Auch wenn man es ihrer Musik nicht anhört: Stephanie Dosen ist eine Rebellin. Schon als kleines Mädchen verkroch sie sich lieber auf dem Dachboden des elterlichen Hauses in Wisconsin anstatt beim Ernten der Pfauenfedern zu helfen, mit denen sich die Familie ein kleines Zubrot verdiente. Oben unterm staubigen Dach schrieb Stephanie auf einer alten Gitarre Lieder, die außer ihren Lieblingshaustieren (einem Schwan und einem Fuchs) niemand zu hören bekam. Auf Stephanies neuer Platte, „A Lily For The Spectre“ kann man das alles hören – den halbdunklen Dachboden, das seltsame Miauen der Pfauen, die Schwäne auf dem nächtlichen See.

Normalerweise geht eine solche Geschichte mit der ersten Band weiter und hört beim aktuellen Album auf. Doch Stephanie Dosen, wie gesagt, ist eine Rebellin. „Ich fand es zu offensichtlich, eine Band zu gründen und auf meiner Gitarre Folk-Songs zu singen“, sagt sie heute und muss über sich selbst lachen, „ich wollte nicht so berechenbar sein.“ Also begann Stephanie stattdessen ein Studium der klassischen Musik und wurde an der South West Missouri State University zur staatlich geprüften Chorleiterin und Gesangslehrerin. Jedenfalls fast. „Ich war von Anfang an wie ein Fisch an Land“, erinnert sie sich, „und ich stand außerdem immer auf der falschen Seite: Wenn die Schüler Quatsch machen wollten, habe ich gesagt, ‘Ok! Lasst uns Quatsch machen!’, und das war’s dann mit der Stunde.“ Und so ließ Stephanie das Unterrichten just in dem Moment sein, als die akademische Ausbildung fast fertig war. “Ich habe einfach diesen Reflex, es mir und den Menschen nicht ganz so einfach machen zu wollen“, erklärt sie, “das wäre zu eindeutig. Und eindeutig ist langweilig.” Also muss man sich nicht wundern, wenn Stephanie in süßem Kleidchen, Ringelstrumpfhose und Blumen im Haar auf die Bühne kommt, um zunächst mal einen dreckigen Witz zu reißen. „Ich kann das alles einfach nicht so ernst nehmen. Schon gar nicht mich selbst.”

Der Musik von Stephanie Dosen hört man das jedoch nicht an. Nach dem 2002 in Eigenregie erschienenen Debüt “Ghosts, Mice and Vagabonds” ist nun „A Lily For The Spectre“ da – eine großartig verwunschene, tief empfundene Platte voller eindringlich flüsternder Songs, die verzaubern und sehnsuchtsvoll machen und was sonst nicht noch alles. Auf einem Berg in Kentucky entstand der größte Teil dieser Aufnahmen, auf denen eine kleine Band und wundervolle Streicherarrangements zu hören sind, vor allem aber Stephanie und ihre akustische Gitarre. Es ist etwas sehr Tröstliches in diesen Liedern, die wohl von verlorenen Menschen und dunklen Herzen erzählen, aber doch ihren Frieden machen mit dem Ungemach des Seins. „Diese Worte kommen direkt aus meinem Leben, aus den tragischen Dingen, die ich erlebt habe“, sagt Dosen und nimmt sich nun doch ernst, „aber es geht dabei nicht um mich. Auch wenn das jetzt komisch klingt… Ich hoffe, dass die Worte und die Musik Menschen helfen, mit ihren eigenen schweren Stunden klarzukommen.”

Dass diese Lieder oft etwas Körperloses, Schlafwandlerisches an sich haben, kommt nicht von ungefähr. “In meinen Schreibphasen stelle ich meinen Wecker auf drei Uhr morgens und zwinge mich aufzustehen. Ich sitze dann einfach vor dem Aufnahmegerät und singe vor mich hin – tief in diesem Zustand zwischen Wachen und Schlafen, gar nicht ganz bei mir. Ich bin dann näher an den Türen der Inspiration und offener für das, was da kommt. Andere Leute nehmen Drogen, um dorthin zu gelangen. Ich schlafe einfach nicht.”
Man könnte hier jetzt noch viel erzählen von Stephanie und ihren Wachträumen und von den Geistern, zu denen sie spricht – aber das wäre zu einfach. Und, wie gesagt, zu einfach macht Stephanie es niemandem gern. “Sagen wir mal so: Ich habe ein Auge auf die Dinge, die man nicht sehen kann und spiele nicht unbedingt immer nur für mein physisch anwesendes Publikum”, lächelt sie, kommt sich dann aber gleich wieder zu ernst vor. “Vielleicht ist das auch alles nur blanker Unsinn und mein hilfloser Versuch, meine Spinnereien zu rechtfertigen.”

Gar nichts zu rechtfertigen brauchte Stephanie indes, als Simon Raymonde (Cocteau Twins-Legende und Chef von Bella Union) ihre Musik vor gut einem Jahr beim MySpace-Stöbern entdeckte und die Künstlerin flugs kontaktierte. Am Ende spielte er sogar den Bass auf “A Lily For The Spectre” selbst, was freilich einer Adelung gleichkommt. “Das alles ist wie ein Traum, ich muss mich dauernd kneifen”, sagt Stephanie und verspricht das Ende der Rebellion, “ich werde sicher nicht fünfmal dieselbe Platte machen, dafür habe ich zu viele Möglichkeiten im Kopf. Aber grundsätzlich bin ich da angekommen, wo ich hinwollte. Und ich werde vorerst nicht wieder weggehen.” Wir werden sie beim Wort nehmen.

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