt. Und zwar auf ‘Kingdom Of Fear’. Einem Königreich voll Indie-Gewirr, Disko-Grobmotorik und Elektronik-Wirrwarr, das den perfekten Soundtrack für all die New-Rave-Kinder da draußen liefert. Seit sie im letzten Jahr im Rahmen der NME Tour mit den Klaxons, Datarock und Simian Mobile Disco getourt sind, ist die Band nicht mehr zu bremsen. Sinnbefreit, dafür aber im Uptempo gehalten, haben sie die Kids bei der NME Tour begeistert und sich selbst beäumelt: “Das faszinierende an der NME Tour war, dass das Publikum sehr jung war. Und genau die ganz jungen taten so, als ob sie auf Drogen wären. Dabei sind sie nicht einmal alt genug gewesen, um sich selbst ein Bier zu kaufen. Solang sie aber wirklich Spaß haben bei der ganzen Sache, dann können sie sich auch wie jemand benehmen, der gerade MDMA genommen hat.”
Das muss schon eine komische Erfahrung für eine Band sein, die zuvor im Westend von Glasgow Parties in der Wohnung ihres Drummers gegeben hat. Wo wir bei der Geschichte rund um Shitdisco gelandet wären.

Kennen gelernt haben die vier sich während des Studiums an der Art School in Glasgow. Man gründet eine Band, zieht sich in das Schlafzimmer des Drummers Darrens zurück und “die Nachbarn fühlten sich damals schon gestört durch uns, da nur merkwürdige Geräusche aus der Wohnung kamen. Nach einer Weile haben wir dann angefangen, Parties zu schmeißen. DJs haben aufgelegt, wir haben ein bisschen auf unseren Instrumenten gespielt und dann wollten immer andere spielen, die wir vertrieben haben. So haben wir als Band begonnen.”
Das Haus in der West Princes Street 61 avanciert zur Geheimadresse. Bis zu 400 Leute zelebrieren hier Dance, Punk und Disco. Dem Landlord von Darren stinkt’s irgendwann gewaltig und er setzt den haarigen Drummer samt Partymeute auf die Straße. Eine neue Unterkunft ist schnell gefunden. Darren lebt fortan in einem frisch ersteigerten Bus, mit dem man fortan durch die Gegend fährt und die Häuser der Fans beschallt: “Wenn jemand einen leer stehenden Raum bzw. genug Raum hat, so dass wir unser Equipment unterbringen können, dann spielen wir gerne bei dem in der Wohnung. Ihr müsst uns nur ‘ne Mail über MySpace schicken.”
Wenn das kein Angebot ist. Obwohl Joe Reeves zugeben muss, dass das in der Regel nur noch selten stattfindet. Von irgendetwas muss man ja auch leben. Am Anfang war ihnen kein Ort zu schade, um bespielt zu werden. Die Kanalisation von Glasgow, eine Liftfabrik in der gleichen Stadt oder der Raststreifen neben der Autobahn – einfach alles wird beschallt und dem Chaos ausgesetzt: “Zuvor hatten wir zwar viele Gigs gespielt, aber wir bewegten uns nur in einer bestimmten Szene. Wir haben in einer Liftfabrik gespielt, in einem Schlachthaus und bei Freunden zu Hause. All diese wirren Sachen halt. Mit solchen Gigs machst du aber kein Geld. Damals war das okay für uns. Aber irgendwann muss man anfangen, für ein größeres Publikum zu spielen, wenn du davon leben möchtest.”
Ob Shitdisco ähnlich erfolgreich wie die Klaxons sein werden, ist fraglich. Dafür sind ihre Songs nicht radiokompatibel genug und ihre Gemüter zu ungestüm. Aber gerade das macht das Chaosquartett aus. Die schönste Anekdote rund um den Aufnahmeprozesses ist wohl jene, die den Unfall des Drummers Darren behandelt. Darren Cullen war beim Tanzen vom Dach ihres Tourbuses gefallen und konnte seine beiden Schlagknüppel nicht mehr gescheit bewegen. So heuerten Shitdisco Kieron Pepper – der Live-Drummer von The Prodigy – an, der ‘Fear Of The Future’ und ‘Dream Of Infinity’ für die vier Chaoten einspielte. Perfekt! Ein Volltreffer meint Joe Reeves. Früher hätte er doch immer vor dem Fernseher gestanden und zu The Prodigy getanzt. Wenn das nichts ist! Heute tanzen wir zu Shitdisco. Denn wenn N-Trance auf The KLF trifft, Kool & The Gang noch an der Ecke aufgegriffen und auf die Rückbank mit Wire oder XTC verfrachtet werden, dann wollen wir nur noch tanzen und keine Leuchtdioden schwenken.

Text: Tanja Hellmig

www.shitdisco.co.uk