Der Sommer nähert sich ja leider allmählich dem Ende – nicht nur, was das Wetter angeht, sondern auch in Sachen Kino. All die großen Blockbuster, die ein amerikanischer Kollege neulich so schön als „Spiders of the Shrekabbiean“ zusammenfasste, sind längst durch, und mit den „Simpsons“ und den „Transformers“ sind auch die letzten heiß erwarteten Großereignisse mittlerweile angelaufen. Langsam ist also wieder Platz für kleinere Filme, die ohne großen Hype daherkommen.

Oder auch für „Evan Allmächtig“, aber auf den hat eigentlich niemand wirklich gewartet, und das ist auch gut so. Es handelt sich dabei um eine Quasi-Fortsetzung von „Bruce Allmächtig“, aber weil weder Jim Carrey noch Jennifer Aniston wieder mit dabei sind, hielt sich die Vorfreude in überschaubaren Grenzen. Nichts gegen Hauptdarsteller Steve Carrell, der ja wirklich ein brillanter Komiker ist. Aber die Geschichte ist einfach zu doof. Gott (wie immer sehr weise und besonnen: Morgan Freeman) beauftragt den Ex-Nachrichtensprecher und Neu-Politiker, eine Arche zu bauen. Dadurch wird man nämlich zu einem besseren Menschen und auch noch was für das traute Zusammensein von Männlein und Weiblein sowie der gesamten Familie. Und eine Flut wird wohl auch noch kommen. Putzige Tiere, rauschende Noah-Bärte und zwei, drei alberne Gags sind aber leider nicht genug, um die schlimm penetrante und schwer reaktionäre Botschaft von Religion und strikt heterosexuellen Wertvorstellungen auch nur annähernd zu überdecken. Statt herzlichem Lachen ist also nur Haareraufen und Ärgern über so viel Konservatismus angesagt.

Passend zum Thema Arche und den animalischen Pärchen kommen übrigens auch die anderen Filme der Woche immer im Doppelpack daher. So gibt es beispielsweise gleich zwei, an denen sich vermutlich die Geister scheiden werden, weil sie definitiv nicht jedermanns Geschmack sind. „Angel“ von François Ozon ist selbst für diesen so vielseitigen französischen Regisseur ein sehr ungewöhnlicher Film. Inspiriert von Hollywood-Melodramen der 30er und 40er hat er seinen Kostümfilm über eine Trivilschriftstellerin pompös und kitschig angelegt. Doch wer sich nicht die Mühe macht, den film- und kunstsinnigen Kontext wahrzunehmen, dürfte schnell genervt sein von der weltfremden Protagonistin und angestrengt von der über zweistündigen Dauer.

Das passende Gegenstück kommt aus Deutschland und heißt passenderweise gleich auch „Reine Geschmacksache“. Für manche ist das vermutlich ein recht belangloses, albernes Klamaukstück über einen Modevertreter in der Provinz, der sich in Windeseile nicht nur mit seinem neuen Kollegen/Konkurrenten anlegt, sondern genauso flott auch noch Ehefrau und Sohn verprellt sowie das gesamte Geld durchbringt. Ganz zu schweigen von der Konfrontation mit einer nervigen Pensionschefin und ihrer Schrotflinte. Aber man kann sich auch freuen über wirklich viele amüsante Gags, tolle Schauspielerleistungen von Edgar Selge, Roman Knzika oder Franziska Walser sowie eine wunderbar unaufgeregte Coming-Out-Geschichte.

Ebenfalls gleich zwei Mal kommen diese Woche Musikdokumentation zu Ehren. In Hand verlesenen Kinos (zumindest in Berlin) gibt es den bereits zwei Jahre alten Konzertfilm „Glastonbury“ von Julien Temple zu sehen, der sich – natürlich – dem ältesten Festival der Welt in der englischen Provinz widmet und mit Auftritten von David Bowie, Nick Cave, Primal Scream, Morrissey oder Cypress Hill aufwartet. Und „The Dixie Chicks: Shut Up and Sing“ begleitet die gleichnamige Country-Girl-Truppe, die es sich mit halb Amerika verscherzte, als sie sich live für Herrn George W. Bush schämten. Durchaus aufschlussreich, weil nicht nur über den Skandal und seine mitunter krassen Folgen berichtet wird, sondern auch Einblicke in den Alltag der Band und des Musikbusiness im Allgemeinen gewährt werden. Am Ende hat man dann sogar Gefallen an der Musik des Trios gefunden.

Das letzte Filmduo der Woche schließlich bietet exotisches Weltkino. Der iranische Regisseur Bahman Ghobadi inszeniert in „Half Moon“ ein Roadmovie über kurdische Musiker, halb tragisch, halb komisch. Neben tollen Bildern spielen wieder Laiendarsteller die Hauptrollen, nur den dokumentarischen Ansatz früherer Filme sucht man dieses Mal fast vergeblich. Auch „Zehn Kanus, 150 Speere und drei Frauen“ ist reine Fiktion. Und der erste Spielfilm, der komplett mit Aborigine-Schauspielern und in deren Sprache gedreht wurde. Originell, mutig und höchst humorvoll.

Es gibt also auch jenseits der Sommersaison genug Entdeckungen zu machen auf unseren Leinwänden. Wenn demnächst wieder dicke Gewitterwolken aufziehen, kann man deswegen getrost vom Biergarten ins Kino wechseln. Und wer dann doch lieber großes Hollywoodkino sieht, kann sich noch auf „Das Bourne Ultimatum“ freuen. Aber bis Matt Damon wieder über die Leinwand jagt, ist es September – und da kann man dann schon getrost vom Herbst sprechen.

Text: Patrick Heidmann