Kaum hatten sie den Tanzbodenfüller ‘Banquet’ abgeliefert, laut NME “die beste Platte 2005” produziert und obendrein noch einen Song für die Werbung von der Telekom freigegeben, stürzen Bloc Party alles um und servieren uns mit ihrem neuen Album ‘A Weekend In The City’ einen harten Brocken. Einen Brocken mit Kanten und Ecken, der mal euphorisch, mal manisch, mal orchestral und ganz selten ohne Chorgesang auskommt – und deshalb erst nach mehrmaligem Hören funktioniert.

Die mittlerweile alten New-Wave-Bands der letzten Jahre werden erwachsen und warten derzeit mit Album Nummer Zwei auf. Den Anfang haben The Killers schon im letzten Jahr gemacht und sich im Meat Loaf-/Queen-Kostüm mit Schnauzer präsentiert. Nun folgen Bloc Party und die Kaiser Chiefs fast simultan, und die Unterschiede sind gravierend. Während die Kaiser Chiefs sich wohl langsam und allmählich von ihrem “NaNaNa”-Gesang verabschieden, ihrer Linie aber treu bleiben, servieren Bloc Party dem Hörer eine Ladung schwere Kost.


Die erste Single ‘The Prayer‘ aus dem neuen Album beginnt relativ profan. “Lord, give me grace and dancing feet and the power to impress’. Das ist Schonkost im wahrsten Sinne des Wortes. Lyrisch und stilistisch werden im Anschluss aber noch ganz andere Geschütze aufgefahren. Auf ‘A Weekend In The City werden Themen angesprochen, die manch andere Indie-Band im Traume nicht anrühren würde.

Bestes Beispiel hierfür ist ‘Hunting For Witches’, das den 7. Juli 2005 behandelt. Jenen Tag, als in London die Bomben hochgingen. Oder ‘Where Is Home?’, ein Lied über Rassismus und über den Tod von Keles Cousin Christopher Alaneme: “Inhaltlich gesehen sind viele der Stücke sehr kopflastig”, erklärt Kele. “An manchen Stücken habe ich Monate gesessen, bevor ich mit den Texten zufrieden war. Bei ‘The Prayer’ war das anders. Der erste Satz kam zu mir und hat mich nicht mehr losgelassen. Der Song hat sich wie von Geisterhand geschrieben, was mir gut getan hat.”
Mit seinem Debüt ‘Silent Alarm’ kann Kele Okereke kaum noch etwas anfangen. Überrascht schaut er drein, wenn man noch Worte des Lobes für ihr Debüt übrig hat: “Ich hätte zum jetzigen Zeitpunkt vieles anders gemacht. Vieles gefällt mir nicht mehr und komplett durchhören kann ich das Album gar nicht mehr.” Kele hat sich weiterentwickelt und Indie-Musik langweilt ihn dieser Tage noch mehr als schon vor zwei Jahren.

Schon da distanzierte sich Kele von Bands wie New Order und Joy Division: “DJ Shadow hat mich dazu gebracht, auf den Rhythmus in der Musik zu achten. Er schafft es, eine unglaubliche Atmosphäre mit seiner Musik zu kreieren. Björk ist eine Künstlerin, die mitunter die interessanteste elektronische Musik macht. Bands wie Joy Division oder New Order interessieren mich nicht. Was nicht bedeuten soll, dass sie nicht gute Musik machen. Sie sind halt bloß nicht interessant für mich.” Geändert hat sich daran nichts. Dieser Tage ist er der Macher und die anderen Mitglieder Russell Lissack (Gitarre), Gordon Moakes (Bass) und Matt Tong (Schlagzeug) weit entfernt vom normalen Indie-Sound – und die drei Gefolgen kommen der Vision ihres Sängers und gereiften Frontmanns nach.

“Wir haben versucht, Keles Vision vom Album umzusetzen und durch viele Gespräche herauskristallisiert, wohin er mit dieser Platte möchte”, gibt Matt Tong im Laufe des Gesprächs zu Protokoll. Kele selbst unterstreicht noch einmal, warum er sich heutzutage eher für R’n’B-Produktionen von Künstlerinnen wie Amerie interessiert: “Wenn man nur einen Basslinie, eine Gitarrenlinie, ein Drumkit und Gesang hat, ist man minimiert. Man sollte sich auch nicht diesem klassischen Gefüge unterwerfen. Nehmen wir zum Beispiel ‘Purple Rain’ von Prince. Das ist ein sehr beeindruckender Song, der komplette ohne Bass auskommt. Ich brauchte ziemlich lange, um das festzustellen. Es ist wichtig, Songs zu schaffen, die anders klingen. Es ist egal, wie du das erreichst und was du dazu benutzen musst.”

Bloc Party benutzen dieser Tage doppellagige Soundteppiche, setzen den Chorgesang als Background-Fassade ein und brauchen manchmal bis zu zwei Minuten Ruhe, um in die alte Gangart des Gehetzten zurückzufallen und um Druck aufzubauen. Als Beispiel sei hier ‘Uniform’ angeführt. Am Anfang wirkt das befremdlich, aber all das funktioniert. Hilfestellungen haben sie dabei von Garret ‘Jacknife’ Lee erhalten, der jüngst für Produktionen von U2 oder auch Snow Patrol verantwortlich war und weiß, was Bombast- bzw. Stadien-Rock ausmacht: “Er hat sich in den letzten Jahren mit der gleichen Musik beschäftigt wie wir. Mit Pop-Musik, auch mit klassischer und elektronischer Musik. Er wusste, welche Sounds die Musik mehr vorantreiben würden, um uns unserem Ziel näher zu bringen.”

Dem Ziel, eine durchdachte treibende, mit Finesse gespickte Produktion auf Band zu bringen, die bestens mit Stille und Stärke auskommt und dabei immer noch eigensinnig und fordernd ist.

Text: Tanja Hellmig


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