Wir sind unwürdig! Der lange überfällige Tribut an Superpunk. Jetzt auf Platte.

„Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen.“ Es gibt diesen einen Song-Titel, der alles umfasst. Das Leben, die Liebe und den ganzen verdammten Rest. Und natürlich Superpunk. Es gibt wenige Songs in diesem Land, die eine derartige Wirkmacht entfaltet haben wie dieser kleine dreckige Northern-Soul-Stampfer aus Hamburgs weniger gentrifizierten Ecken. Da mag es noch so viele Fehlfarben, Blumfeld, Tocotronic oder meinetwegen auch Ärzte oder Grönemeyer geben – an den Saft und die direkte Kraft dieser Worte lässt sich schlicht nicht heranreichen.

Superpunk – „Neue Zähne für meinen Bruder und mich“

Man kann Superpunk heutzutage in kleinen speckigen Kellerclubs erleben, vor vielleicht hundert Leuten, es sind diese Konzerte, die sich einem als Blut-Schweiß-und-Tränen-Happenings ins Gedächtnis einbrennen, bei denen alle johlen und glücklich sind, weil sie wissen, dass sie zwar nicht viele aber auf jeden Fall auf der richtigen Seite sind. Die richtige Seite ist selbstverständlich immer da, wo Superpunk stehen, wo es gilt, neue Zähne für den Bruder zu erpressen und gute Miene zum bösen Spiel des Lebens zu machen. Es ist das Szene-Update eines „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“, das einem immerhin von einem Gunter Gabriel noch in halbwegs tauglicher Erinnerung ist, zu einem „Auf ein Wort Herr Fabrikant“ (was ja eigentlich nichts anderes bedeutet als „Mitten in die Fresse, Herr Fabrikant“) oder einem „Mein zweiter Name ist Ärger“. Überhaupt, man kann sich ein x-beliebiges Superpunk-Album vornehmen und jede einzelne Textzeile als Tagesmotto auswählen, ohne jemals peinlich aufzufallen – zumindest in Kreisen, die nicht vergessen oder gar vergeben haben, dass das Proletariat immer wieder neu um seine Rolle als herrschende Klasse beschissen wird. Von den Kapitalisten, den Gentrifizierern, den Hipstern – allen also, die mit Sex, Gewalt und guter Laune oder wenigstens einem alten Ford Escort nicht wirklich etwas anzufangen wissen.

Ein Stück mehr als zehn Jahre gibt es Superpunk jetzt, anfangs waren sie so etwas wie eine heimliche Supergroup von quasi noch heimlicheren Indie-Geheimtipps wie Sand 11, Die Regierung, Huah, Die allwissende Billardkugel, Stella oder Die fünf Freunde. Eine wirklich große deutsche Band nach den doofen Maßstäben des deutschen Popzirkus sollte aus Superpunk selbstredend nie werden, stattdessen stehen sie spätestens seit dem immer noch omnipräsenten „Wasser marsch!“-Album von 2011 auf der nicht sehr umfangreichen Liste jener Bands, denen man bedenkenlos Wohnung und Auto überlassen würde – in der sicheren Gewissheit danach beides neu anschaffen zu müssen. Oder kurz gesagt: Superpunk sind ohne Zweifel die credibelste Band unter der Sonne.

Das ist jetzt auch dokumentiert. Vier Hand voll Musiker haben sich nicht sehr lange bitten lassen zum Tribut-Album, das sich einmal quer durch das mehr oder weniger hitverdächtige Schaffen der Hamburger holzt. Einige übliche Verdächtige sind dabei – Die Sterne, Thees Uhlman, Andreas Dorau, Die Aeronauten –, einige bekannte Namen aus neuen und alten Zeiten – Fettes Brot, Egotronic, Madsen – und vor allem auch Jasmin Wagner, die manche aus einem früheren Leben als Blümchen misswiedererkennen könnten, die aber mit „Die Versuchung“ vor inzwischen auch schon fünf Jahren eines der meistunterschätzten Female-Pop-Alben des Landes aufgenommen hat und auch sonst ganz gut angesehen ist in diesen Hamburger Kreisen, mit denen man als Superpunk halt so Umgang hat. Da passt dann auch wieder eine der unzähligen Superpunk-Wahrheiten, denn am Ende gilt immer: „Bleib deinen Freunden treu.“ Und natürlich: „Rock’n’Roll will never dead!“

Augsburg

Various Artists: Oh, dieser Sound / Stars spielen Superpunk

VÖ: 6.5.2011

Label: Tapete / Indigo

Tracklist:
1. G.Weida – „’The Honest Man’-Theme“
2. Fettes Brot – „Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen“
3. Bernd Begemann & Die Befreiung – „Ich bin ein Snob/Ich bin nicht so wie jeder andere auch“
4. Al Supersonic & The Teenagers – „Only one Life (Ich weigere mich aufzugeben)“05. Nom de Guerre – „Ford Escort“
6. Madsen – „Matula hau mich raus“
7. Egotronic – „Die Bismarck“
8. Die Sterne – „Ich weigere mich aufzugeben“
9. Mobylettes – „In der Bibliothek“
10. Frank Popp Ensemble – „This World Is Not Made For Me (Diese Welt ist nicht für mich gemacht)“
11. Der Englische Garten – „Parties in München“
12. Tele – „Beau Rivage“
13. Das Bierbeben – „Allein in eisigen Tiefen“
14. Thees Uhlmann – „Ein bisschen Seele“
15. Station 17 – „Neue Zähne für meinen Bruder und mich“
16. Anajo – „Ja, ich bereue alles“
17. Aeronauten – „Baby, ich bin zu alt“
18. Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune feat. Alex Wunderbar – „Das Feuerwerk ist vorbei“
19. Andreas Dorau – „In der Zentralbibliothek, erster Stock, ganz hinten links“
20. Jasmin Wagner – „Oh, Dieser Sound!“
21. G.Weida – „’The Honest Man’-Theme (Encore)“