Musik sei für sie Ausdruck ihrer Persönlichkeit, betont Speech Debelle und schickt ihrem Mercury Prize-veredelten Debüt ein Album namens “Freedom Of Speech” hinterher. Warum sie trotzdem mit sich hadert, erklärt Debelle im motor.de-Interview.

(Fotos: Phil Sharp)

Als 2009 der Name Speech Debelle durch die Presse ging, geschah dies nicht ohne Grund: Die bis dato unbekannte Newcomerin schnappte mit ihrem Debüt “Speech Therapy” unter anderem den Jungs von Kasabian beim Mercury Prize den Award für das beste Album des Jahres vor der Nase weg. Am meisten überraschte die Auszeichnung aber die britische Senkrechtstarterin selbst: “Als mein Name aus dem Mund der Laudatoren rutsche, dachte ich zuerst: Die haben sich versprochen!”, lächelt die 28-Jährige heute und wem die Bedeutung des Preises nicht ganz klar ist, der darf sich als Relation einfach vorstellen, ein Fußballer aus der dritten Liga bekäme über Nacht einen Vertrag als Stammspieler beim FC Bayern München. Was in erster Linie heißt: Mit der neuen Situation zurechtzukommen und nicht zu verzweifeln, selbst wenn das Medienecho und der damit einhergehende Druck von jetzt auf gleich surreale Züge annimmt.

Debelle, die beim Deutschlandbesuch für die Interviews zum neuen Album “Freedom Of Speech” ausgelassen wirkt, hat mit den vielen Begleiterscheinungen umgehen gelernt und steht der Presse inzwischen gerne zur Verfügung: “Im Zuge von Interviews prüfst du deine eigenen Songs sehr genau und auf jede Frage eine Antwort zu finden, ist schwerer als man glaubt”. Atempausen kenne sie derweil keine und spricht hochkonzentriert über den eigenen Werdegang, der bereits im Alter von neun Jahren und ersten Rap-Versuchen über die eigene Familie begann. Talentshows folgten, mit der Volljährigkeit kleinere Gigs und bei all der Arbeit ging es ihr stets um den “Ausdruck tiefer Gefühle”, fügt sie dem biographischen Abriss hinzu. Was einst in London seinen Anfang nahm, wird nun international mit dem zweiten Werk “Freedom Of Speech” fortgesetzt. motor.de im Gespräch mit einer Künstlerin, deren Karriere zur Herausforderung wurde.

motor.de: Die Frage muss gestattet sein, auch wenn sie dir bereits mehrfach gestellt wurde: Wie hast du die Zeit nach dem “Mercury Prize” empfunden?

Speech Debelle: Das würde ich selbst gerne wissen (lacht). Von dem Moment an, wo du als Gewinner feststehst, geht es Schlag auf Schlag: In der darauffolgenden Nacht gab ich allein fünf Stunden Interviews und wenn Schlaf nichts von Bedeutung für mich wäre, hätte das die nächsten Wochen so weitergehen können – Großbritannien hat eine üppige Medienwelt und jeder will mit dir sprechen.

motor.de: Kam mit dem Gewinn auch ein Gefühl der Marke: “Jetzt hab ich es allen gezeigt!” Der berühmte Mittelfinger ins Gesicht derer, die nicht daran geglaubt haben?

Speech Debelle: Es gab kaum Zweifler in meinem Umfeld. Meine Familie unterstütze mich und auch die engsten Freude attestierten mir Talent – als ich allerdings nach meinem Debüt auf Tour ging und erstmals größere Clubs bespielte, kam schon der Gedanke: Jetzt hast du die Leute im Sack, die wollen deine Musik hören und ich werde sie ihnen geben. Als Motivationsschub würde ich den Preis am ehesten bezeichnen.

motor.de: Angefangen hast du relativ früh mit dem Sprechgesang – von Talentshows ist in eigenen Artikeln zu lesen. Wie darf man sich das vorstellen, so X-Factor mäßig?

Speech Debelle: (schaut entgeistert) Da liegt wohl ein Übermittelungsproblem vor, niemals hätte ich bei solch einem Format mitgemacht – was sollten die mit einer Rapperin anfangen? Ich kann zumindest kein Stimmchen wie Kelly Clarkson aufweisen und ihre Songs ebenso wenig nachsingen.

motor.de: Wovon ist dann also die Rede?

Speech Debelle: Von Battles, Rhyme-Battles und lokalen TV-Formaten. Dort rannte ich regelmäßig hin und wollte mich gegen die männliche Konkurrenz beweisen – klappte meist ganz gut, weil ich viele Kumpels hatte und genau wusste: Wenn die Jungs bessere Skills aufweisen, dann hau ich denen einfach ein paar Klischees um die Ohren, die sie nicht kontern können. Stell dir das wie bei Eminems “8 Mile” vor, nur nicht so amerikanisch (lächelt).

Speech Debelle – “Studio Backpack Rap”

motor.de: Lass uns über die Gegenwart sprechen – im vergangenen Jahr fanden zahlreiche Proteste in England statt und obwohl diese zwiespältig wahrgenommen wurden, hast du einen Track für die Demonstranten geschrieben.

Speech Debelle: Wofür ich stark kritisiert wurde, weil der Song entstand, bevor ein paar Idioten die Situation ausnutzen und randalierten. Der Grundgedanke, dass man seinem Unmut Gehör verschafft, gefällt mir, obwohl ich ein friedliebender Mensch bin. Man muss die Hilflosigkeit weiter Bevölkerungsteile verstehen: Kaum Ausbildungsmöglichkeiten, ein schwächelndes Gesundheitssystem und die harten Sparmaßnahmen der Regierung – irgendwann kocht das über.

motor.de: Auf deinem neuen Album “Freedom Of Speech” hast du inhaltlich auch diesen Mix aus politischen und sehr persönlichen Statements anzubieten.

Speech Debelle: Ich versuchte mich für das zweite Album anfangs ein wenig festzulegen, weil das Debüt schon in beide Richtungen ging. Leider funktionierte das nicht und einem Song über meinen Ex-Freund folgt nun ein recht gesellschaftskritischer Track.

motor.de: Gutes Stichwort – basiert der Beitrag “X Marks The Spot” auf eigene Erfahrungen und hat dein Ex ihn schon gehört?

Speech Debelle: (leicht gequält) Ich würde dem Typen keinen Nobelpreis verleihen. Gehört hat er ihn noch nicht, aber wenn die Platte erst mal in den Medien auftaucht, wird sich das ändern – ich empfand es als wichtig und bekomme auch oft Mails, in denen sich die Leute für meine direkten Lyrics bedanken.

motor.de: Gibt es hingegen Themen, die du nie anpacken würdest?

Speech Debelle: Wahrscheinlich Party-Songs. Selbst wenn viele meiner Vorbilder das ganz gut beherrschen, ist mir noch keiner gelungen.

motor.de: Erstaunlicher Weise erreichst du trotz HipHop/Rap-Background Leute, die sonst nichts mit solcher Musik anfangen können – woran liegt das?

Speech Debelle: Ich habe keine Scheuklappen. Wenn du mich fragst, was in den vergangenen Monaten auf meinem iPod lief, würde ich dir unter anderem Talking Heads antworten. Deren Songs sind ebenfalls sehr vielschichtig, bedienen sich bei diversen Stilen und das macht den Reiz aus – “Freedom Of Speech” funktioniert ähnlich.

Speech Debelle – “I’m With It”

motor.de: Die inzwischen gern benutzte Elektronisierung gibt es bei dir allerdings kaum zu hören.

Speech Debelle: Dem muss ich widersprechen und irgendwie auch zustimmen – es kommen relativ viele Samples vor, aber eben nie in der Art, dass meine Musik dem Elektro zuzuordnen wäre. Ich bin eher traditioneller eingestellt was das angeht.

motor.de: Deiner Vorliebe im Titel das Wort “Speech” unterzubringen, bist du erneut gefolgt. Wird das jetzt zum Markenzeichen von Speech Debelle?

Speech Debelle: Ich versuche es auch bei der nächsten Platte zu schaffen, aber dann ist Schluss damit, weil es irgendwann albern wirkt. Für mich darf bei Album Nummer Vier zumindest etwas Neues kommen.

motor.de: Würdest du abschließend sagen, dass du dich zuerst in das geschriebene Wort und dann in die Musik verliebt hast?

Speech Debelle: (überlegt kurz) Letztens fand ich ein Gedicht über meinen Vater, dass ich im Alter von neun oder zehn Jahren schrieb – damals konnte ich es leider musikalisch nicht untermalen, weil mir die Technik fehlte. Insofern galt meine Liebe dem Texten definitiv vor der Musik. Vielleicht ganz gut so, mit dem Mercury Prize klappte es ja immerhin (lacht).

Marcus Willfroth

Das neue Album “Freedom Of Speech” erscheint am 10. Februar via Big Dada Records (motor.de berichtete).