Mit “Paris-Berlin”, dem siebten Studioalbum in zwölf Jahren, melden sich Françoise Cactus und Brezel Göring alias Stereo Total zurück – aufgedrehter, romantischer und härter als je zu vor und trotzdem unverkennbar wie eh und je. Nach einem kurzen Exil im Prenzlauer Berg leben die beiden mittlerweile wieder in Berlin-Kreuzberg, wo ich sie in ihrer charmant-chaotischen Altbauwohnung zum Interview traf.

Euer neues Album heißt “Paris-Berlin”. Hast du die Liebe zu deinem Heimatland wieder entdeckt, Françoise?

Françoise: Ach, Frankreich interessiert mich immer weniger. Und wo sie jetzt Sarkozy gewählt haben, wird da ja alles noch schlimmer. Deswegen wundert es mich auch gar nicht, dass irgendwie immer mehr Franzosen nach Berlin ziehen. Aber wir haben die Platte trotzdem “Paris-Berlin” genannt, weil es so einfach und blöd ist. Eine Französin und ein Deutscher machen zusammen Musik, mehr nicht! Bei “Do The Bambi” wurden wir mindestens 300 Mal gefragt, warum die Platte so heißt. Davon hatten wir so sehr die Nase voll, dass ich jetzt etwas ganz Einfaches nehmen wollte. Außerdem ist es doch ein gutes Bild für unsere deutsch-französische Freundschaft. Schließlich ist der typische Stereo Total-Sound auch ein Mischmasch aus deutschen und französischen Einflüssen.

Aber trotzdem finden sich auf dem neuen Album so viele englische Texte wie nie, oder?
F: Wirklich? Na, die hat aber dann alle Brezel geschrieben, denn ich bin mit englischen Texten ganz schlecht. Ich hatte nie Englisch in der Schule, sondern habe es mir mit einem Rolling Stones-Songbook beigebracht. Auf der einen Seite die Texte, auf der anderen eine miese französische Übersetzung.

Empfindet ihr selbst denn große Unterschiede zum letzten Album?

F: Unsere Platten sind doch eigentlich sowieso alle gleich, oder? Als wir neulich unser Best Of-Album zusammengestellt haben, fiel mir das wieder auf. Irgendwie denken wir zwar immer, wir hätten wieder etwas ganz Neues gemacht, aber wahrscheinlich bildet doch alles eine Einheit. Trotzdem ist die Atmosphäre dieses Mal anders, “Do The Bambi” war viel dunkler und trister, und der Sound war irgendwie glatter.
Brezel: Bei “Do The Bambi” habe ich teilweise wahnsinnig detaillierte Sachen gemacht, während wir dieses Mal versucht haben, die Platte möglichst schnell aufzunehmen. Die Musik sollte nicht aus einem permanenten Entscheiden und Problemelösen, sondern intuitiv entstehen und gleich beim ersten Mal aufgenommen werden.

Ihr seid immer unglaublich umtriebig und viel beschäftigt, neben der neuen Platte und der anstehenden Tour schreibt Françoise beispielsweise schon wieder an einem Buch. Habt ihr zu viel Zeit?

F: Gerade ist es wirklich mal wieder extrem und wird mir eigentlich zu viel. Wahrscheinlich sollte ich mal wieder ein paar Wochen zu meiner Mutter fahren und alle Telefone abschalten. Noch vor der Tour, die im August losgeht, muss mein Buch fertig sein, aber jetzt kommt ja die CD raus, weswegen wir natürlich auch Interviews geben und ein bisschen Schubidu machen müssen. Das ist langsam echt too much. Gerade, wo das Wetter so schön ist und man doch eigentlich den ganzen Tag in Cafés rumlungern könnte. Das stinkt mir schon ein bisschen.

Macht es überhaupt noch Spaß, auf Tour zu gehen?

F: Im August geht es wieder los, bis Ende Januar. Das wird wieder hart. Aber manchmal kann auf Tour fast relaxter sein als hier zu Hause, denn man kann ja den ganzen Tag im Bus rumlungern. Das ist zwar nicht spannend, aber schon gemütlich.
B: Trotzdem ist das Touren als solches schon spannend. Man sieht ja viele neue Städte, weiß gleich wo abends was los ist. Mich amüsiert es auch, mal durch Gegenden zu fahren, wo man sonst eigentlich nicht hinkommen würde. Touristisches Reisen interessiert mich ohnehin nicht so sehr, deswegen finde ich unsere Tour-Erfahrungen in anderen Ländern und Städten schon sehr privilegiert. In Berlin zu sein und nächtelang auszugehen ist jedenfalls manchmal viel anstrengender.

Die Tour wird euch ja sicherlich irgendwann auch wieder nach Frankreich führen. Habt ihr dort eigentlich genauso viele Fans wie in Deutschland?

B: Wir sind in Frankreich eigentlich ziemlich underground, und schon das letzte Album haben wir nur noch als Import herausgebracht. Es kommen zwar schon relativ viele Leute zu unseren Konzerten, aber im Radio sind wir zum Beispiel überhaupt nicht präsent. Dazu kommt, dass in Frankreich fast jeder Dritte Musik illegal aus dem Netz zieht – viel mehr als anderswo. Dabei finde ich es ja irgendwie sogar gut, wenn Leute sich unsere Musik runterladen. In Argentinien war ich ganz begeistert, wie viele Leute auf der Tour unsere Texte kannten, obwohl wir dort noch nie etwas veröffentlicht hatten. Von daher läuft das schon irgendwie alles in die richtige Richtung.

Interview: Patrick Heidmann