“Ein echter Künstler hört nicht auf, wie kann man sich denn von der Kunst zurückziehen?” – motor.de traf Dave Lombardo zum Gespräch in Berlin.

Im nächsten Jahr feiert die Thrash-Metal-Band Slayer ihr 30-jähriges Bestehen. Auf der Haben-Seite stehen elf Alben, zwei Live-Platten und unzählige Konzerte auf der ganzen Welt. Ganz klar: Slayer gehören zu den Metal-Giganten. Dies bestätigte sich erst kürzlich wieder als die Kalifornier, zusammen mit Megadeth, Metallica und Anthrax auf die große „Big Four“-Tour gingen. In diesem Jahr werden Slayer nur noch ein Konzert in Deutschland geben. Wer die Metal-Helden verpasst hat, sollte sich also dringend Karten für das Wacken 2010 besorgen, die Live-Performance des Quartetts ist jeden Cent wert. Wir trafen Dave Lombardo vor dem Solo-Gig der Band in der Berliner Columbiahalle. Dort fragten wir einen der besten Schlagzeuger der Welt darüber aus, wie es ist, vor Metallica-Fans zu spielen, was er heute über die früheren Alben denkt und ob Geld das Rock’n’Roll-Feeling beeinflusst:

motor.de: Ihr seid ja in den letzten Wochen und Monaten viel getourt, vor allem weil gerade Festival-Saison ist. Da die “Big Four”-Shows so eine große Sache waren: Was war es denn für ein Gefühl für Dich und Slayer als Ganzes dabei mitzumachen?

Dave: Mann, für mich war das echt eine Menge Spaß. Es hat sich wirklich gut angefühlt mit den anderen Jungs aus der Band. Wir kommen alle großartig miteinander aus und ich sehe da eigentlich nur positive Dinge.

motor.de: Konntest Du denn vorhersehen das so etwas wie die “Big Four” passieren würden? Das wäre doch vor 10 Jahren gar nicht möglich gewesen, oder?

Dave: Vielleicht wäre es nicht möglich gewesen. Es gibt für alles die richtige Zeit. Es ist einfach dazu gekommen dass alles genau gepasst hat. Vielleicht war es damals einfach nicht die richtige Zeit – aber jetzt war sie es!

motor.de: Was war denn Slayers Motivation bei den “Big Four” mitzumachen? Wolltet Ihr Slayer in genau diesem Zusammenhang promoten?

Dave: Naja, man nimmt ja jede einzelne Situation wahr! Vor allem wenn man vor Metallica-Fans spielt, will man es denen ja zeigen. Es gibt eine Menge Metallica-Fans die Slayer noch nie gesehen, sondern nur von uns gehört haben. Die lieben Metallica, gehen dorthin um ihre Band zu sehen und sagen sich: “Wow, lass uns mal Slayer reinziehen.” Also ja, es motiviert uns, weil wir uns vor einem ganz neuen Publikum präsentieren können.

Slayer – “World Painted Blood”

motor.de: Also waren keine negativen Gefühle von Metallica-Fans zu spüren?

Dave: Oh nein nein, wir wurden von den Metallicafans wirklich sehr freundlich empfangen, sie waren aber nicht wie Slayer-Fans, was ja auch nicht unbedingt schlecht ist.

motor.de: Da Du ja schon eine ganze Weile mit Slayer tourst und die Band auch mal für 10 Jahre verlassen hast: Wie war das Touren in den späten 80ern/frühen 90ern im Vergleich zu heute? Das war ja damals ein Grund für Dich aufzuhören, da Du stärker Familienmensch sein wolltest.

Dave: Haben die Dinge sich verändert? Nein. Eigentlich ist alles beim Alten. Du fährst von Show zu Show, bist in einem Tourbus, dann in einem Hotel. Also da hat sich nicht viel verändert im Vergleich zu damals. Abgesehen davon das ich jetzt geschieden bin – das Familien-Problem habe ich also nicht mehr.

motor.de: Ist es denn ein Unterschied jetzt, wo Slayer so eine Art große Firma ist, die wirklich Geld verdient? Damals, während der Reign in Pain-Tour, habt Ihr damit ja eigentlich kein Profit gemacht…

Dave: Naja, aber das ist altes Zeug, das ist damals passiert. Die Dinge sind heute ganz anders.

motor.de: Beeinträchtigt das denn das Rock’n’Roll-Gefühl des Ganzen?

Dave: Nein! Ganz und gar nicht. Es hilft eigentlich nur, denn jetzt haben wir genug Geld für Rock’n’Roll! (lacht).

motor.de: Zur Zeit spielen eine Menge Metalbands sehr viel live. Definitiv mehr als in den späten 90ern und frühen 2000ern. Denkst Du, dass das damit zu tun haben könnte, dass so viele Leute die Musik kostenlos herunterladen und die Plattenverkäufe deshalb rückläufig sind? Hat das denn das Livegeschäft verändert?

Dave: Ich habe das Gefühl, dass es das getan hat. Denk dran, zumindestens in Amerika gab es mal Bands wie Milli Vanilli, die Millionen von Platten verkauft haben, aber keine Musiker waren. Ich glaube, dass das Internet die Betrügereien hat verschwinden lassen. Denn jetzt ist der einzige Weg Geld zu machen – besser gesagt mehr Geld zu machen – das Touren. Dafür musst du dein Instrument kennen. Du musst deine Musik live spielen oder es wird nichts verkauft.

Slayer – “South Of Heaven”

motor.de: Da Slayer in den letzten acht Jahren mit Dir einen Weg gefunden haben, sich musikalisch auszudrücken und eure letzten beiden Alben auch ziemlich erfolgreich waren – wie sieht es denn mit der Zukunft für Slayer aus, vor allem jetzt wo Tom seine Nacken-OP hatte?

Dave: Naja, wir spielen immer noch! Ich kann da nur für mich sprechen, ich weiß nicht, wie die anderen Jungs darüber denken. Aber ich werde weiterhin spielen bis… Ich meine, ich bin ein Künstler, ich schaffe immer weiter Kunst. Ein echter Künstler hört nicht auf, wie kann man sich denn von der Kunst zurückziehen? Das ist für mich völlig unmöglich, man wächst einfach stetig.
Ja, na klar werde ich älter, du wirst älter, wir alle werden älter. Du lebst einfach mit den Veränderungen und wenn man die Veränderungen annimmt, wird man keine Probleme haben weiterzumachen, wie ich das ja auch tue. Als ich 15 Jahre alt war, haben meine Eltern mir gesagt: “Damit wirst du niemals Geld verdienen, das wird dir niemals ein Leben ermöglichen!” Als ich 21 war und “Reign in Blood” aufgenommen habe, haben sie mir gesagt: “Was wirst du machen wenn du 30 bist?” Als ich dann 30 war, habe ich mehr Alben aufgenommen und ich war auf Tour. “Was wirst du machen wenn du 40 bist?” Ich bin jetzt 45 und ich mache es immer noch! Wird sich das jemals ändern? Nein, denn ein echter Künstler wird einfach alleine weiterarbeiten.

motor.de: Ist das etwas, dass sich für Dich sehr gut anfühlt? Ist es denn befriedigend zu sehen, dass man es geschafft hat, trotz der Menschen um einen herum die erst skeptisch waren?

Dave: Ja, es ist sehr befriedigend, es fühlt sich wirklich gut an! Es waren ja nicht die Leute in der Musikindustrie, denn die Leute in der Musikindustrie haben immer gemocht, was man gerade gemacht hat. Weißt du – ich habe einfach immer weitergemacht, auch in den 10 Jahren, in denen ich nicht bei Slayer war. Und ich glaube, dass wenn ich das nicht gemacht hätte, hätten Slayer mich auch nicht mehr zurückhaben wollen.

motor.de: Fehlt Dir denn eigentlich die Möglichkeit an anderen Projekten mitzuwirken, jetzt wo Slayer so eine große Sache ist?

Dave: Ja, schon. Es gibt ein paar Dinge, die ich einfach nicht mehr machen kann, weil ich einfach sehr beschäftigt bin. Du weißt schon, Zeitmangel und der Terminplan, solche Dinge eben. Aber ich versuche das Beste daraus zu machen.

Fantomas – Mike Patton vs. Dave Lombardo

motor.de: Die anderen Jungs, wie zum Beispiel Jeff sagen ja: “Wenn ich jemals eine Gitarre für eine andere Band anfasse, habe ich das Gefühl dass es etwas von Slayer wegnimmt...”

Dave: Nein, nein ich habe ja auch gerade eine andere Band namens Film mit der ich arbeite und ich habe mit Fantômas gearbeitet. Ich habe auch gerade erst was zusammen mit Apocalyptica gemacht, daran glaube ich also wirklich nicht. Ich denke eher, dass man dadurch ein besserer Musiker wird.

motor.de: Ich nehme an, dass Ihr mit eurem aktuellen Album bewußt auf eure Alben aus den späten 80ern und frühen 90ern Bezug nehmt, wie zum Beispiel “Seasons in the Abyss oder South of Heaven”, da der Sound ja so ziemlich ohne all die technischen Spielereien auskommt die man bei “God Hates Us All” noch hören konnte…

Dave: …ja, auf jeden Fall. Diese Band, speziell die Drums, braucht einfach nicht viel music-editing. Natürlich wird es teilweise eingebaut, weil es Spaß macht, die Technologie heutzutage zu nutzen, aber man will es ja nicht überstrapazieren. Wir könnten ein düsengetriebenes Raketenauto bauen, aber wieso?

motor.de: Es ist also für Dich eine neue Art Slayer anzugehen, eben durch das Fokussieren auf das Wesentliche.

Dave: Genau! Ja, das ist genau das was unser Produzent, Greg Fidelman gemacht hat. Er war bei den Proben dabei und mein Drumset, Kerry, Jeff und Tom, wir waren alle in einem kleinen Raum wie diesem hier und probten. Er war also in der Lage die Band in ihrer Rohversion zu hören. Das ist glaube ich was Slayer ausmacht.

motor.de: Und was hältst Du mitlerweile von “Christ Illusion”?

Dave: Damit bin ich nicht ganz so zufrieden.

motor.de: Woran liegt das?

Dave: Weil es zu sehr bearbeitet ist. Es wurde der Computer zu stark eingesetzt und alles soweit hingebogen, bis es nicht mehr natürlich klang. Bei dem neuen Album kann man wirklich hören, dass es echt ist.

Slayer – “Eyes Of The Insane”

motor.de: Denkst Du denn Slayer werden musikalisch die neue Linie weiterfahren?

Dave: Ich hoffe es zumindest. Ich weiß nicht, ob wir es nochmal so machen werden mit nur fünf Songs ins Studio zu gehen, das vielleicht nicht. Aber wir werden auf jeden Fall wieder mit Greg Fidelman als Produzenten zusammenarbeiten.

motor.de: Seht Ihr euch denn eigentlich selbst als eine Art Giganten der Szene?

Dave: Du meinst wie die Rolling Stones des Metal?

motor.de: Ja, so in der Art…

Dave: Es fühlt sich schon irgendwie so an. Aber ich nehme das nicht so ernst oder denke so darüber, ich versuche einfach nur mein Bestes zu geben.

Interview: Stefan Ecke

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